Corona-Lockdown für Gastronomie und Co.: Boris Palmer und Dutzende Rathauschefs sind dagegen!

Tübingen - Deutschlandweit steigt die Zahl der Corona-Infizierten, ab Montag gilt ein "Lockdown light", unter anderem müssen Gaststätten und Fitness-Studios schließen. Jetzt haben sich Dutzende Stadtoberhäupter im Ländle an den Landesvater gewandt - unter anderem Boris Palmer (48, Grüne).

Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer.
Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer.  © Fabian Sommer/dpa

Der Appell der insgesamt 36 Rathauschefs ist auf der Homepage der Stadt Tübingen zu finden. In dem Schreiben an Baden-Württembergs Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann (72, Grüne) steht, man wisse dass die Lage ernst sei und man der weiteren Ausbreitung des Coronavirus entschieden entgegentreten müsse.

Dem Landesvater sichern die Unterzeichner ihre volle Unterstützung zu. "Wir können aber nur erfolgreich sein, wenn wir auch die Bürgerinnen und Bürger vom Sinn der Maßnahmen überzeugen können", ist zu lesen. Das falle bei den in Berlin gefassten Beschlüssen schwer.

"Wir fragen uns, nach welchen Kriterien die Bereiche ausgewählt wurden, die nun komplett geschlossen werden sollen. Theater, Oper, Kino, Gastronomie, Hotellerie und Cafés haben gute Hygienekonzepte etabliert und sind als Treiber des Infektionsgeschehens nach unserer Kenntnis von eher geringer Bedeutung", heißt es. "Es ist für uns nicht ersichtlich, dass durch den kompletten Lockdown dieser Bereiche das Tempo der Pandemie ausreichend gebremst werden könnte."

Und weiter: "Es scheint, als liege der Auswahl der Schließungsbereiche die Annahme zugrunde, dass diese am ehesten entbehrlich seien. Dieser Auffassung treten wir entgegen." 

Gefahr für Zusammenhalt in der Stadt?

Der Adressat des Schreibens: Ministerpräsident Winfried Kretschmann.
Der Adressat des Schreibens: Ministerpräsident Winfried Kretschmann.  © Sebastian Gollnow/dpa

Kunst, Kultur und Gastronomie machten das Leben in den Städten wesentlich aus. Sie einfach abzuschalten, gefährde auf Dauer Bürgersinn, Zusammenhalt und Lebensgeist der Stadtgesellschaften. "Wir sehen die Gefahr, dass die Maßnahmen damit das gefährden, was wir zuallererst brauchen, um die Pandemie durchzustehen."

Das gelte umso mehr, als dass die Schließungen bis zum Ende des Monats befristet sein sollen, die Unterzeichner darauf aber nicht vertrauen könnten. "Im Gegenteil. Es ist zu befürchten, dass die Pandemie durch diese sektoralen Eingriffe so wenig gebremst wird, dass sie bis zum Frühjahr verlängert werden müssen."

Das hätte laut Schreiben gravierende Strukturbrüche zur Folge. "Allein mit Geld kann man Unternehmergeist, Kreativität und Leistungswillen nicht erhalten. Dauerhafte Abwertung und Untätigkeit wird viele zum Aufgeben treiben. Was dadurch zerstört wird, ist auf lange Zeit nicht mehr wiederherzustellen."

Verfasser: Gastronomie mit Heizstrahlern und Decken unbedenklich

Hat auch unterzeichnet: Schwäbisch Gmünds Oberbürgermeister Richard Arnold.
Hat auch unterzeichnet: Schwäbisch Gmünds Oberbürgermeister Richard Arnold.  © Christoph Schmidt/dpa

Die Stadtoberhäupter appellieren deshalb an Kretschmann, die Umsetzung der Beschlüsse im Landesrecht nochmals auf den Prüfstand zu stellen: "Wir sind uns im Klaren, dass Baden-Württemberg keine völlig andere Linie fahren wird. Aber wir hielten es für angemessen, dem Infektionsschutz bei der Definition der Maßnahmen einen höheren Stellenwert zu geben und von gänzlich abstrakten Verboten Abstand zu nehmen."

Beispielsweise sei Gastronomie mit Decken oder Heizstrahlern an der frischen Luft in den Augen der Unterzeichner völlig unbedenklich. 

Der Besuch einer Kunstausstellung oder einer Theatervorstellung könne durch weiter verschärfte Besucherzahlgrenzen, Masken und Abstände sicher gestaltet werden.

"Wir bitten Sie, diese Differenzierungen nochmals zu erwägen, bevor ein allzu pauschaler Lockdown angeordnet wird", heißt es abschließend.

Unterzeichner des Appells sind neben Palmer unter anderem OB Richard Arnold aus Schwäbisch Gmünd (61, CDU), OB Thomas Keck aus Reutlingen (57, SPD) und OB Ulrich Fiedler aus Metzingen (48, parteilos).

Titelfoto: Montage: Screenshot tuebingen.de, Fabian Sommer/dpa

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