Drohte keine Überlastung der Intensivstationen? Boris Palmer kritisiert Journalisten

Tübingen - Wurde im Vorfeld der bundesweiten Corona-Notbremse mit Angst gearbeitet? Und: Drohte keine Überlastung der Intensivstationen? Ein Interview der Welt lässt Zweifel aufkommen. Auch Boris Palmer (48, Grüne) äußert sich jetzt kritisch.

Tübingens OB Boris Palmer (48, Grüne).
Tübingens OB Boris Palmer (48, Grüne).  © Fabian Sommer/dpa

Medizinprofessor Matthias Schrappe (66) hatte gemeinsam mit neun Wissenschaftlern am Sonntag ein Thesenpapier (hier nachzulesen) veröffentlicht.

Darin geht es etwa um manipulierte Statistiken und Subventionsbetrug!

"Im Rückblick tun sich Fragezeichen auf, ob da redlich gespielt wurde", so Schrappe im Interview mit der Welt.

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Auch stünde fest: "Die Angst vor knappen Intensivkapazitäten oder der Triage war unbegründet."

Das Papier sowie das Interview sorgte für Wirbel und erhielt schnell deutlichen Widerspruch. Unter anderem von SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach (58). Der sagte über die "gravierenden Vorwürfe": "Ich halte sie für absolut abwegig, zynisch und nicht zutreffend."

Der SPD-Mann glaube, dass sich die Gruppe in etwas verrannt habe.

Am Dienstag meldete sich auch Deutschlands wohl bekanntester Rathauschef zu Wort. Auf seiner Facebook-Seite schrieb Boris Palmer: "Zur Durchsetzung der Bundesnotbremse wurden vor allem die Intensivstationen bemüht. Das Personal verlässt diese. Dafür gibt es gar keine Belege, niemand hat eine solche Statistik."

Boris Palmer äußerte sich am Dienstag ausführlich auf Facebook

Tübinger OB: "Die meisten Medien hatten klare Linie"

Gesundheitsexperte Karl Lauterbach (58, SPD).
Gesundheitsexperte Karl Lauterbach (58, SPD).  © Kay Nietfeld/dpa

Und weiter: "Die Triage droht. War immer unglaubwürdig, weil viele Nachbarländer weitaus höhere Inzidenzen hatten und weniger Intensivbetten, aber trotzdem nie eine Triage. Und wenn sonst kein Argument hilft, dann muss es eben die Gefährlichkeit der Mutation sein."

Lauterbach habe in vielen Talkshows erklärt, dass junge Menschen, die damit nicht rechneten, schwer erkrankten oder sterben würden. "Das war eine Schätzung. Aber eine gegen jede Statistik, denn es gab keinerlei Hinweise darauf, dass plötzlich das Alter der Intensivpatienten im Schnitt um mehr als 20 Jahre abstürzt."

Dann übt Palmer Medien-Kritik: "Warum wurde das alles so bereitwillig verbreitet, kaum hinterfragt und bis heute nur in der Welt am Sonntag korrigiert?"

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Die Antwort liege auf der Hand: "Die meisten Medien hatten eine klare Linie. Nur Bild und Welt kritisierten die Regierung, nahezu alle anderen stellten sich hinter die Lockdownpolitik. Bild ist aber blöd und kann gar nicht richtig liegen."

Edle Absichten dürfe man unterstellen. "Nicht anders als 2015 in der Flüchtlingskrise. Aber es ist einfach nicht die Aufgabe von Journalismus, die eigenen Ängste oder Haltungen unter die Leute zu bringen, sondern möglichst objektiv zu informieren."

Der grüne OB von Tübingen will wissen: "Wie viele soziale und wirtschaftliche Existenzen wurden durch diese Politik und diese Art von Journalismus vernichtet? Warum waren die Schweizer und die Österreicher in der Lage, Konzeptöffnungen zu realisieren, während wir uns nie von der verfehlten Inzidenzsteuerung lossagen konnten?"

Sein Fazit: "Es gibt einiges aufzuarbeiten nach der dritten Welle."

Titelfoto: Montage: Kay Nietfeld/dpa, Fabian Sommer/dpa

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