Schule und Corona: Boris Palmer will unsere Kinder wieder im Klassenzimmer sehen

Tübingen - Videoschalten zu den Klassenkameraden und Wechselunterricht: Die Corona-Pandemie hat einen Schulbesuch, wie ihn frühere Generationen kannten, unmöglich gemacht. Nun meldet sich Tübingens OB Boris Palmer (48, Grüne) mit einer klaren Forderung zu Wort.

Tübingens Rathauschef Boris Palmer (48, Grüne).
Tübingens Rathauschef Boris Palmer (48, Grüne).  © Marijan Murat/dpa

"Dieses Schuljahr ist weitgehend gelaufen", konstatiert Deutschlands wohl bekanntester Rathauschef auf seiner Facebook-Seite. "Wie wird das nächste?"

Für den 48-Jährigen ist klar: Es braucht vollständigen Präsenzunterricht!

"Wechselunterricht oder gar präventives Homeschooling würden den Kindern mehr schaden als Nutzen", so der Grünen-Politiker.

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Wie er zu dieser Schlussfolgerung kommt? "Auf der einen Seite steht das Risiko von Covid-19. Ohne Frage, jedes schwer kranke Kind ist eine Tragödie, erst recht jedes tote Kind."

Und weiter: "Wir hatten leider im vergangenen Jahr mehr schwer verletzte und tote Kinder im Straßenverkehr als durch Covid-19. Das führt nicht dazu, dass wir die Kinder unter Hausarrest stellen."

Nehme man als Maßstab die Kinder, die ins Krankenhaus müssten, so ergebe sich bei den 5-20-Jährigen eine Rate von 1:100, führt Palmer aus: "Das ist der Wert ohne Dunkelziffer. In der Intensivstation wird eines von 8000 Kindern behandelt. Nimmt man eine Dunkelziffer von drei an - das ist bei Kindern konservativ, weil viele gar nichts merken von der Erkrankung - so sind Intensivpatienten und Todesfälle bei einem von 20.000 erkrankten Kindern zu erwarten."

Einschließlich der Langzeitschäden bleibe Covid-19 im Risikospektrum der Influenza. "Denn auch diese führt in derart seltenen Fällen zum Tode. In den USA z. B. sterben jedes Jahr 100 Kinder an der Influenza. Auf der anderen Seite stehen gravierende seelische Störungen durch den Verlust des sozialen Umfelds und gebrochene Bildungsbiografien."

Palmer warnt: "Wird viele ihr ganzes Leben belasten"

Die Schüler im Ländle will Palmer wieder im Präsenzunterricht sehen. (Symbolbild)
Die Schüler im Ländle will Palmer wieder im Präsenzunterricht sehen. (Symbolbild)  © Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Es werde immer deutlicher, wie schwer Kinder und Jugendliche unter den Schulschließungen gelitten hätten. "Und das wird viele ihr ganzes Leben belasten", ist sich der 48-Jährige sicher. "Es verschärft außerdem die soziale Spaltung der Gesellschaft."

Für ihn steht darum fest: "Der Schaden von allgemeinen Schulschließungen ist im kommenden Schuljahr größer als der Nutzen, wenn man nur die Kinder und Jugendlichen selbst betrachtet."

Was Impfungen für Kinder und somit den Schutz älterer Bürger angeht, so schreibt Palmer, dass das Risiko von Corona für Kinder und Jugendliche so klein sei, dass die Impfung möglicherweise keine Verbesserung bringe: "Die Impfung ist zwar extrem sicher, aber schwere Nebenwirkungen oder Todesfälle im Bereich von 1:10.000 bis 1:100.000 sind möglich. Es gibt bis heute also keine Daten, anhand derer man sicher sagen könnte, welches Risiko für Kinder und Jugendliche größer ist: Impfung oder Infektion?"

Mit dem Normalbetrieb der Schulen zu warten, bis alle Kinder und Jugendlichen geimpft wurden, sei in seinen Augen nicht richtig.

"Und die Infektion der Älteren sollte ab Herbst kein Thema mehr sein. Bis dahin wird jeder ein Impfangebot haben. Wer das ablehnt, tut das aus eigener Verantwortung und kann nicht verlangen, dass Kinder deswegen nicht zur Schule gehen", so der Oberbürgermeister.

Titelfoto: Montage: Karl-Josef Hildenbrand/dpa , Marijan Murat/dpa

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