FDP-Chef Lindner sorgt für Corona-Eklat: Tagesthemen-Moderator irritiert

Deutschland - Der FDP-Bundesvorsitzende Christian Lindner (42) hat am Freitagabend mit einem Interview in den Tagesthemen (ARD) für Aufsehen und Empörung gesorgt: Der Politiker behauptete mit Nachdruck, es sei wissenschaftlich gesichert, dass Kontaktbeschränkungen und Ausgehverbote zur Eindämmung der aktuell wieder stark anziehenden Coronavirus-Pandemie untauglich seien.

Tagesthemen-Moderator Ingo Zamperoni (47, l.) interviewte am Freitagabend den FDP-Bundesvorsitzenden Christian Lindner (42).
Tagesthemen-Moderator Ingo Zamperoni (47, l.) interviewte am Freitagabend den FDP-Bundesvorsitzenden Christian Lindner (42).  © Screenshot/tagesschau.de

Tagesthemen-Moderator Ingo Zamperoni (47) interviewte den Chef der FDP zu den Plänen der im Werden begriffenen Ampel-Koalition im Bund aus SPD, Grünen und Liberalen, die vom Bundestag ursprünglich beschlossene "Epidemische Lage von nationaler Tragweite" auslaufen zu lassen.

Dabei erinnerte Zamperoni an die dramatisch ansteigenden Infektionszahlen der letzten Tage sowie die sich anbahnenden Notsituation auf vielen Intensivstationen in Deutschland.

Vor diesem Hintergrund fragte der Moderator, weshalb die Ampel-Koalitionäre in spe bei ihrem geplanten Gesetz zur Neuregelung der Corona-Maßnahmen auf die prinzipielle Möglichkeit, Ausgeh- und Kontaktbeschränkungen zu verhängen, von vornherein verzichteten.

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Die Antwort von Christian Lindner darauf lautete: "Weil diese Maßnahmen nach wissenschaftlichen Untersuchungen keine Wirksamkeit haben."

Die Aussage befremdet zu Recht, gehörten Kontaktbeschränkungen und Ausgehverbote doch im bisherigen Verlauf der Pandemie zu den wichtigsten Instrumenten zur Bekämpfung des Coronavirus Sars-CoV-2 – führende Virologen wie etwa Christian Drosten (49), Professor an der Charité in Berlin, hatten diese mehrfach eingefordert.

Ingo Zamperoni fragte daher auch sichtlich irritiert nach: "Verstehe ich sie richtig, sie sagen, Kontaktbeschränkungen und Ausgehverbote sind nicht wirksam?"

Lindner: "Ich verstehe nicht, dass sich die Debatte auf unwirksame Maßnahmen konzentriert "

Der FDP-Chef sorgte mit seiner öffentlich vorgetragenen Leugnung der Wirksamkeit von Kontaktbeschränkungen zur Pandemie-Bekämpfung für Aufsehen und Empörung.
Der FDP-Chef sorgte mit seiner öffentlich vorgetragenen Leugnung der Wirksamkeit von Kontaktbeschränkungen zur Pandemie-Bekämpfung für Aufsehen und Empörung.  © Screenshot/tagesschau.de

Der FDP-Chef blieb bei seiner Aussage: Es gebe wissenschaftliche Untersuchungen "zur tatsächlichen Wirksamkeit von Ausgangsbeschränkungen", betonte er, womit er seine vorherige Behauptung unterstützen wollte.

Eventuell wurde dem FDP-Politiker während er sprach bewusst, wie angreifbar er sich mit einer derartigen generellen Leugnung der Wirkung von Kontaktbeschränkungen vor dem Hintergrund der zurückliegenden Pandemie-Erfahrungen macht, denn er fügte nachträglich hinzu: "Zum Beispiel für geimpfte Menschen."

Danach ging Christian Lindner zu der Frage über, welche Maßnahmen zur Pandemie-Bekämpfung stattdessen wichtig seien. Er nannte insbesondere das "Impfen und das Boostern", hier müsse "gesamtstaatlich" viel mehr unternommen werden.

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Im Anschluss daran unterstrich der FDP-Bundesvorsitzende noch einmal: "Ich verstehe nicht, dass sich die Debatte konzentriert auf unwirksame Maßnahmen und auf Ultima-Ratio-Maßnahmen, die wir nicht brauchen, um die Pandemie einzuschränken."

Empörungswelle auf Twitter: Christian Lindner fühlt sich missverstanden

FDP-Chef Christian Lindner (42) sah sich angesichts der anschwellenden Empörungswelle offenbar zu einer Klarstellung auf Twitter gezwungen.
FDP-Chef Christian Lindner (42) sah sich angesichts der anschwellenden Empörungswelle offenbar zu einer Klarstellung auf Twitter gezwungen.  © Screenshot/Twitter/Christian Lindner

Auf Twitter brach sich unter dem Hashtag #Lindner am Samstag die Empörung über die Auslassungen Christian Linders Bahn.

"Es geht #Lindner nicht um irgendwelche 'wissenschaftlichen Erkenntnisse', es geht ihm allein darum, dass er in seinem neuen Infektionsschutzgesetz zu 100% die FDP-Linie der letzten anderthalb Jahre festschreiben will", heißt es etwa in einem der zahlreichen Tweets.

"Wer glaubt, es sei nicht erwiesen, dass Kontaktbeschränkungen etwas zur Pandemiebekämpfung beitragen können, leugnet wissenschaftliche Erkenntnisse und hat nichts in Regierungsverantwortung zu suchen! #Lindner", ist in einer anderen Kurznachricht vom Samstag zu lesen.

Der so gescholtene FDP-Chef registrierte offenbar die sich nach und nach auftürmende Empörungswelle, weshalb er sich zu einer Klarstellung auf Twitter entschloss.

Am Samstagvormittag veröffentlichte der 42-Jährige diesen Tweet: "Wenn ich in den #tagesthemen missverständlich war, bedauere ich das. Denn ich werbe für konsequente und wirksame Maßnahmen! An Kontaktbeschränkungen zweifele ich nicht, sondern nur zum Beispiel an der Verhältnismäßigkeit von Ausgangssperren für Geimpfte. CL"

Damit nutzte er die rhetorische Hintertür, die er sich in dem Tagesthemen-Interview mit seinem nachträglichen Zusatz "Zum Beispiel für geimpfte Menschen" geschaffen hatte.

Dazu muss klar gesagt werden: Mit der Formulierung "Zum Beispiel" hat Christian Lindner gegenüber Ingo Zamperoni tatsächlich gesagt, dass er Kontaktbeschränkungen auch für nicht geimpfte Menschen als sinnlos erachtet, denn er gebrauchte die Geimpften ja nur als ein "Beispiel" für verschiedene Fälle – er schloss also auch nicht geimpfte Personen indirekt mit ein.

Titelfoto: Screenshot/tagesschau.de

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