Lauterbach: "Mehrere Hunderttausend Fälle pro Tag" - So schlimm wird die Pandemie noch

Berlin - Die Infektionszahlen in Deutschland schießen immer weiter in die Höhe, am Donnerstagmorgen wurden 133.536 Corona-Neuinfektionen gemeldet. Laut Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (58, SPD) ist die Spitze jedoch noch lange nicht erreicht. Bund und Länder beraten am Montag, wie es weitergehen soll.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (58, SPD) rechnet mit steigenden Infektionszahlen. Am heutigen Donnerstag wurde ein neuer Höchstwert erreicht.
Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (58, SPD) rechnet mit steigenden Infektionszahlen. Am heutigen Donnerstag wurde ein neuer Höchstwert erreicht.  © dpa/Kay Nietfeld

Lauterbach rechnet bis Mitte Februar mit mehreren Hunderttausend Corona-Neuinfektionen am Tag. Es sei mit Blick auf realistische Szenarien davon auszugehen, "dass die Welle Mitte Februar ungefähr ihren Höhepunkt haben wird und dass wir dann mehrere Hunderttausend Fälle pro Tag erwarten müssen", sagte der SPD-Politiker am Mittwochabend in der ZDF-Sendung "Markus Lanz".

Es sei nicht gesagt, dass es zu den Szenarien komme, aber "die haben die größte Wahrscheinlichkeit".

Dabei gebe es Länder, die solche Zahlen auch mit Blick auf die Intensivstationen verkraften könnten, in Deutschland sei die Lage jedoch eine andere. "Da wir in Deutschland eine hohe Zahl von Ungeimpften bei den Älteren haben, kann es bei uns ganz anders ausgehen als beispielsweise in Italien, Frankreich oder England", sagte Lauterbach. In England liege etwa die Zahl der Ungeimpften in der Gruppe der über 50-Jährigen bei ein bis zwei Prozent. "Das sind Werte, an die wir nicht herankommen."

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In Deutschland übermittelten die Gesundheitsämter dem Robert Koch-Institut am Mittwoch erstmals mehr als 100.000 Neuinfektionen. Bislang spiegelt sich die von der Virusvariante Omikron ausgelöste Welle jedoch nicht auf den Intensivstationen. Dort ist die Zahl der Corona-Patienten laut Medizinervereinigung Divi seit der ersten Dezemberhälfte von rund 5000 auf zuletzt 2664 gesunken.

Momentan infizieren sich vergleichsweise wenig Ältere, die besonders anfällig für schwere Verläufe sind. Eher junge Menschen sind betroffen.

"Belastungsprobe" für Krankenhäuser erwartet

Krankenschwestern versorgen einen Corona-Patienten auf der Intensivstation einer Klinik.
Krankenschwestern versorgen einen Corona-Patienten auf der Intensivstation einer Klinik.  © dpa/AP/Daniel Cole

Lauterbach sagte zu der sinkenden Hospitalisierungsrate, dies sei eine "irrelevante Momentaufnahme", da die Welle, die aktuell in England und Frankreich laufe, in Deutschland erst noch komme.

"Die richtige Belastung auf den Intensivstationen würde ich Mitte, Ende Februar erwarten, das ist noch ein Monat hin und dann hoffe ich, dass es dann noch gut aussieht", sagte Lauterbach. "Das wird die Belastungsprobe sein, nicht das, was wir jetzt sehen."

In den vergangenen Wochen stiegen die Fallzahlen etwa in Frankreich rasant an. Am Dienstag meldete das Land etwa knapp 465.000 Corona-Neuinfektionen innerhalb eines Tages. Zuletzt lag der Inzidenzwert, also die Zahl der Ansteckungen auf 100.000 Einwohnerinnen und Einwohner innerhalb einer Woche, landesweit bei 3063.

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Auch in Großbritannien überschritt die Inzidenz zeitweise die Marke von 2000. Mittlerweile gehen dort die Zahlen jedoch wieder zurück.

Angesichts knapper werdender PCR-Tests will Lauterbach Beschäftigte in sensiblen Gesundheitseinrichtungen bei der Laborauswertung bevorzugen. "Wir werden tatsächlich so hohe Fallzahlen bekommen, dass wir die PCR verteilen müssen, priorisieren müssen, dazu werde ich am Wochenende einen Vorschlag vorlegen, wie das passieren soll", kündigte Lauterbach an Mittwochabend an.

Die Beschlussvorlage soll laut Lauterbach am Montag bei erneuten Beratungen von Bund und Länder beschlossen werden.

Kommt die Impfpflicht?

Kommende Woche soll erstmals im Bundestag über die Impfpflicht debattiert werden. (Symbolbild)
Kommende Woche soll erstmals im Bundestag über die Impfpflicht debattiert werden. (Symbolbild)  © dpa/Christian Charisius

Die SPD-Fraktion will sich derweil bei ihrer Klausurtagung am heutigen Donnerstag für eine zügige Entscheidung im Bundestag über die Impfpflicht stark machen. Die Überwindung der Corona-Pandemie habe "absoluten Vorrang", heißt es in dem Entwurf der Fraktionsführung für ein Arbeitsprogramm, das bei der Tagung beschlossen werden soll.

"Die parlamentarischen Beratungen zur Impfpflicht werden wir zügig und mit der gebotenen Sorgfalt voranbringen." Ein Zeitplan wird in dem Papier allerdings nicht genannt.

Geplant ist aber, dass nach einer "Orientierungsdebatte" in der kommenden Woche aus den Reihen der Fraktion Eckpunkte für einen Gesetzentwurf vorgelegt werden. Auf dieser Grundlage soll dann mit Parlamentariern anderer Fraktionen über einen gemeinsamen Gruppenantrag beraten werden, über den möglichst bis Ende März abgestimmt werden soll. Lauterbach hat sich für ein Inkrafttreten im April oder Mai ausgesprochen.

Deutsche Kliniken drängen unterdessen in der Impfpflicht-Debatte auf mehr Tempo. "Wir haben die große Sorge, dass die Politik den richtigen Zeitpunkt für eine Impfpflicht verpasst und wir bei der nächsten Variante wieder vor den gleichen Problemen in den Krankenhäusern stehen", sagte der Vorstandsvorsitzende der Deutschen Krankenhaus-Gesellschaft (DKG) Gerald Gaß der Augsburger Allgemeinen.

Auch Bundesjustizminister Marco Buschmann (44, FDP) spricht sich für eine "zügige Entscheidung" aus. Die Frage müsse aber vorher im Parlament sorgfältig diskutiert werden. "Der Bundestag hat allerdings wiederholt gezeigt, dass er in der Lage ist, Tempo und Sorgfalt miteinander zu verbinden", sagte der FDP-Politiker der Passauer Neuen Presse.

Die aktuelle Corona-Lage in Deutschland im Überblick

Die vom Robert Koch-Institut (RKI) gemeldete bundesweite 7-Tage-Inzidenz hat erstmals die Schwelle von 600 überschritten. Das RKI gab den Wert der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner und Woche am Donnerstagmorgen mit 638,8 an.

Die Gesundheitsämter in Deutschland meldeten dem RKI binnen eines Tages 133.536 Corona-Neuinfektionen. Das geht aus Zahlen hervor, die den Stand des RKI-Dashboards von 5.01 Uhr wiedergeben. Deutschlandweit wurden nach den neuen Angaben binnen 24 Stunden 234 Todesfälle verzeichnet.

Das RKI zählte seit Beginn der Pandemie 8.320.386 nachgewiesene Infektionen mit Sars-CoV-2. Die tatsächliche Gesamtzahl dürfte deutlich höher liegen, da viele Infektionen nicht erkannt werden.

Die Zahl der in Kliniken aufgenommenen Corona-Patienten je 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen gab das RKI am Mittwoch mit 3,34 an (Dienstag: 3,17).

Die Zahl der Genesenen gab das RKI am Donnerstagmorgen mit 7.139.800 an. Die Zahl der Menschen, die an oder unter Beteiligung einer nachgewiesenen Infektion mit Sars-CoV-2 gestorben sind, stieg auf insgesamt 116.315.

Titelfoto: dpa/Kay Nietfeld

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