Gesundheitsexperte Lauterbach fordert Stopp des Tübinger Modells!

Tübingen - Nach Zweifeln an einem Erfolg des bundesweit beachteten Modellprojekts in Tübingen mit Öffnungsschritten und verstärkten Tests fordert der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach (58) einen Stopp dieser Versuche.

SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach (58).
SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach (58).  © Kay Nietfeld/dpa

"Sie geben das falsche Signal", schrieb Lauterbach am Dienstag auf Twitter.

Das Tübinger Projekt zeige, dass unsystematisches Testen mit Öffnungsstrategien die schwere dritte Corona-Welle nicht aufhalten werde. "'Testen statt Lockdown' ist Wunschdenken, genau wie 'Abnehmen durch Essen'", schrieb der SPD-Politiker.

Mit Blick auf die Zahlen im Landkreis Tübingen plädierte er für eine Ausgangsbeschränkung und die "Notbremse", um das Wachstum der 7-Tage-Inzidenz zu stoppen.

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Sie misst die Zahl der registrierten Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner binnen einer Woche.

Außerdem müsse es möglich werden, Cluster über die Pflicht zur Testung in Betrieben und Schulen schnell zu erkennen. "So schafft man die Voraussetzung für Lockerungen", twitterte der Bundestagsabgeordnete.

Lauterbach bekannt für Kritik am Tübinger Weg

Lauterbach ist bekannt für seine Kritik am Tübinger Sonderweg. Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (48, Grüne) und die Pandemiebeauftragte der Neckarstadt, Lisa Federle (59), hatten diese zunächst zurückgewiesen.

Das Stadtoberhaupt hatte am Montagabend aber auch eingeräumt, in der Modellkommune Tübingen seien die Corona-Fallzahlen ebenfalls stark gestiegen. Der Anstieg sei jedoch in etwa so hoch wie dort, wo mit Schließungen gearbeitet werde, hatte der OB gesagt. Der Anstieg mache ihm keine Sorgen.

In Tübingen läuft seit Mitte März ein Modellprojekt zu mehr Öffnungsschritten in Corona-Zeiten. An neun Teststationen können die Menschen kostenlose Tests machen, das Ergebnis wird bescheinigt. Damit kann man in Läden, zum Friseur oder auch in Theater und Museen.

Update 18.33 Uhr: Boris Palmer hat inzwischen auch Bedenken

Wie Boris Palmer laut Stuttgarter Zeitung in einem Zwischenbericht ans Sozialministerium formuliert: "Die Entwicklung der Fallzahlen ist in der zweiten Woche des Versuchs kritischer zu bewerten als in der ersten." Es gebe noch keine Hinweise, dass die kontrollierten Öffnungen zu einem Anstieg der Infektionszahlen geführt hätten. "Dies kann aber angesichts der stark gestiegenen Inzidenz insgesamt auch nicht mehr sicher ausgeschlossen werden."

Der Oberbürgermeister bittet den Test weiterlaufen zu lassen:"Statt eines Abbruchs des Projekts wäre die Einführung zusätzlicher Testpflichten erwägenswert", schreibt er in seinem Bericht. Darüber hinaus würde er gerne in Betrieben und Schulen zwei Mal wöchentlich Schnelltests durchführen.

Update 19.26 Uhr: Noch kein Grund das Projekt zu beenden

Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer (Grüne) hatte am Montagabend eingeräumt, in der Modellkommune Tübingen seien die Corona-Fallzahlen stark gestiegen. Der Anstieg sei jedoch in etwa so hoch wie dort, wo mit Schließungen gearbeitet werde, hatte der OB gesagt. Der Anstieg mache ihm keine Sorgen. Auch am Dienstag sah er keinen Grund, das Projekt zu beenden. Die Sieben-Tage-Inzidenz liege im Bundesvergleich "immer noch günstig", sagte er dem SWR.

Palmer appellierte an Auswärtige, die Stadt erstmal nicht zu besuchen. Man wolle herausfinden, ob sich das Infektionsgeschehen in einer Stadt mit engmaschigen Tests unter Kontrolle bringen lasse, teilte er mit. "Tagesgäste, die sonst nie hier sind, stören den Versuch und zerstören die Akzeptanz bei den Tübingern. Daher fordere ich alle Gäste, die nur wegen des Öffnungsversuches nach Tübingen reisen wollen, jetzt auf, der Stadt fern zu bleiben."

Auch laut der Pandemiebeauftragten der Neckarstadt, Lisa Federle, halten sich Menschen teilweise nicht an die Regeln. "Wir müssen da stärker kontrollieren und müssen auch mehr Einschränkungen machen", sagte Federle im Interview mit RTL/ntv. Viele trügen in der Stadt keine Masken mehr und hielten sich nicht an Abstandsregeln. "Das ist nicht Sinn der Sache. Getestet werden bedeutet nicht, ich kann tun und lassen was ich will", sagte Federle. Ein positiver Effekt der Schnellteststrategie sei aber, dass es in Tübingen eine sehr niedrige Dunkelziffer von Infizierten gebe. Im Schnitt sei einer von 1000 Getesteten positiv. "Wir haben mindestens 40.000 Tests letzte Woche gemacht. Wir haben 40 Positive rausgeholt."

Titelfoto: Kay Nietfeld/dpa

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