Kretschmer will auch weiterhin mit Kritikern der Corona-Schutzmaßnahmen reden

Dresden - Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (46, CDU) will in der Corona-Krise auch für Kritiker von Schutzmaßnahmen ansprechbar bleiben.

Sachsens Ministerpräsident, Michael Kretschmer (46, CDU) setzt darauf, miteinander zu reden.
Sachsens Ministerpräsident, Michael Kretschmer (46, CDU) setzt darauf, miteinander zu reden.  © Robert Michael/dpa

"Wir müssen gegen die Polarisierung der Gesellschaft arbeiten. Mir liegt in dieser aufgeheizten Stimmung viel daran, vernünftig miteinander umzugehen. Man darf den Gesprächsfaden nicht abreißen lassen", sagte er der Deutschen Presse-Agentur in Dresden.

Er wolle nicht den Stab über alle Demonstranten bei den Corona-Protesten brechen. Bei weitem nicht alle seien Rechtsextreme oder Leugner der Pandemie. "Man sollte Brücken bauen und Leuten damit die Möglichkeit geben, ihre Positionen verändern zu können."

Kretschmer zufolge haben Demonstrationen Zulauf, weil es gerade in sozialen Netzwerken viele Falschinformationen gibt. "Wer über Monate Lügen hört, für den ist es schwer, die Wahrheit zu finden und seine Haltung zu korrigieren."

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Krisen würden immer auch instrumentalisiert. Er habe Verständnis für Kritik. "Es gibt allerdings auch eine bewusste Verdrehung von Tatsachen, ein Leugnen von Corona und ein Diskreditieren der Entscheidungen und Institutionen, die sie treffen."

Dagegen müsse man vorgehen.

Kritik an Bundesjustizminister Buschmann

Nimmt Bundesjustizminister Marco Buschmann (44, FDP) die Radikalisierung in den sozialen Netzwerken nicht ernst genug?
Nimmt Bundesjustizminister Marco Buschmann (44, FDP) die Radikalisierung in den sozialen Netzwerken nicht ernst genug?  © Kay Nietfeld/dpa

"Dass sich über 100.000 Menschen in einer Telegram-Gruppe radikalisieren - das kann nicht richtig sein", sagte Kretschmer.

Er sei vom neuen Bundesjustizminister Marco Buschmann (44, FDP) enttäuscht, dass er "dieses Problem für nicht so dringlich" halte.

"Ich möchte nicht erleben, dass es eines Tages Opfer gibt und später Sonntagsreden folgen, in denen gesagt wird, wie furchtbar das alles ist. Jetzt ist die Zeit zu handeln."

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Sachsen werde weiter in den Verfassungsschutz investieren, um extremistischen Tendenzen aufzuklären. Man werde Beamte von Polizei und Staatsanwaltschaft zum Verfassungsschutz abordnen, um noch schneller und aktiver reagieren zu können.

Der Ministerpräsident war kurz vor Weihnachten selbst zur Zielscheibe einer Telegram-Chatgruppe geworden, in denen Mordfantasien gegenüber dem 46-Jährigen laut wurden.

Bei einer Razzia waren die Wohnungen von sechs Beschuldigten - fünf Männern und einer Frau - im Alter von 32 bis 64 Jahren durchsucht und dabei auch Armbrüste, Waffen und Waffenteile gefunden worden. Die Beschuldigten stehen im Verdacht, eine schwere staatsgefährdende Gewalttat vorbereitet zu haben. Haftbefehle ergingen bislang nicht.

Die Ermittlungen dauern an.

Seelische Überforderung bei vielen Menschen

Polizisten sichern Mitte Dezember den Kornmarkt in Bautzen wegen eines angekündigten, ungenehmigten Protests gegen die aktuellen Corona-Maßnahmen.
Polizisten sichern Mitte Dezember den Kornmarkt in Bautzen wegen eines angekündigten, ungenehmigten Protests gegen die aktuellen Corona-Maßnahmen.  © Robert Michael/dpa

Kretschmer geht davon aus, dass der zweite Pandemie-Winter für viele Menschen eine seelische Überforderung darstellt und Ängste auslöst. Manche würden in einer solchen Lage gern Schuldige suchen.

"Das Erschreckende ist für mich, dass wir im 21. Jahrhundert leben und sehr viel über Krankheiten wissen. Und trotzdem drehen einige Menschen regelrecht frei, ignorieren diese Erkenntnisse und finden keinen Zugang zu einem rationalen Umgang mit dieser Situation".

Völliges Unverständnis äußerte Kretschmer über jene, die unerbittlich sind und bei Demonstrationen selbst vor Angriffen auf Beamte nicht zurückschrecken.

"Ihnen fehlt jegliche Empathie und die Fähigkeit, die Realität zu erkennen und die eigene Haltung zu revidieren. Dabei ist es ein wichtiger Charakterzug, sich auch selbst zu hinterfragen. Allerdings stehen diese Leute nicht für Sachsen. Das ist eine Minderheit. Der Großteil ist bereit, darüber nachzudenken, warum die Maßnahmen sein müssen."

Wenn man an die vielen Leute denke, die als Freiwillige in Krankenhäusern helfen wollen, könne man stolz auf Sachsen sein.

Titelfoto: Robert Michael/dpa

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