Wie die CDU ohne Merkel: Droht den Südwest-Grünen ohne Kretschmann der Absturz?

Heidenheim - Winfried Kretschmann (73, Grüne) ist ein großer Fan von Angela Merkel (67, CDU). Doch die Bundeskanzlerin ist bald weg.

Wer kommt nach ihm? Ministerpräsident Winfried Kretschmann (73, Grüne).
Wer kommt nach ihm? Ministerpräsident Winfried Kretschmann (73, Grüne).  © Bernd Weissbrod/dpa

Kretschmann, der immerhin sechs Jahre älter ist als Merkel, will dagegen noch bis 2026 Regierungschef in Baden-Württemberg bleiben. Dann ist er 77.

"Mutti geht, Opa bleibt", hieß es dazu schon mal. Die Grünen wissen, was sie ihrem Altmeister zu verdanken haben. Er ist seit 2011 der einzige grüne Ministerpräsident und hat seine Partei in weiten Teilen des Landes anschlussfähig gemacht.

Aber zugleich sitzt den Grünen die Angst in den Knochen, ihnen könnte im Südwesten ein ähnliches Schicksal drohen wie der CDU mit Merkel: Der Absturz nach dem Abgang des populären Regierungschefs. Also was tun?

Häme und Spott im Netz: Söder verteidigt G7-Empfang mit Blaskapelle
Markus Söder Häme und Spott im Netz: Söder verteidigt G7-Empfang mit Blaskapelle

Es ist ein Dilemma: Einerseits ist die nächste Landtagswahl noch fünf Jahre hin, andererseits muss sich die Partei rechtzeitig auf ein Ende der Ära Kretschmann vorbereiten.

Der Regierungschef will keinesfalls als lahme Ente dastehen, schon gar nicht in einer Zeit, in der er die Corona-Pandemie bekämpfen, den Klimaschutz vorantreiben und Brücken zur neuen Ampel in Berlin bauen möchte.

Deshalb bekamen auch Lena Schwelling (29) und Pascal Haggenmüller (33) dem Vernehmen nach gleich den heiligen Zorn des Stammvaters zu spüren. Die neuen Parteichefs hatten vor ihrer Wahl frech behauptet, gleich am ersten Tag ihrer Amtszeit beginne die Suche nach einem Verfahren für die Kür einer Nachfolgerin oder eines Nachfolgers.

Junge Parteichefs rudern zurück

Frisch gewählt: Grünen-Landeschef Pascal Haggenmüller (33).
Frisch gewählt: Grünen-Landeschef Pascal Haggenmüller (33).  © Marijan Murat/dpa

Beim Parteitag in Heidenheim fuhr der 73-Jährige den beiden gleich mal in die Parade. So deutlich wie noch nie stellte er klar, dass er sein Wahlversprechen einlösen und bis zur nächsten Landtagswahl durchziehen wolle.

"Vorausgesetzt ich bleibe so gesund, wie ich es im Moment bin. Und so fit wie ich mich fühle, werde ich dieses Versprechen auch halten", sagte der Obergrüne. "Ich werde mich jetzt erstmal viereinhalb Jahre weiter durch die hügeligen Landschaften der Politik bewegen."

Und sich erst danach dem Wandern widmen. Damit erscheint derzeit kaum vorstellbar, dass Kretschmann früher Platz macht.

Mietpreise steigen: Das fordert Boris Palmer jetzt!
Boris Palmer Mietpreise steigen: Das fordert Boris Palmer jetzt!

"Damit ist das gesetzt", sagt denn auch Haggenmüller am Abend in kleinerer Runde zu Kretschmanns Ansage. Die jungen Parteivorsitzenden rudern zurück. "Das ist ja kein Thema, was wir nächste Woche klären müssen", erklärt Schwelling.

Das Verfahren für die Kür eines Spitzenkandidaten könne noch warten. "Das ist nichts, was wir dieses Jahr klären müssen und auch nicht nächstes Jahr, da haben wir einfach Zeit." Da haben sich zwei die Finger verbrannt. Was Kretschmann von ihnen erwartet, sagte er beim Abschied ihrer Vorgänger Sandra Detzer und Oliver Hildenbrand. Er dankte ihnen für "große Loyalität".

Realos: Nicht nur Pro Asyl besuchen, sondern auch Handwerkstag

Fraktionschef Andreas Schwarz (42) wird als potenzieller Nachfolger von Kretschmann genannt.
Fraktionschef Andreas Schwarz (42) wird als potenzieller Nachfolger von Kretschmann genannt.  © Marijan Murat/dpa

Doch es gibt ohne Zweifel Handlungsbedarf, wenn die Grünen auch nach Kretschmann politisch dominieren wollen. Das weiß der Regierungschef - spätestens seit der Enttäuschung bei der Bundestagswahl - so gut wie kein anderer.

In Heidenheim legte er den Finger wieder in die Wunde: "Wir haben uns im Vergleich zur Landtagswahl vom März halbiert." Die Lücke zwischen dem Ergebnis im Land (32,6 Prozent) und dem im Bund (17,8 Prozent) schmerzt die Grünen.

Kretschmann selbst hat die Seinen kurz nach der Bundestagswahl in einer hitzigen Fraktionssitzung aufgefordert, dringend darüber nachzudenken, wie man den grünen Erfolg im Südwesten langfristig absichern könne - auch, wenn er dann mal weg sei. Wie das gehen kann, darüber gehen die Meinungen auseinander.

Die Strategen aus dem Realo-Flügel sagen, die Partei müsse sich breiter aufstellen, nicht nur Pro Asyl besuchen, sondern auch beim Handwerkstag Stammgast sein. Fraktionschef Andreas Schwarz (42), der auch als potenzieller Nachfolger von Kretschmann genannt wird, meint immer mal wieder, die Grünen müssten "Vollsortimenter" werden.

Bei den Parteilinken hält man diesen Ansatz für übertrieben, die Grünen seien hier längst auf einem guten Weg. Es komme auch nicht gut rüber, wenn man den wertkonservativen Kretschmann imitieren wolle. Wenn der bisherige Erfolgsgarant mal weg sei, brauche es eine neue Idee.

Aber Kretschmann könne in seiner Amtszeit noch viel dafür tun, dass das Vertrauen in der Bevölkerung sich nicht nur auf ihn konzentriert, sondern sich stärker auf seine Partei bezieht. "Vom Ich zum Wir" müsse Kretschmann kommen, heißt es.

Davon war in Heidenheim noch wenig zu spüren. Zur Corona-Lage sagte er: "Ich bin weder der Pharao, der unterdrückt, noch der Moses, der befreit." Zur Impfpflicht betonte Kretschmann, dass er diese ja nie ausgeschlossen habe.

Und zum Schluss zitiert er den US-Dichter Robert Frost: "The woods are lovely, dark and deep, but I have promises to keep." Auf Deutsch: "Der Wald ist lieblich, dunkel und tief, doch ich muss tun, was ich versprach." Die Frage für die Grünen ist, ob sie im dunklen Wald den richtigen Weg einschlagen.

Titelfoto: Bernd Weissbrod/dpa

Mehr zum Thema Winfried Kretschmann: