Kommentar zur Bundestagswahl: Es geht um sehr viel Geld, vielleicht auch für Dich

In seinem Kommentar befasst sich TAG24-Redakteur Florian Gürtler mit der Frage, weshalb es für alle Arbeitnehmer im Niedriglohnsektor wichtig ist, bei der Bundestagswahl ihre Stimmen abzugeben.

Dieser Kommentar ist ein Aufruf an alle Paketbot*innen, Busfahrer*innen und Köch*innen, an alle Krankenpfleger*innen, Kellner*innen, Erzieher*innen und Frisör*innen. Kurz: Dieser Text wendet sich an alle, die zur unteren Hälfte der Einkommen und Vermögen in Deutschland gehören. Bei der Bundestagswahl am 26. September geht es für Euch um sehr viel Geld.

Ob Mindestlohn oder Rente, der Ausgang der Bundestagswahl entscheidet bei sehr vielen Menschen auch über sehr viel Geld. (Symbolbild)
Ob Mindestlohn oder Rente, der Ausgang der Bundestagswahl entscheidet bei sehr vielen Menschen auch über sehr viel Geld. (Symbolbild)  © Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa

Ihr habt es vielleicht schon einmal gehört, doch ich erinnere kurz daran: Fast jeder fünfte Beschäftigte mit Vollzeit-Job in Deutschland arbeitet für einen Niedriglohn.

Dazu noch eine andere Information: Der Reichtum in Deutschland ist extrem ungleich verteilt. Während die oberen zehn Prozent mehr als die Hälfte des Gesamtvermögens besitzen, besitzt die untere Hälfte so gut wie kein nennenswertes Vermögen.

Das bedeutet: Die Hälfte aller Deutschen, kann entweder gar nichts oder wenn, dann nur einen sehr geringen Teil des monatlichen Einkommens für Notfälle oder die private Altersvorsorge zurücklegen.

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Dazu muss gesagt werden, dass die große Mehrzahl aller Reichen in diesem Land ihr Vermögen nicht durch Arbeit verdient, sondern schlicht geerbt haben. Findest Du diese Situation gerecht? Das Geschwätz von der angeblichen Leistungs-Elite ist – abgesehen von vielleicht einigen wenigen Ausnahmen – schlicht eine Lüge.

Aus diesem Grund: Alle, die für den gegenwärtigen Mindestlohn von 9,60 Euro oder nur wenig mehr arbeiten, sollten Berücksichtigen, dass bei der Bundestagswahl Parteien antreten, die eben diesen Mindestlohn auf 12 Euro (SPD und Grüne) oder 13 Euro (Die Linke) anheben möchten.

Auch diejenigen unter Euch, die aktuell für einen etwas höheren Stundenlohn arbeiten, würden mit großer Wahrscheinlichkeit von einem höheren Mindestlohn profitieren, denn dieser würde nach einiger Zeit auch auf alle anderen Löhne wirken und das Lohnniveau insgesamt heben.

Die eigenen materiellen Interessen sind immer der beste Grund, bei einer Wahl seine Stimme abzugeben – und sinnlos ist dies keineswegs. Lasst Euch zudem bloß nicht einreden, dass ein höherer Mindestlohn zu einer Wirtschaftskrise führen würde, dieses Märchen wurde schon erzählt, als der Mindestlohn 2015 in Deutschland eingeführt wurde – und auch damals kam es nicht zu einem Crash der Wirtschaft.

Im Gegenteil, ein höherer Mindestlohn würde die Wirtschaft unterstützen, denn er würde es sehr vielen Menschen ermöglichen, mehr für den privaten Konsum auszugeben.

Die Rente im Alter ist bedroht, das betrifft uns alle

TAG24-Redakteur Florian Gürtler (43) lebt und arbeitet in Frankfurt am Main.
TAG24-Redakteur Florian Gürtler (43) lebt und arbeitet in Frankfurt am Main.  © Florian Gürtler

Auch hinsichtlich der Rente geht es für die Menschen im Niedriglohnsektor und die sogenannte untere Mittelschicht bei dieser Wahl um sehr viel.

Ihr habt es wahrscheinlich mitbekommen, Deutschland hat zur Bewältigung der Coronavirus-Pandemie einen hohen Schuldenberg aufgetürmt. Seit einiger Zeit wird von manchen Ökonomen und Politikern daher die Forderung erhoben, wegen der Corona-Schulden das Renteneintrittsalter in Deutschland zu erhöhen.

Dies würde bedeuten, dass normale Arbeitnehmer wie Ihr womöglich bis 68, 69 oder gar 70 arbeiten müssten, bevor sie regulär in Rente gehen dürfen. Möchtet Ihr das wirklich?

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Tatsächlich ist eine Erhöhung des Rentenalters immer eine versteckte Rentenkürzung, denn diese droht allen, die vor dem gesetzlichen Mindestalter in die Rente gehen müssen, weil sie einfach nicht mehr arbeiten können (zum Beispiel, weil sie in körperlich sehr anstrengenden Berufen wie Maurer, Lagerist oder Lastwagenfahrer gearbeitet haben).

Wäre es nicht gerechter, wenn die reichen zehn Prozent, von denen weiter oben die Rede war, stattdessen zum sozialen Ausgleich mit höheren Steuern und Abgaben belastet würden? Und keine Sorge, auch danach wären die wenigen Menschen an der Spitze der Vermögenspyramide immer noch reich.

Auch angesichts dieser Gefahr für Euch und Eure Rente im Alter solltet Ihr unbedingt Eure Stimme bei der Bundestagswahl abgeben und Euch auch gut überlegen, welche Parteien Ihr wählt.

Ein paar Worte zur AfD und der Bundestagswahl

Die AfD will den Mindestlohn in Deutschland laut ihrem Wahlprogramm lediglich "beibehalten", aber nicht erhöhen.
Die AfD will den Mindestlohn in Deutschland laut ihrem Wahlprogramm lediglich "beibehalten", aber nicht erhöhen.  © Christophe Gateau/dpa

Keine Sorge, auch bei der "Alternative für Deutschland" geht es mir an dieser Stelle nur um ökonomische Themen.

Stichwort Rente: Die AfD möchte laut ihrem Wahlprogramm zwar Altersarmut verhindern, nennt aber keine konkrete Mindestrente. Anders sieht es zum Beispiel bei der Linkspartei aus, die in ihrem Wahlprogramm eine Mindestrente von 1200 Euro in Aussicht stellt und auch zur Rente mit 65 zurückkehren möchte.

In Hinsicht auf den Mindestlohn spricht die AfD in ihrem Wahlprogramm lediglich davon, diesen "beibehalten" zu wollen. Von einer angestrebten Erhöhung ist dort nichts zu lesen.

Also, welchen materiellen Vorteil im Hinblick auf Rente oder Mindestlohn brächte Euch die Wahl der "Alternative für Deutschland"? Vermutlich gar keinen.

Titelfoto: Montage: Jens Büttner/dpa-Zentralbild/dpa, Florian Gürtler

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