AfD-Hochburg Pforzheim und der Kampf der Haidacher um ihren Ruf

Pforzheim - Ein bisschen ist es an diesem Februartag auf dem Haidach wie in Irkutsk: Eiseskälte und eine glitzernde weiße Decke über allem.

Waldemar Meser steht im Stadtteil Haidach. Pforzheim gilt als Hochburg der AfD. Bei der letzten Landtagswahl fuhr sie hier ihr bestes Ergebnis ein.
Waldemar Meser steht im Stadtteil Haidach. Pforzheim gilt als Hochburg der AfD. Bei der letzten Landtagswahl fuhr sie hier ihr bestes Ergebnis ein.  © Sebastian Gollnow/dpa

Waldemar Meser, der 1978 aus Sibirien hierher kam, liebt den Höhenstadtteil von Pforzheim. Und er ärgert sich über dessen Ruf. In den 1990er Jahren war der Haidach berüchtigt wegen seiner Jugendkriminalität.

Und nun kommen die Journalisten, weil Pforzheim und das Quartier mit seinem hohen Anteil an Russlanddeutschen als Hochburg für die Alternative für Deutschland (AfD) gilt.

Bei der Landtagswahl 2016 fuhr die AfD im Wahlkreis Pforzheim mit 24,2 Prozent ihr landesweit bestes Ergebnis ein und konnte das Direktmandat gewinnen. Im Stadtteil Buckenberg, zu dem der Haidach gehört, waren es sogar 43,2 Prozent. Nach der städtischen Wahlanalyse stand die AfD "am deutlichsten" in der Wählergunst der Aussiedler.

Dennoch betont CDU-Mitglied Meser: "Es ist nicht so, dass alle Russlanddeutschen AfD-Wähler sind." Der Haidach gehört inzwischen zu den sichersten Stadtteilen und ist längst ein ganz normales Viertel geworden. Auch dank des Jahrzehnte langen Engagements der Elterninitiative um den früheren Feuerwehrmann, der als Sohn von Deutschen in Russland 1978 nach Pforzheim kam.

Meser will Besuchern das "andere" Haidach nahebringen: Reihenhäuschen mit gepflegten Vorgärten, Mehrfamilienhäuser zwischen großen Rasenflächen und dazwischen Hochhäuser, in denen statt Sozialmietern heute zum großen Teil Eigentümer wohnen. Stolz ist er auch auf den neuen Teil mit schmucken Einfamilienhäuschen im Bauhaus-Stil.

"Unser Stadtteil verändert sich." Am Waldrand wohnen viele jüngere Leute, die weiter unten aufgewachsen sind - und man begegnet auf der Straße Opas, die mit ihren Enkeln russisch sprechen.

Aus Protest wählten viele AfD

Mehrfamilienhäuser, die von dem ehemaligen Bau- und Wohnungsunternehmen "Neue Heimat" gebaut wurden, im Stadtteil Haidach.
Mehrfamilienhäuser, die von dem ehemaligen Bau- und Wohnungsunternehmen "Neue Heimat" gebaut wurden, im Stadtteil Haidach.  © Sebastian Gollnow/dpa

Wenn Leute hier die AfD gewählt haben, so war das aus Sicht Mesers eher Protest. Bei der letzten Kommunalwahl ging ein Drittel im Stadtteil gar nicht zur Wahl.

Unzufriedenheit mit der Bundespolitik oder Ärger über gekürzte Aussiedlerrenten - das sind einige Themen, die die Haidacher nach Beobachtung Mesers umtreiben. Das AfD-Phänomen sei keines der Russlanddeutschen. "Es ist ein Pforzheim-Phänomen", sagt der 70-Jährige.

Tatsächlich kämpft die Stadt am Nordrand des Schwarzwaldes mit ihren über 127.000 Einwohnern mit einer Reihe von Problemen. Am Ende des Zweiten Weltkriegs durch einen verheerenden Bombenangriff in großen Teilen völlig zerstört und danach mit nüchternen Zweckbauten wieder aufgebaut, war sie einst für ihre Schmuckproduktion berühmt.

Doch heute ist Pforzheim bei der Arbeitslosigkeit zusammen mit Mannheim mit knapp acht Prozent an der Spitze von Baden-Württemberg, der Ausländeranteil liegt bei 28,2 Prozent; einen Migrationshintergrund haben aber sehr viele mehr. Da blühen schon mal Vorurteile und Ängste.

Der Chef der Pforzheimer Liberalen und FDP-Landtagsfraktionschef Hans-Ulrich Rülke erklärt sich den AfD-Erfolg bei der letzten Landtagswahl vor allem mit der Flüchtlingskrise. Der AfD sei es gelungen, viele Spätaussiedler gegen die Flüchtlingspolitik von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zu mobilisieren. "Dies wird bei dieser Wahl nicht mehr in dem Maße gelingen." Er schätzt, dass die AfD in Pforzheim bei der Wahl am 14. März Federn lassen muss - aber noch "überdurchschnittlich" abschneiden werde.

AfD erhielt auch bei anderen Wahlen viele Stimmen aus Pforzheim

Neubauten stehen im Stadtteil Haidach vor Mehrfamilienhäusern, die von dem ehemaligen Bau- und Wohnungsunternehmen "Neue Heimat" gebaut wurden.
Neubauten stehen im Stadtteil Haidach vor Mehrfamilienhäusern, die von dem ehemaligen Bau- und Wohnungsunternehmen "Neue Heimat" gebaut wurden.  © Sebastian Gollnow/dpa

Schließlich verbuchte die AfD hier auch bei der Kommunalwahl 2019 mit 14,9 Prozent erneut Zuwächse (plus 4,1). Bei der Europawahl im gleichen Jahr erzielte die AfD in Pforzheim mit 17,6 Prozent sogar ihr bestes Ergebnis in den Stadt- und Landkreisen Baden-Württembergs.

Für den Landtagsabgeordneten und AfD-Fraktionschef im Pforzheimer Gemeinderat, Bernd Grimmer, ist das Wahlziel klar: Er will erneut das Direktmandat erreichen. Landesweit sieht er die AfD auf dem Niveau der Wahl 2016. Zusätzlichen Aufwind erhofft er sich durch einen "Stimmungswandel" wegen des Corona-Lockdowns.

Ob eine mögliche höhere Wahlbeteiligung den etablierten Parteien auf dem Haidach zugute käme, bezweifelt einer, der sich dort bestens auskennt. Dort, wo in den 1990er Jahren besonders viele Zuwanderer aus Russland hinzogen, fühlten sich viele abgehängt, sagt der aus der SPD ausgetretene Ex-Porsche-Betriebsratschef Uwe Hück. Parolen wie "keine Moschee in Haidach" fallen auf fruchtbaren Boden, sagt er. "Die AfD spricht aus, was die Menschen frustriert."

Hück tut das auch. Auf dem Haidach bewundert man den ehemaligen Europameister im Thaiboxen, der es vom Waisen- und Heimkind über den Lackierer bei Porsche bis zum mächtigen Gegenspieler der Autobosse gebracht hat. "Ich gehöre zu denen." Als SPD-Spitzenkandidat bei der letzten Kommunalwahl holte er aus dem Stand die meisten Stimmen in Pforzheim. Doch die Landtagswahl kommt für seine "Bürgerbewegung" zu früh. Die neue Partei tritt erst zur Bundestagswahl an.

Titelfoto: Sebastian Gollnow/dpa

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