"Wir Verbrecher von heute": Der Wahlkampf läuft nicht rund bei Susanne Eisenmann

Stuttgart - Im Fußball gibt es den schönen, oft zitierten Spruch: "Zuerst hatten wir kein Glück, und dann kam auch noch Pech hinzu."

Kultusministerin Susanne Eisenmann (56).
Kultusministerin Susanne Eisenmann (56).  © Marijan Murat/dpa

Es ist die Übersetzung dafür, dass es auf dem Platz nicht läuft und ein Tiefschlag dem nächsten folgt. Susanne Eisenmann (56, CDU) ist in Baden-Württemberg nicht nur Ministerin für Kultus, sondern auch für Sport.

Die 56-jährige CDU-Frau kämpft derzeit mit Haken und Ösen um mehr Profil. Schließlich ist in sechs Wochen Landtagswahl.

Und dabei tritt sie als Spitzenkandidatin gegen niemand Geringeres als Bayern München an - so zumindest hat Markus Söder neulich seinen geschätzten Kollegen Winfried Kretschmann (72) von den Grünen genannt.

Die "Eisenmannschaft", wie sie und ihre Unterstützer sich nennen, müsste also unbedingt an ihrer Sieg-Taktik feilen, wie von CSU-Chef Söder (54) empfohlen - doch derzeit wird sie arg in die Defensive gedrängt.

Der neueste Rückschlag für die mittlerweile bundesweit bekannte Kämpferin für offene Schulen in Corona-Zeiten ("unabhängig von den Inzidenzien") kam am Wochenende über die sozialen Medien, kaum dass die Schlappe mit der Absage der Öffnung von Kitas und Schulen verdaut war.

Zwar ist es inzwischen üblich, dass versucht wird, die Wahlkampagne des politischen Gegners zu verballhornen und lächerlich zu machen. Doch so viel Spott ist schon ungewöhnlich.

So wurden auf die neuen Großplakate, die Eisenmann am Freitag vorstellte, selbst Berliner Kommentatoren aufmerksam, weil die weißen Slogans auf orangem Hintergrund schräg daherkamen. "CDU wählen, weil wir Verbrecher von heute mit der Ausrüstung von morgen jagen", heißt der eine.

Daraus wurde bei Twitter schnell: "Wir Verbrecher von heute", weil Autofahrer ja oft beim Vorbeifahren nur die erste Zeile lesen können.

Kommunikations-Experte sieht "handwerkliche Fehler"

Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider.
Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider.  © picture alliance / Marijan Murat/dpa

Aber auch das zweite Motiv mit der Frage "Wollen wir nicht alle beschützt werden?" garniert mit einem Foto von Eisenmann wurde spöttisch kommentiert.

Ein User ersetzte Eisenmann durch Vito Corleone, dem von Marlon Brando gespielten Mafia-Paten, der Geschäftsleuten Schutzgeld abpresst.

Der grüne OB-Rentner Fritz Kuhn (65) fragte denn auf Twitter: "Liebe Frau Eisenmann, hat Eure Werbekampagne etwas gekostet?" Die Antwort ist ja.

Für die Kampagne hat die Landes-CDU die Berliner Werbeagentur Römer und Wildberger engagiert. Die Motive hat Eisenmann dem Vernehmen nach mit ihren engsten Beratern ausgesucht.

Am Sonntagnachmittag erklärte die 56-Jährige, sie werde an den Plakaten festhalten. "Dass eine Botschaft auf Plakaten im Netz bewusst missverstanden wird, sehen wir gelassen." Innere Sicherheit sei eine "Kernkompetenz" der CDU.

Anruf beim Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider von der Universität Hohenheim. Der wundert sich darüber, dass die CDU auch auf reine Textplakate noch dazu mit Großbuchstaben und langen Wörtern wie "Ausrüstung" setzt. "Diese Plakate sollte man sowieso nicht kleben."

Die seien für vorbeirauschende Autofahrer und Passanten kaum verständlich. Viel besser seien Bildplakate mit auffälligen Farben. Dass die Motive und Slogans leicht verballhornt werden können, nennt Brettschneider "handwerkliche Fehler". Er sagt aber auch: "Die Plakate sind für die Wahlentscheidung nicht relevant."

Gleichwohl sei es ein weiterer Mosaikstein für das Bild, das sich die Wählerinnen und Wähler von Eisenmann machten. "Sie fragen sich, wie sind ihre Managementqualitäten und ihre Professionalität." Viel wichtiger sei aber ihr Kurs in der Corona-Krise. "Frau Eisenmann hat keinen Lauf."

Eisenmann distanzierte sich von Merkel

Von Kanzlerin Angela Merkel (66) hatte sich Eisenmann distanziert.
Von Kanzlerin Angela Merkel (66) hatte sich Eisenmann distanziert.  © Kay Nietfeld/dpa

Das liege an ihrer Amtsführung im Kultusministerium und ihrem Verhalten gegenüber Kretschmann und Kanzlerin Angela Merkel (66, CDU).

"Sich von Merkel zu distanzieren, ist schon eine steile Aussage im Landtagswahlkampf", meint Brettschneider.

Jüngst hatte Eisenmann in einem Interview gesagt: "Ich finde den Kurs der Kanzlerin in der Corona-Pandemie grundsätzlich sehr gut. Ich habe nur eine andere Meinung dazu, ob man alle Schulen pauschal schließen sollte."

Das erinnere an den Kurs des früheren CDU-Spitzenkandidaten Guido Wolf (59), der sich Anfang 2016 kurz vor der Landtagswahl in der Flüchtlingspolitik von Merkel distanziert hatte.

In der CDU ruft Eisenmanns Linie ebenfalls ein Déjà-vu hervor. Ein Vorstandsmitglied sagt dazu: "Es fehlt nur noch, dass Kretschmann wieder erklärt, dass er für Merkel betet." Damals war das Resultat: Die Grünen kamen auf 30,3 Prozent, die CDU nur auf 27.

Dass Eisenmann trotz der Gefahren durch die Corona-Mutante weiter auf einer raschen Öffnung von Kitas und Schulen beharrt, halten auch in der CDU viele für falsch. In einer Krise dürfe eine Regierung nicht streiten, heißt es öfter.

FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke (59) findet, Eisenmann brauche sich über den Spott nicht zu wundern: "Es passt halt nicht zusammen, erst verbissen Schulöffnungen zu fordern und damit der Kanzlerin von der Fahne zu gehen, um dann urplötzlich im Wahlkampf zu entdecken, dass man mit 'safety first' und Merkels Sicherheitsdenken die Wahl gewinnen will."

Ein CDU-Stratege, der nicht zur "Eisenmannschaft" gehört, kann der ganzen Diskussion um die Wahlplakate noch etwas Gutes abgewinnen: Immerhin spreche man nun nicht mehr ausschließlich über "Eisenmanns miese Schulpolitik", sagt er sarkastisch.

Titelfoto: Marijan Murat/dpa

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