So lief das letzte Rededuell vor der Landtagswahl

Stuttgart - Es ist eine ganz fiese Frage, die man aus Bewerbungsgesprächen kennt: Was sind ihre persönlichen Schwächen? Deshalb wird Winfried Kretschmann (72) auch plötzlich ganz still, er nimmt sich im letzten Rededuell mit der CDU-Spitzenkandidatin Susanne Eisenmann vor der Landtagswahl viel Zeit, um über eine Antwort zu grübeln.

Ministerpräsident von Baden-Württemberg Winfried Kretschmann (72).
Ministerpräsident von Baden-Württemberg Winfried Kretschmann (72).  © Sebastian Gollnow/dpa

"Da tue ich mir jetzt sehr schwer", sagt er am Dienstagabend. Schließlich fällt ihm dann doch eine Schwäche ein, die ihm auch der politische Gegner gerne vorhält: "Detailverliebtheit besitze ich nicht - oder selten." Eisenmann ihrerseits gibt die Antwort, die sicher auch in Bewerbungsgesprächen oft zu hören ist: "Manchmal bin ich einen Ticken zu ungeduldig."

Zu den Schwächen dieses Wahlkampfs gehört, dass Politiker und Bürger in der Pandemie kaum auf Tuchfühlung gehen können. Und so kommen die Spitzenkandidaten immer wieder in Talkrunden von Medienhäusern zusammen, um im Livestream um Argumente zu ringen.

Am Dienstag lud die Südwest Presse den grünen Regierungschef und die schwarze Kultusministerin zum Duell. Und verglichen mit manch anderer Begegnung wurde es zwischenzeitlich recht bissig. Eisenmann (56) zeigte sich angriffslustig und warf dem Regierungschef bei jeder Gelegenheit eine zu behäbige Politik vor. So sei der Koalitionspartner beim Impfen und Testen etwa zu langsam in die Gänge gekommen.

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Auch beim Thema Radwege bekommen sich die Koalitionspartner in die Haare. Eisenmann stößt sich am grünen Wahlprogramm, das vorsehe, dass baldmöglichst jeder zweite Weg mit dem Rad oder zu Fuß zurückgelegt werde. "Autofrei" sei das kleinste Problem für die Händler in den Innenstädten nach Corona, kritisiert Eisenmann. Die Grünen sind aus ihrer Sicht zu einseitig in der Verkehrspolitik. "Darf ich mich noch etwas streiten mit der Kollegin?", fragt Kretschmann die Moderatoren - und verweist auf Schnellradwege als innovative Idee. Außerdem seien so viele Landesstraßen wie nie unter Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) saniert worden.

Vorwürfe macht Eisenmann Kretschmann auch in der Bildungspolitik - und zwar zu Zeiten der grün-roten Vorgängerregierung. Die Koalition von Grünen und SPD (2011 - 2016) habe zu wenig zur Vorbeugung des derzeitigen Lehrermangels getan, so der Vorwurf. Kretschmann räumte Fehlplanungen ein. Er habe sich damals auf Zahlen des Statistischen Landesamts verlassen, die einen enormen Rückgang der Schülerzahlen prognostiziert hatten. Dabei habe man aber die Einwanderung aus europäischen Ländern zu gering eingeschätzt. "Ich muss zugeben, ich war da der Bösewicht", sagte er.

Man habe die Politik aber sofort korrigiert, als deutlich geworden sei, dass die Zahlen nicht zutreffen. Eisenmann entgegnete, für den Lehrermangel sei mehr die Pensionierungswelle entscheidend als die Schülerzahlen.

Maskenaffäre, Bildungspolitik und Corona

Spitzenkandidatin der CDU Susanne Eisenmann (56).
Spitzenkandidatin der CDU Susanne Eisenmann (56).  © Sebastian Gollnow/dpa

In der Maskenaffäre der Union, die eine schwere Hypothek für die Südwest-CDU so kurz vor der Landtagswahl darstellt, nahm Kretschmann aber die Christdemokraten in Schutz. Es handle sich um das Fehlverhalten Einzelner. "Das soll man erstmal auch so benennen und nicht rumspekulieren." Es sei gravierend, sich in einer Krise zu bereichern.

Aber: "Keine Partei ist davor gefeit, dass sie solche Leute in den eigenen Reihen hat." Der Fehler sei schnell korrigiert worden. Der bisherige Mannheimer CDU-Bundestagsabgeordnete Nikolas Löbel soll Provisionen in Höhe von rund 250.000 Euro kassiert haben, weil er in der Beschaffung von Corona-Schutzmasken vermittelt hat. Nach heftiger Kritik trat Löbel aus der CDU aus und zog sich auch aus dem Parlament zurück. Auch der CSU-Bundestagsabgeordnete Georg Nüßlein stolperte über die Masken-Affäre.

Eisenmann lobt ihre Bildungspolitik, Kretschmann die grüne Klima- und Umweltpolitik. Man sei da auf allen Gebieten gut vorangekommen, sagt er, aber es gehe nicht schnell genug. Deshalb müssten auch auf alle Dächer, wo das sinnvoll sei, Solaranlagen. Eisenmann lehnt eine Solarpflicht für Häuslebauer ab, weil das zu weiter steigenden Mietpreisen führe. Kretschmann wiederum spricht sich gegen eine Wiedereinführung der verbindlichen Grundschulempfehlung aus, auch wenn die Empfehlung stringenter gefasst werden könnte. Eisenmann ist gegen ein zusätzliches verpflichtendes Lernjahr, um Corona-Wissenslücken aufzufüllen. Kretschmann beteuert, dass er im Falle seiner Wiederwahl die vollen fünf Jahre machen möchte als Ministerpräsident. "Ich wünsche mir, dass ich es durchstehe, sonst wäre ich gar nicht angetreten."

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Am Ende dann müssen die beiden Sätze der Moderatoren vervollständigen und geben sich wieder versöhnlich. Die Erkenntnisse: Eisenmann würde gern mal wieder mit Kretschmann Kuchen essen, Kretschmann würde mit Eisenmann gerne mal wieder Tee trinken. Kretschmann bekennt sich zur Existenz von Gendersternchen, Eisenmann zu den Gemeinschaftsschulen.

Beide freuen sich, nach Corona wieder Freunde treffen zu können. Eisenmann beschreibt sich selbst als "loyal, ehrlich, kollegial", Kretschmann sagt zunächst "schnell", weil er denkt, dass er Eisenmann beschreiben soll. Dann korrigiert er mit einer Eigenbeschreibung: "skeptisch, zuversichtlich, nachdenklich."

Titelfoto: Sebastian Gollnow/dpa (Fotomontage)

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