Altmaier erntet rüde Kritik für Experten-Vorschlag für Rente mit 68

Berlin - Die Idee, bis 68 zu schuften und dann erst in Rente zu gehen, stößt auf heftigen Widerspruch. Wie Peter Altmaier (62, CDU) mit der Kritik an seinem Wirtschaftsministerium umgeht, dürfte überraschen...

Experten in Altmaier Wirtschaftsministerium schlagen die Rente mit 68 vor und stößen dabei auf Unwillen über alle linken Parteien hinweg.
Experten in Altmaier Wirtschaftsministerium schlagen die Rente mit 68 vor und stößen dabei auf Unwillen über alle linken Parteien hinweg.  © Wolfgang Kumm/dpa

Die Warnungen gibt es seit Jahren: Die Gesellschaft wird immer älter. Bei der Rente stehen auf Dauer zu viele Empfänger zu wenigen Beitragszahlern gegenüber.

Nun wird erneut darüber diskutiert, ob deshalb das Renteneintrittsalter angehoben werden muss. Experten, die das Wirtschaftsministerium beraten, empfehlen in einem Gutachten eine Anhebung auf 68.

Bei SPD, Linken und Gewerkschaften stieß das umgehend auf scharfe Kritik, aber auch der Bundeswirtschaftsminister lehnt die Idee ab. Aus der Wirtschaft kamen dagegen Warnungen, sich dem Vorschlag zu verschließen.

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Aktuell geht der Jahrgang 1956 laut Deutscher Rentenversicherung mit 65 Jahre und zehn Monaten in Rente. Bis 2029 wird das Eintrittsalter schrittweise auf 67 angehoben.

Seit 2012 kommt jedes Jahr ein Monat dazu, ab 2024 sind es jedes Jahr zwei Monate. Der Jahrgang 1964 ist laut Deutscher Rentenversicherung der erste, der mit 67 in Rente gehen wird.

Reaktion der Linken auf Rente mit 68: "Asozialer Oberhammer"

Die Rente ab 68 wäre gerade für Minijobber und Leute aus dem Niedriglohnsektor eine Herausforderung - ob die Wissenschaftler aus dem Wirtschaftsministerium das auf dem Schirm haben?
Die Rente ab 68 wäre gerade für Minijobber und Leute aus dem Niedriglohnsektor eine Herausforderung - ob die Wissenschaftler aus dem Wirtschaftsministerium das auf dem Schirm haben?  © Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa

Der Wissenschaftliche Beirat beim Bundeswirtschaftsministerium schlägt nun vor, das Renteneintrittsalter bis 2042 weiter auf 68 anzuheben.

Die Begründung der 39 Wissenschaftler im Beratergremium: Es drohten "schockartig steigende Finanzierungsprobleme in der gesetzlichen Rentenversicherung ab 2025". Während immer weniger Leute jung sind und arbeiten, steigt die alternde Bevölkerung, die in Rente geht.

Deswegen sei vor allem eines wichtig: Das Renteneintrittsalter könne nicht langfristig von der Entwicklung der Lebenserwartung abgekoppelt werden, so die Expertinnen und Experten.

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Sie schlugen stattdessen vor, den Beginn der Rente an die Lebenserwartung anzupassen. "Sollte die Lebenserwartung abnehmen, kann auch das Rentenalter sinken."

Wenige Monate vor der Bundestagswahl ist der Vorschlag von den Beratern des CDU-geführten Wirtschaftsministeriums nicht gerade guter Wahlkampf für die CDU. Linke und SPD dagegen liefen zu Höchstform auf: "Das ist der asoziale Oberhammer", schimpfte Linken-Chefin Susanne Hennig-Wellsow (43). Wirtschaftsminister Peter Altmaier müsse das entsprechende Gutachten seiner Berater "sofort kassieren".

"Eine weitere Erhöhung des Renteneintrittsalters halte ich für den falschen Weg", hielt auch der für Rente zuständige Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (48, SPD) dagegen. "Rentnerinnen und Rentner und die Generation, die in den nächsten Jahren in den Ruhestand eintritt, dürfen nicht noch weiter verunsichert werden", kritisierte SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich (61). Die SPD gehe bei dem Vorschlag nicht mit.

Altmaier knickt ein: Vorschlag zu Rente mit 68 dürfte zunächst wieder in der Schublade landen

Arbeitsminister Hubertus Heil (48, SPD) stellt sich klar gegen das Arbeiten bis 68.
Arbeitsminister Hubertus Heil (48, SPD) stellt sich klar gegen das Arbeiten bis 68.  © Michael Kappeler/dpa

Auch vom Deutschen Gewerkschaftsbund gab es eine Abfuhr. Man lehne das "ganz deutlich" ab, stellte die stellvertretende DGB-Vorsitzende Elke Hannack klar.

Schon die Erhöhung des Eintrittsalters auf 67 Jahre habe sich nur als Maßnahme erwiesen, bei der Rente zu sparen. Die Präsidentin des Sozialverbandes VdK, Verena Bentele nannte den Expertenvorstoß in den Zeitungen der Funke Mediengruppe "Unsinn".

Die Wirtschaft zeigte sich dagegen offen für die Gedankenspiele: Mit sturer Ablehnung sei das Thema nicht abzuschließen, fand Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger (57).

Man dürfe nicht in eine Situation geraten, in der es mehr Leistungsempfänger als Leistungsgeber gebe. "Die Diskussion muss geführt werden, und sie muss ehrlich geführt werden", so seine Forderung am Dienstag in Berlin.

Eine Rentenreform in diese Richtung steht momentan aber nicht auf der Tagesordnung. Auch Wirtschaftsminister Altmaier hielt nichts von der Idee seiner Berater, das Renteneintrittsalter weiter anzuheben. Es sollte bei 67 bleiben, schrieb der CDU-Politiker bei Twitter und verwies zugleich darauf, dass der Wissenschaftliche Beirat des Wirtschaftsministeriums unabhängig sei. Seine Vorschläge seien weder für das Ministerium noch für den Minister bindend.

Aber wie soll das Finanzproblem der Rentenkasse in einer alternden Gesellschaft mit immer mehr Rentnern, die auch immer länger Rente beziehen gelöst werden, ohne dass die Beiträge steigen oder dass die Menschen später in Rente gehen? Vielleicht kommt es gar nicht so, wie immer befürchtet wird.

SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz (62) sieht inzwischen eine andere Entwicklung: "Alle Vorhersagen, die wir hatten, waren, dass wir immer weniger werden, wir sind aber mehr geworden", meinte er am Dienstag bei einer Konferenz des SPD-Wirtschaftsforums. Auch durch Zuwanderung gebe es jetzt 83 Millionen Menschen in Deutschland, 44 Millionen Erwerbstätige und 33 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte. "Es ist also gut gegangen mit der Rente."

Titelfoto: Wolfgang Kumm/dpa

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