Ehemaliger französischer Präsident Giscard d'Estaing († 94) gestorben

Paris (Frankreich) - Valéry Giscard d'Estaing überlebte seine Nachfolger François Mitterrand und Jacques Chirac. Nun starb der frühere französische Staatspräsident und Europafreund hochbetagt - an den Folgen einer Covid-19-Erkrankung.

Der frühere französische Staatspräsident Valery Giscard d'Estaing († 94).
Der frühere französische Staatspräsident Valery Giscard d'Estaing († 94).  © dpa/Stephanie Pilick

Der frühere französische Staatschef Valéry Giscard d'Estaing ist tot. Der Zentrumspolitiker, der von 1974 bis 1981 im Élyséepalast amtiert hatte, starb im Alter von 94 Jahren. Das Umfeld des Altpräsidenten bestätigte der Deutschen Presse-Agentur in Paris entsprechende Medieninformationen.

Giscard d'Estaing war erst Mitte November nach einem fünftägigen Aufenthalt aus dem Krankenhaus im westfranzösischen Tours entlassen worden.

Der Altpräsident sei am Mittwoch in seinem Haus im zentralfranzösischen Département Loir-et-Cher an den Folgen einer Covid-19-Erkrankung gestorben, hieß es in einer Erklärung, die der dpa vorliegt.

Die Beisetzung solle im Familienkreis stattfinden. Ein Termin wurde nicht genannt.

Valéry Giscard d'Estaing Leben und Wirken

Der ehemalige deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt (l, †96) und der ehemalige französische Staatspräsident Valéry Giscard d'Estaing.
Der ehemalige deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt (l, †96) und der ehemalige französische Staatspräsident Valéry Giscard d'Estaing.  © dpa/Franziska Kraufmann

Giscard d'Estaing war ein überzeugter Europäer und äußerte sich in der französischen Öffentlichkeit bis ins hohe Alter zu EU-Fragen. In den 1970er Jahren bildete er mit dem damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) ein vorbildhaftes deutsch-französisches Duo.

Der hochgewachsene Franzose mit einem aristokratischen Auftreten überlebte seine Nachfolger François Mitterrand (1916-1996) und Jacques Chirac (1932-2019). Bei der Trauerfeier für Chirac im September 2019 in Paris nahm er - gebückt gehend - noch teil.

Giscard d'Estaing hatte auch persönlich eine enge Beziehung zu Deutschland. Er wurde am 2. Februar 1926 in Koblenz im damals französisch besetzten Rheinland geboren. Nach dem Zweiten Weltkrieg absolvierte er die französische Elitehochschule ENA.

Er stieg dann zum Wirtschafts- und Finanzminister auf. Nach dem Tod von Präsident Georges Pompidou wurde er dann im Alter von 48 Jahren in das höchste Staatsamt gewählt.

Giscard setzte im Élyséepalast gesellschaftliche Reformen wie die Liberalisierung des Ehe- und Abtreibungsrechts durch. Gegen Ende seiner Amtszeit litt jedoch seine Popularität - unter anderem wegen der Affäre um ein Diamantengeschenk des zentralafrikanischen Diktators Jean-Bédel Bokassa.

Ermittlungen wegen sexueller Belästigung gegen Giscard d'Estaing

Valéry Giscard d'Estaing, ehemaliger französische Staatspräsident, spricht während eines Interviews mit der Associated Press.
Valéry Giscard d'Estaing, ehemaliger französische Staatspräsident, spricht während eines Interviews mit der Associated Press.  © DPA/AP/Michel Euler

Von 2002 an führte Giscard den EU-Reformkonvent, der zur Erneuerung der Europäischen Union einen Verfassungsentwurf vorlegte. Mit dem Nein der Franzosen und der Niederländer bei Volksabstimmungen im Jahr 2005 scheiterte das Vorhaben jedoch spektakulär. Danach übernahm der EU-Vertrag von Lissabon wichtige Regelungen der abgelehnten Verfassung. 2003 erhielt der Europapolitiker Giscard d'Estaing den Karlspreis der Stadt Aachen.

Giscard d'Estaing nahm im Juni zu einem gegen ihn erhobenen Vorwurf der sexuellen Belästigung Stellung. "Das ist alles grotesk", sagte er dem französischen Radiosender RTL.

Eine Reporterin des WDR hatte ihm vorgeworfen, sie sexuell belästigt zu haben. Er habe ihr "nach einem Interview, das ich mit ihm im Dezember 2018 in Paris geführt habe, mehrfach an das Gesäß gefasst", hatte Ann-Kathrin Stracke der Deutschen Presse-Agentur gesagt.

Sie bestätigte, Strafanzeige wegen sexueller Belästigung gestellt zu haben. Die Pariser Staatsanwaltschaft nahm eine Untersuchung auf.

Titelfoto: dpa/Stephanie Pilick

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