Hunger-Katastrophe: In Äthiopien leiden 350.000 Menschen in Krisengebiet Tigray

Köln/Äthiopien - Schießende Soldaten, plündernde Banden, Massaker und Vergewaltigungen: Der Krieg in Äthiopien in der nördlichen Region Tigray erreicht die nächste schlimme Stufe. Eine Hungerkatastrophe trifft laut UNICEF-Daten bereits 350.000 Menschen. Allein 33.000 schwer mangelernährte Kinder in unzugänglichen Gebieten Tigrays kämpfen akut gegen den drohenden Tod.

Vertriebene aus der Region Tigray im Norden Äthiopiens stehen im Mai 2021 Schlange, um von Anwohnern gespendete Lebensmittel zu erhalten.
Vertriebene aus der Region Tigray im Norden Äthiopiens stehen im Mai 2021 Schlange, um von Anwohnern gespendete Lebensmittel zu erhalten.  © Ben Curtis/AP/dpa

Dies berichtet UNICEF-Deutschland-Sprecherin Christine Kahmann auf Anfrage von TAG24. "Die Lage ist katastrophal, das berichten uns unsere Kolleginnen und Kollegen vor Ort."

Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen versucht im Krisengebiet Mädchen und Jungen zu versorgen.

Der Krieg zwischen dem äthiopischen Militär und den Milizen der "Tigray Defence Forces" (TDF), dem bewaffneten Arm der Volksbefreiungsfront von Tigray (TPLF), dauert bereits seit Ende 2020 an. Die TPLF wird vom Staat als Terrororganisation eingestuft, die Fronten sind verhärtet.

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Truppen aus Eritrea, die das äthiopische Militär unterstützen, attackieren ebenfalls die Bevölkerung in der Region Tigray.

Es gab nachgewiesene Massaker, Plünderungen und Vergewaltigungen, die von den Vereinten Nationen (UN) auf diplomatischer Ebene verurteilt wurden.

Nach Angaben des Auswärtigen Amtes in Deutschland dauern die militärischen Auseinandersetzungen an. Der Ausnahmezustand für Tigray gelte weiterhin. "Das Internet in Tigray ist weitgehend abgeschaltet; Mobilfunkverbindungen funktionieren nur in Mekele."

Die Dimension des Krieges für die Menschen in der bitterarmen Region Tigray: "Schätzungsweise 1,6 Millionen Menschen, darunter mehr als 720.000 Kinder, sind durch den Konflikt vertrieben worden", sagt die UNICEF-Sprecherin.

Viele lebten jetzt in überfüllten Camps unter schlechten Hygienebedingungen und ohne ausreichenden Schutz. Besonders Mädchen und Jungen sind in Gefahr: "Kinder sind dort einem erhöhten Risiko von Gewalt, Ausbeutung und Krankheiten ausgesetzt", so die UNICEF-Sprecherin.

Hungerkatastrophe in Tigray im Norden Äthiopiens

Ein Krankenwagen, der nach Angaben von Anwohnern von eritreischen Soldaten beschädigt wurde, steht neben Menschen, die im Mai 2021 vor einer Klinik in der Region Tigray auf einen Termin warten.
Ein Krankenwagen, der nach Angaben von Anwohnern von eritreischen Soldaten beschädigt wurde, steht neben Menschen, die im Mai 2021 vor einer Klinik in der Region Tigray auf einen Termin warten.  © Ben Curtis/AP/dpa

Weil Felder nicht bestellt werden konnten, droht jetzt der große Hunger für die verbliebenen Menschen. Die Ernte bleibt aus und damit die Bäuche der Menschen leer.

Selbst die neutralen Hilfsorganisationen haben Probleme, ihre Nahrungsmittel zu verteilen, weil sie behindert werden.

"Viele Teile Tigrays sind für humanitäre Helferinnen und Helfer weiterhin nicht zugänglich. Seit Anfang April wurden mehr als 30 Einsätze von mobilen Gesundheits- und Ernährungsteams, die von UNICEF und Partnern unterstützt werden, aufgehalten, entweder wegen der Sicherheitslage oder weil sie eingeschüchtert wurden und ihnen die Durchfahrt verweigert wurde", berichtet die Sprecherin.

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In den Städten wie Aksum wurden Krankenhäuser und Apotheken geplündert, deshalb fehlten auch Medikamente. Gleichzeitig mangele es an Trinkwasser.

Dort wo es möglich ist, retten die Mitarbeiter der Hilfsorganisationen Leben. "Seit Februar haben wir gemeinsam mit Partnern 250.000 Kinder auf ihren Ernährungszustand untersucht und 7000 mangelernährte Mädchen und Jungen behandelt."

Geflüchtete Familien aus der Konfliktregion Tigray fanden in einer Grundschule eine Flüchtlingsunterkunft.
Geflüchtete Familien aus der Konfliktregion Tigray fanden in einer Grundschule eine Flüchtlingsunterkunft.  © Ben Curtis/AP/dpa

UNICEF fordert ungehinderten Zugang zu Menschen in Not

Die Botschaft des Kinderhilfswerks der Vereinten Nationen ist eindrücklich: "Die Weltorganisation UNICEF ruft alle Konfliktparteien auf ihren völkerrechtlichen Verpflichtungen nachkommen und den ungehinderten und bedingungslosen Zugang von humanitären Organisationen zu Menschen in Not sicherstellen."

Es seien schließlich Kinder, die den den höchsten Preis für die menschengemachte Katastrophe in Tigray zahlten. Wenn der Konflikt andauert, könnten noch Tausende aufgrund von Hunger sterben.

Wahlen in Äthiopien geplant

Ein sieben Monate altes Kind erhält im Februar 2021 Nahrungsmittel von UNICEF.
Ein sieben Monate altes Kind erhält im Februar 2021 Nahrungsmittel von UNICEF.  © UNICEF/UN0412581/Leul Kinfu

Nach neuesten Angaben sollen am Montag, 21. Juni 2021 die mehrfach verschobenen Parlamentswahlen in Äthiopien stattfinden.

Das Auswärtige Amt in Deutschland warnt: "Im zeitlichen Umfeld der Wahlen ist mit einer volatilen Sicherheitslage im ganzen Land zu rechnen."

In zahlreichen Gebieten im Land kommt es laut Reisehinweisen aktuell zu gewaltsamen Protesten und bewaffneten Auseinandersetzungen. Der Konflikt dauert an.

UNICEF Deutschland bittet für die Menschen in Tigray um Spenden und hat dafür ein Spendenformular auf der Webseite vorbereitet.

Titelfoto: UNICEF/UN0412581/Leul Kinfu

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