Tausende Festnahmen bei Protesten für ein "Russland ohne Putin"

Moskau - Ungeachtet massiver Polizeigewalt gegen friedliche Demonstranten haben Zehntausende Menschen in Russland gegen die Inhaftierung des Kremlgegners Alexej Nawalny (44) und gegen Präsident Wladimir Putin (68) demonstriert.

Polizisten in Schutzkleidung blockieren Demonstranten den Weg bei einem Protest gegen die Inhaftierung des Kremlkritikers Nawalny in Moskau.
Polizisten in Schutzkleidung blockieren Demonstranten den Weg bei einem Protest gegen die Inhaftierung des Kremlkritikers Nawalny in Moskau.  © Alexander Zemlianichenko/AP/dpa

"Russland ohne Putin!", "Russland wird frei sein" und "Freiheit für alle politischen Gefangenen!" skandierten am Sonntag Menschen bei eisigen Temperaturen und Schneefall in der Hauptstadt Moskau und in mehr als 100 Städten - das zweite Wochenende hintereinander.

Hundertschaften der Sonderpolizei OMON gingen erneut mit Schlagstöcken und teils brutalen Festnahmen gegen die Demonstranten vor. Es gab viele Verletzte.

Menschenrechtler gaben die Zahl der Inhaftierten mit mehr als 3000 landesweit an. Sie kritisierten massive Verstöße gegen das Versammlungsrecht und das Recht auf freie Meinungsäußerung.

Besonders hart ging die Polizei demnach in Putins Heimatstadt St. Petersburg vor, wo auch Tränengas und Elektroschocker eingesetzt wurden.

Viele Demonstranten riefen "Putin wor!" - zu Deutsch: "Putin ist ein Dieb!", auch weil der Präsident den Menschen demokratische Freiheiten raube. Landesweit kamen auch Dutzende Journalisten, die von den Protesten berichteten, in Polizeigewahrsam.

Ehefrau von Alexej Nawalny wird bereits zum zweiten Mal verhaftet

Julia Nawalnaja (44) und Alexej Nawalny (44) sind seit dem Jahr 2000 verheiratet.
Julia Nawalnaja (44) und Alexej Nawalny (44) sind seit dem Jahr 2000 verheiratet.  © instagram.com/yulia_navalnaya

Unter den Festgenommenen war einmal mehr Nawalnys Ehefrau Julia Nawalnaja. Die 44-Jährige hatte zuvor bei Instagram ein Foto von sich auf der Straße veröffentlicht.

In einem weiteren Eintrag mit einem Familienfoto kritisierte sie, dass ihr Mann inhaftiert sei, weil er es gewagt habe, den Mordanschlag mit dem chemischen Kampfstoff Nowitschok zu überleben. Die zweifache Mutter war bereits bei Protesten vor einer Woche vorübergehend festgenommen worden.

Zudem beklagte Nawalnaja, dass Alexejs Bruder Oleg Nawalny als "Geisel" in Haft genommen worden sei. "Wenn wir schweigen, dann holen sie morgen jeden von uns."

Sie warf Putin vor, nach Belieben das Schicksal von Menschen zu bestimmen - er entscheide, "wer eingesperrt, wer vergiftet wird".

Bei Nawalnajas Festnahme kritisierten Unterstützer, dass sie willkürlich bei einem einfachen Spaziergang auf der Straße von der Polizei gefasst und abgeführt wurde, wie der Internet-Kanal Doschd zeigte.

Russische Behörden versuchen, prominente Gegner gezielt zu Verhaften

Auch in anderen russischen Städten wie hier in St. Petersburg fanden Demonstrationen mit tausenden von Teilnehmern statt.
Auch in anderen russischen Städten wie hier in St. Petersburg fanden Demonstrationen mit tausenden von Teilnehmern statt.  © Dmitri Lovetsky/AP/dpa

In Moskau versammelten sich nach einer Sperrung der Innenstadt an verschiedenen Punkten Menschen, die Protestzüge bildeten. Ein Zug mit Tausenden zog zum Moskauer Untersuchungsgefängnis Nummer eins - der im Volksmund so bezeichneten Matrosenstille. Dort sitzt Nawalny in Haft.

"Otpuskaj!" - zu Deutsch: "Freilassen!" - riefen die Menschen. Die Sicherheitskräfte hatten die Zufahrten zum Gefängnis gesperrt. Es kam zu einzelnen Zusammenstößen der Polizei mit Protestierenden. Der Ort galt als der am stärksten bewachte in Moskau.

Trotz Drohungen der Polizei waren auch in anderen russischen Städten Menschen zu Tausenden auf den Straßen. In Jektarinburg am Uralgebirge etwa waren es mehr als 10.000 Menschen, wie Abgeordnete der Stadt berichteten.

Der ehemalige Bürgermeister Jewgeni Roisman sagte, dass es deutlich mehr Menschen gewesen seien als am Samstag vor einer Woche.

Die Behörden hatten prominente Vertreter von Nawalnys Team schon im Vorfeld festgenommen. Die Hoffnung des Machtapparats, durch die Inhaftierung der führenden Köpfe der Opposition die Proteste zum Erliegen zu bringen, erfüllten sich nicht, wie zahlreiche Kommentatoren immer wieder betonten.

Titelfoto: Alexander Zemlianichenko/AP/dpa

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