Nach islamistischer Terrorwelle: Verfassungsschutz warnt vor Folgetaten

Kiel – Nach den jüngsten islamistischen Terroranschlägen in Wien und Frankreich besteht nach Einschätzung des Verfassungsschutzes Gefahr von Folgetaten.

Joachim Albrecht, Leiter des Verfassungsschutzes in Schleswig-Holstein, steht vor dem Gebäude des Innenministeriums.
Joachim Albrecht, Leiter des Verfassungsschutzes in Schleswig-Holstein, steht vor dem Gebäude des Innenministeriums.  © Axel Heimken/dpa

"Terroristische Anschläge werden in der dschihadistischen Szene durchweg als Erfolge bewertet, gar gefeiert", sagte Schleswig-Holsteins oberster Verfassungsschützer Joachim Albrecht der Deutschen Presse-Agentur. "Es besteht daher die Gefahr, dass stark radikalisierte Mitglieder der Szene Anschläge zum Anlass nehmen, bereits vorhandene Tatüberlegungen zu konkretisieren."

Solchen Tätern gehe es nicht um Nachahmung, "sondern um ihren eigenen, ganz persönlichen Beitrag im Kampf gegen die aus ihrer Sicht Ungläubigen", sagte Albrecht. Die Anschlagsmodalitäten könnten auch ganz anders sein. Vor allem die Gefahr von allein handelnden Tätern bestehe weiter.

Der Verfassungsschutz im Norden beobachte den islamistischen Terrorismus seit Jahren schwerpunktmäßig, sagte Albrecht. Daran habe auch der verstärkte Fokus auf den Rechtsextremismus nichts geändert.

"Natürlich geben Anschläge wie in Dresden, Paris und Wien Anlass, noch einmal ganz besonders genau hinzuschauen. Dies bezieht sich insbesondere auf die Beobachtung salafistisch/dschihadistischer Netzwerke."

Diese seien selten regional begrenzt. Mit ihren bundesweiten Kontakten, die oft auch ins Ausland reichen, seien sie Keimzellen von Radikalisierungs- und Mobilisierungsprozessen.

Anzahl "islamistischer Gefährder" im Norden ist zweistellig

Islamisten demonstrieren hinter einem Transparent in Hamburg. (Archivbild)
Islamisten demonstrieren hinter einem Transparent in Hamburg. (Archivbild)  © Markus Scholz/dpa

Die islamistische Szene sei auch im Norden weiter aktiv, wenn auch nicht ganz so dynamisch wie in früheren Jahren, sagte Albrecht.

"Die Anzahl der von der Polizei als "Gefährder" eingestuften Personen bewegt sich in Schleswig-Holstein im unteren zweistelligen Bereich." Konkretere Angaben seien nicht möglich, weil sonst Rückschlüsse auf einzelne Personen möglich wären.

Für den hiesigen Verfassungsschutz spielt auch die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) weiter eine Rolle. "Es wäre ein Irrtum zu meinen, die militärischen Niederlagen hätten den IS so geschwächt, dass wir uns keine Sorgen mehr machen müssen", sagte Albrecht.

Dessen Ziel sei es seit etwa einem Jahr, "dezentral in ganz Europa Organisationseinheiten zu bilden und zu vernetzen, die einen Kampf stärker als früher außerhalb seines Kerngebietes ermöglichen sollen".

Moderne Propaganda spielt für den IS eine besondere Rolle, wie Albrecht sagte: "Insbesondere junge Leute werden dadurch erreicht, auch in Schleswig-Holstein."

Schwerpunkte des Salafismus im nördlichsten Bundesland sind nach Erkenntnissen der Verfassungsschützer die Umkreise der großen Städte. Besonders im Auge haben sie den Kreis Pinneberg. "Die Nähe zu Hamburg und die damit verbundenen guten Verkehrsanbindungen machen eine Vernetzung mit der Hamburger Szene leicht möglich", sagte Albrecht. Als "den Brennpunkt" im Norden würde er Pinneberg aber nicht bezeichnen.

Titelfoto: Axel Heimken/dpa

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