Nach Nixons Notbremse war Geld nicht mehr Gold wert

USA - Jahrhundertelang war der Wert des Geldes an den eines Edelmetalls – meist Gold oder Silber – gekoppelt.

Mit seiner Fernsehansprache am 15. August 1971 löste US-Präsident Richard Nixon einen Schock auf den weltweiten Finanzmärkten aus. Obwohl er das Goldfenster nur "zeitweilig" schließen wollte, brach das bisherige System aus festen Wechselkursen für immer zusammen. (Bildmontage)
Mit seiner Fernsehansprache am 15. August 1971 löste US-Präsident Richard Nixon einen Schock auf den weltweiten Finanzmärkten aus. Obwohl er das Goldfenster nur "zeitweilig" schließen wollte, brach das bisherige System aus festen Wechselkursen für immer zusammen. (Bildmontage)  © Montage: picture alliance/dpa, https://twitter.com/SatoshiLite/

Doch vor 50 Jahren erlebte die Welt völlig unvorbereitet ihren "Nixon-Schock".

Ohne Absprache mit anderen Nationen oder Entscheidungsträgern verkündete US-Präsident Richard Nixon in einer Fernsehansprache am 15. August 1971 das Ende der Goldpreis-Bindung für den US-Dollar.

Das bedeutete auch den Zusammenbruch des bisherigen Systems von festen Wechselkursen.

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Von nun an war Geld nur noch bedrucktes Papier, die einzelnen Staaten konnten die Notenpressen anwerfen und exorbitante Schulden anhäufen.

Vereinigte Staaten von Amerika untersagten Bevölkerung seit den 1930ern Privatbesitz von Gold

Bretton Woods in New Hampshire: 1944 hatten sich hier 44 Nationen auf den Goldstandard festgelegt, auch US-Finanzminister Fred Vinson unterschrieb.
Bretton Woods in New Hampshire: 1944 hatten sich hier 44 Nationen auf den Goldstandard festgelegt, auch US-Finanzminister Fred Vinson unterschrieb.  © picture-alliance / dpa / UPI

Bereits nach dem Ersten Weltkrieg und besonders nach der Weltwirtschaftskrise hatten sich die meisten Staaten aus dem Goldstandard ihrer Währung verabschiedet.

Lediglich die Vereinigten Staaten, die seit den 30er-Jahren ihrer Bevölkerung den Privatbesitz von Gold untersagten, garantierten noch einen festen Umtauschkurs.

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Noch während des Zweiten Weltkriegs, als auch Handelsweltmeister Großbritannien mehrmals knapp an der Zahlungsunfähigkeit vorbeigeschlittert war, trafen sich 1944 über 700 Delegierte aus 44 Staaten in Bretton Woods (New Hampshire), um ein weltweites und krisenfestes Währungssystem zu beschließen.

Der Aufstieg des Dollars als internationale Ankerwährung

Präsident Franklin D. Roosevelt (1943) vor Fort Knox: Hier ließ er das amerikanische Gold einbunkern.
Präsident Franklin D. Roosevelt (1943) vor Fort Knox: Hier ließ er das amerikanische Gold einbunkern.  © picture alliance / AP

Das Bretton-Woods-System sah vor, dass sich die US-Notenbank (Federal Reserve, kurz: "Fed") verpflichtet, Gold in unbegrenzter Menge zum Festpreis zu kaufen oder zu verkaufen: 35 US-Dollar für eine Feinunze (31,104 Gramm).

Die Währungen anderer Länder wurden in ein fixes Wechselsystem zum US-Dollar eingebunden und waren somit ebenfalls Gold wert.

Die Zentralbanken der anderen Länder verpflichteten sich im Gegenzug, durch finanzpolitische Maßnahmen und Eingriffe in Devisenmärkte die Wechselkurse ihrer Währungen innerhalb eines Prozentes Bandbreite zu stabilisieren. Um verschuldeten Staaten zu helfen, wurden Weltbank und Internationaler Währungsfonds gegründet.

Die Fed konnte sich das auch leisten. Im als uneinnehmbar geltenden Fort Knox lagerten 1948 über 70 Prozent der Weltgoldreserven. Die waren erheblich mehr wert als die Auslandsschulden der USA. Und die im Krieg weitgehend unbeschädigt gebliebene amerikanische Wirtschaft brummte. Der Dollar stieg somit zur Ankerwährung der Welt auf.

In den 50er-Jahren holten andere Länder gegenüber den USA wirtschaftlich auf

Durch den teuren Vietnam-Krieg verschuldeten sich die USA immer mehr. Der Schatz war aufgebraucht.
Durch den teuren Vietnam-Krieg verschuldeten sich die USA immer mehr. Der Schatz war aufgebraucht.  © picture alliance / TopFoto

Doch in den 50er-Jahren holte die Weltwirtschaft auf. Besonders die im Krieg unterlegenen Länder Deutschland und Japan wurden durch "Wirtschaftswunder" zu mächtigen Exportnationen.

Das Außenhandelsdefizit der Vereinigten Staaten aber wuchs an - wegen teurer Kriege in Korea und Vietnam lief die US-Dollar-Notenpresse auf Hochtouren, die Inflation stieg.

Im Jahr 1966 besaßen ausländische Banken 14 Milliarden US-Dollar, während die Fed nur noch für 12 Milliarden Goldreserven hatte. Der Dollar begann zu müffeln, man traute ihm nicht mehr. Frankreichs Präsident Charles de Gaulle schickte sogar die Kriegsmarine nach New York, um das französische Gold abzuholen. Staaten investierten lieber selbst in Gold, Yen oder D-Mark. Die Bundesregierung musste 1969 zähneknirschend eine Aufwertung der Mark (von 4 auf 3,66 je Dollar) akzeptieren.

Obwohl die Bundesbank die Zinsen stetig senkte, tauschten trotzdem Investoren ihre Dollars in D-Mark. Folglich beschloss das Kabinett Brand im Mai 1971 die Freigabe des Wechselkurses, der Dollar stürzte auf 3,12 Mark.

Eine Rede mit Schockwirkung für die ganze Welt

Und so kam es am 15. August zur Fernsehansprache des Präsidenten, bei der er eigentlich die größte wirtschaftliche Niederlage der USA hätte eingestehen müssen. Während sich ausländische Währungshüter erzürnt die Augen rieben, schaffte Richard Nixon bei seinen Landsleuten einen medialen Triumph, der ihm die Wiederwahl sichern sollte.

Zunächst schob er die Schuld auf ausländische Spekulanten, die dem Dollar schaden wollen. Deshalb werde er das Goldfenster "zeitweilig" schließen. Um die Inflation und die Verwerfungen im eigenen Land zu stoppen, verhängte er für 90 Tage einen Lohn- und Preisstopp. Außerdem ordnete er einen Importaufschlag von 10 Prozent an, um den Kauf amerikanischer Produkte zu begünstigen. Der Dow stieg am Folgetag um 33 Punkte, der größte Sprung nach dem Zweiten Weltkrieg.

Schuldenquote vervielfachte sich

Nachdem der Wert des Dollars vom Gold entkoppelt war, wurden weltweit die Notenpressen angeworfen und Schulden gemacht.
Nachdem der Wert des Dollars vom Gold entkoppelt war, wurden weltweit die Notenpressen angeworfen und Schulden gemacht.  © imago images/UPI Photo

Andere Staatschefs mussten nun zuschauen, wie der Wert ihrer Dollarreserven durch einen Federstrich dahinschmolz. Die meisten Länder gaben ihre Währung frei, der Wert wird auf dem Devisenmarkt durch Angebot und Nachfrage bestimmt. Die Finanzwirtschaft entdeckte nun neue Geschäftsfelder, Spekulanten wurden erst recht zu Siegern.

Und weil das Geld nun keinen Anker mehr hatte, an dem sein Wert bemessen wird, warfen die Notenbanken der einzelnen Staaten die Gelddruckmaschinen an. Die Schuldenquote - der Wert der Verbindlichkeiten gemessen an der Wirtschaftsleistung - vervielfachte sich seither in fast allen Ländern. So entstehen immer wieder Finanzkrisen.

Immer für eine Überraschung gut

Richard Milhous Nixon kennt man vornehmlich wegen der Watergate-Affäre. Er war der einzige Präsident, der zurücktreten musste.
Richard Milhous Nixon kennt man vornehmlich wegen der Watergate-Affäre. Er war der einzige Präsident, der zurücktreten musste.  © picture alliance / dpa

Exakt einen Monat vorher - am 15. Juli 1971 - hatte Präsident Nixon die Weltpolitik schon einmal mit einer Fernsehansprache überrumpelt. Ohne dass es eine Vorwarnung gab, kündigte er eine Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen mit der Volksrepublik China an. Das war eine völlige Neuausrichtung der US-Außenpolitik.

Nicht nur in Taiwan war man schockiert. Der wichtigste Verbündete im Pazifikraum, Japan, musste nun erheblich zweifeln, wie nachhaltig das Sicherheitsversprechen unter dem Schutzschirm der Atommacht USA noch war. Noch lange Zeit kam es zwischen beiden Ländern zu diplomatischen Irritationen.

Der Begriff "Nixon-Schock" entstand aber erst nach der finanzpolitischen Ansage. Frei nach dem Motto "Was plant der Irre jetzt?" waren Nixons Fernsehauftritte bei Botschaftern von nun an Pflichtprogramm, das sie bangend verfolgten.

Titelfoto: Montage: picture alliance/dpa, https://twitter.com/SatoshiLite/

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