Polizeipräsident: Beim Asylproblem stehen wir erst am Anfang

Dresden - Großveranstaltungen, gewalttätige Demonstrationen, Risikospiele beim Fußball - schon jetzt arbeiten die sieben Hundertschaften der Sächsischen Bereitschaftspolizei über ihrer Leistungsgrenze. Nun kommt noch die verschärfte Sicherheitslage vor den Flüchtlingsunterkünften hinzu.

Im Interview mit der Morgenpost am Sonntag kündigt Horst Kretzschmar (55), Präsident der Bereitschaftspolizei, eine Prioritätenverschiebung der Kernaufgaben an.

Der Präsident in der Leitstelle. Er muss gute Laune verbreiten, auch wenn viele seiner Führungskräfte hunderte Überstunden gesammelt haben.
Der Präsident in der Leitstelle. Er muss gute Laune verbreiten, auch wenn viele seiner Führungskräfte hunderte Überstunden gesammelt haben.

MOPO24: Herr Kretzschmar, im letzten halben Jahr waren ihre Einsatzkräfte ja im Dauerstress.

Horst Kretzschmar: Die waren auch vorher schon zu 100 Prozent ausgelastet. Zurzeit haben die Kollegen im Schnitt 60 Überstunden angesammelt, einige Führungskräfte sogar über 400.

MOPO24: Und jetzt fordert die Politik, dass sie auch beim Schutz und der Organisation der Flüchtlingslager mitwirken.

Horst Kretzschmar: Das werden wir auch, sie werden dort dauerhaft Polizei sehen. Wo 1000 Leute zusammengeführt werden, entsteht ein polizeiliches Problem. Vor der Erstaufnahme in Chemnitz stehen wir bereits jetzt jede freie Minute.

MOPO24: Aber nahezu täglich werden es mehr Unterkünfte ...

Horst Kretzschmar: Machen wir uns nichts vor. Es stehen noch Millionen Flüchtlinge am Mittelmeer und wollen aus den Kriegsgebieten weg. Wir stehen erst am Anfang, darauf müssen wir uns einstellen.

Ob Fußballfan oder nicht: Die Bereitschaftspolizisten müssen ihr Wochenende immer wieder bei den Risikospielen verbringen.
Ob Fußballfan oder nicht: Die Bereitschaftspolizisten müssen ihr Wochenende immer wieder bei den Risikospielen verbringen.

MOPO24: Wie wollen Sie denn die zusätzlichen Aufgaben bewältigen?

Horst Kretzschmar: Am Freitag haben wir einen Polizeigipfel in Dresden. Dort müssen wir die Prioritäten neu festlegen und die Leitlinien für die Bereitschaftspolizei ändern.

MOPO24: Hauptaugenmerk "Flüchtlinge"?

Horst Kretzschmar: Das wird so kommen. Da steht ein Wandel bevor. Deshalb müssen auch unsere Einsätze bei Fußballspielen auf den Prüfstand. Zwar gehen wir in dieser Saison von 30 Risikospielen aus. Auch hier werden wir künftig mit weniger Hundertschaften ausrücken.

MOPO24: Wird es weniger Polizisten bei Großveranstaltungen geben?

Horst Kretzschmar: Es wird dort wohl hin und wieder Lücken geben. Es ist auch die Frage, wo wir sonst Abstriche machen. An der Fortbildung? Bei der Analyse und Vorbereitung der Einsätze? Bisher haben wir die Landespolizei auch bei der Kriminalitätsbekämpfung unterstützt, etwa in der Eisenbahnstraße in Leipzig oder am Hauptbahnhof Dresden - das wird dann wohl gegen Null tendieren.

Rangelei bei der NPD-Demo am Dresdner Zeltlager Bremer Straße. Beleidigungen und Pöbeleien müssen die jungen Beamten professionell wegstecken.
Rangelei bei der NPD-Demo am Dresdner Zeltlager Bremer Straße. Beleidigungen und Pöbeleien müssen die jungen Beamten professionell wegstecken.

MOPO24: Was werden Sie auf dem Polizeigipfel vorschlagen?

Horst Kretzschmar: Nach den Anschlägen in New York hatten wir die Gefährdung jüdischer und amerikanischer Einrichtungen, da haben wir eine Wachpolizei aufgestellt. Das war aus meiner Sicht ein sehr geeignetes Mittel.

MOPO24: Das muss erst einmal bezahlt werden ...

Horst Kretzschmar: Richtig, die Personalkosten für eine Hundertschaft liegen bei etwa vier Millionen Euro im Jahr.

MOPO24: Bundes- und Landesregierung reagieren abweisend bei Forderungen nach neuem Personal.

Horst Kretzschmar: Ich will ja nicht schwarzmalen. Aber ich stelle mir ernsthaft die Frage, ob wir den Ansturm künftig mit den vorhandenen polizeilichen Kräften händeln können.

Kumpelhaft im Umgang, hart in der Sache: Kretzschmar gilt in der Polizei als Mann für jede Tonart.
Kumpelhaft im Umgang, hart in der Sache: Kretzschmar gilt in der Polizei als Mann für jede Tonart.

MOPO24: Genügen für die neuen Aufgaben sieben Hundertschaften?

Horst Kretzschmar: Ich bin dafür zuständig, dass sie zu 100 Prozent ausgelastet sind. Da müssen sich andere Leute fragen: Wie viel Sicherheit kann und will ich mir leisten?

MOPO24: Ihre Einsatzkräfte stehen zwischen den Fronten, werden bepöbelt und angegangen.

Horst Kretzschmar: Das bewegt unsere jungen Beamten sehr stark. Sie sind nicht zur Polizei gegangen, um diese Art der Belastung dauerhaft zu ertragen. Aber es ist ihr Job, das auszuhalten.

MOPO24: Die technische Ausstattung ist auch nicht die neueste?

Horst Kretzschmar: Dafür ist der Bund zuständig. Und der hält sich - wenn ich es einmal nett formuliere - sehr stark zurück. Es klemmt vor allem bei der Sonderausstattung. Das muss sich schnellstens ändern, sonst wird sich das rächen.

Ein Haudegen für alle Fälle

Horst Kretzschmar (geboren 1959 in Crimmitschau) besuchte die Offiziershochschule des Ministerium des Inneren und schloss als Diplom-Militärwissenschaftler ab. Ab 1992 baute er das Spezialeinsatzkommando (SEK) in Sachsen auf, dessen erfolgreicher Leiter er bis 2004 war.

Danach arbeitete er als Leiter Einsatz im Lagezentrum Leipzig, beim Landeskriminalamt und als Vize der Polizeidirektion Dresden. Seit einem Jahr leitet er das Präsidium der Bereitschaftspolizei.

Foto: Frank Schmidt, Sebastian Willnow, imago


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