Wie DDR-Flüchtlinge aus Sachsen in Prag ihre Befreiung erlebten

Prag/Dresden - Es ist der wohl berühmteste Halbsatz der deutschen Geschichte! Was Hans-Dietrich Genschers (1927-2016) Worte in der Prager Botschaft im September 1989 auslösten, sorgt noch heute für Gänsehaut.

Trabis und Zelte im Park des nächtlich beleuchteten Palais Lobkowitz erinnerten an die dramatischen Stunden vor genau 30 Jahren.
Trabis und Zelte im Park des nächtlich beleuchteten Palais Lobkowitz erinnerten an die dramatischen Stunden vor genau 30 Jahren.  © Steffen Füssel

Auf dem Balkon hatte der frühere Außenminister verkündet: "Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise … (möglich geworden ist)".

Die letzten Worte gingen im Jubel Tausender gestrandeter DDR-Flüchtlinge unter. Genau 30 Jahre später kehrten einige an die historische Stätte zurück.

Rund 60 der damaligen Flüchtlinge fanden sich gestern in der deutschen Botschaft in Prag ein. Sie feierten mit Politikern und Gästen "ihr" Jubiläum und die Deutsche Einheit. Ihre Erinnerungen machen den schwierigen Wendeherbst 1989 lebendig. Rund 4000 DDR-Bürger waren seit August auf das bundesdeutsche Botschaftsgelände in Tschechien geflohen.

"Wir gaben unsere Neubauwohnung und neuen Wartburg auf, fuhren damit nach Prag, parkten nachts am 25. September vor der Botschaft", erinnert sich der damalige Thalheimer (bei Chemnitz) Mathias Raithel (heute 59). Mit Frau Kerstin (58) und Tochter Katja (35) wollte er die DDR hinter sich lassen.

"Im West-Fernsehen hieß es, Ausreiseanträge würden hier genehmigt. Unsere Tochter sollte ein freies Bildungssystem erleben. Wir stiegen auf eine Kabeltrommel am Zaun. Flüchtlinge auf der anderen Seite halfen uns rüber."

Michael Kretschmer und Heiko Maas würdigten den "ungebrochenen Freiheitswillen der Menschen"

Auch Mathias Raithel (59, r.) kam noch einmal an den Ort der rettenden Zuflucht in Prag zurück. Neben ihm seine Tochter Katja - sie war damals ein fünfjähriges Mädchen.
Auch Mathias Raithel (59, r.) kam noch einmal an den Ort der rettenden Zuflucht in Prag zurück. Neben ihm seine Tochter Katja - sie war damals ein fünfjähriges Mädchen.  © Steffen Füssel

Rund 1000 DDR-Bürger waren bereits da. Täglich wurden es mehr, die meisten draußen in Zelten untergebracht. Tochter Katja: "Ich erinnere mich an den Schlamm. Und wie wir auf Treppen schliefen." Die Hygiene war katastrophal. "Es gab nur sechs bis zehn Toiletten. Wir hatten nur Kleidung für zwei Tage dabei. Was mit uns passiert, wussten wir nicht", so Mathias Raithel.

Dann überschlug sich alles. "Wir standen im Kuppelsaal, wo auch der Balkon abgeht. Wir haben Genscher nicht richtig verstanden, die Akustik war schlecht. Aber wir haben den Jubel gehört. Und dann haben wir geweint." Ein Zug brachte die Familie in den Westen. Alle fanden Arbeit, Tochter Katja promovierte. "Wir haben es keine Sekunde bereut", sagt Familienvater Raithel.

Mit der "zweiten Welle" kam nach turbulenter Flucht Petra Beßler (heute 54) mit Sohn Benjamin (4) aus Thüringen Anfang Oktober in der Botschaft an. Ihr Partner Frank Närlich (53) war zuvor verhaftet worden. "Es war chaotisch, richtig voll. Ich erinnere mich an einen riesigen Berg zurückgelassener Kinderwagen. Ich wollte nur meinen Jungen beschützen", so Beßler. Beide durften mit dem Zug ausreisen. Wochen später fand sie mit ihrem Mann in Hessen zusammen.

Neben den Zeitzeugen nahmen auch Tschechiens Premierminister Andrej Babiš (65), Bundesaußenminister Heiko Maas (53, SPD) und Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (44, CDU) am Botschaftsempfang teil. Kretschmer lobte den "Mut und ungebrochenen Freiheitswillen der Menschen in der DDR". Der Freistaat präsentierte sich im Botschaftsgarten mit Ausstellern aus Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur.

DDR-Flüchtlinge von einst: Frank Närlich (53, v.l.) und seine Frau Petra Beßler (54) im Gespräch mit TAG24-Redakteur Hermann Tydecks.
DDR-Flüchtlinge von einst: Frank Närlich (53, v.l.) und seine Frau Petra Beßler (54) im Gespräch mit TAG24-Redakteur Hermann Tydecks.  © Steffen Füssel

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