Projekt der Volkshochschule soll 60.000 Analphabeten in Dresden helfen

Dresden - Rund 60.000 Dresdner können nicht richtig lesen und schreiben. Jeder achte erwachsende Bewohner gilt als funktionaler Analphabet, schätzen Experten. Die Volkshochschule (VHS) will was dagegen unternehmen.

Mandy Scholz (38) und Enrico Barkán (48) sind funktionale Analphabeten, die beiden wollen andere Betroffene zu Lern-Kursen motivieren, um wie sie selbst besser mit dem Defizit leben zu können.
Mandy Scholz (38) und Enrico Barkán (48) sind funktionale Analphabeten, die beiden wollen andere Betroffene zu Lern-Kursen motivieren, um wie sie selbst besser mit dem Defizit leben zu können.  © Steffen Füssel

Viele Betroffene trauen sich nicht, sich zu outen, verstecken ihr Problem vor ihren Mitmenschen. Das will die Volkshochschule mit dem Projekt "mittendrin" ändern.

Das Leben der Betroffenen ist schwierig. Die meisten haben einen Schulabschluss, stehen in Lohn und Brot. Welche Probleme sie haben, ahnen Kollegen und Freunde oft gar nicht. 

"Ich hatte schon als Kind und in der Schule Probleme mit Lesen und Schreiben, habe es nicht richtig gelernt", erinnert sich Enrico Barkán (48). "Ich wurde durchgeschleust, hatte viele Fünfen. Mitschüler machten sich lustig, es war keine schöne Zeit."

Dabei erging es dem Dresdner wie den meisten Betroffenen. "Ich konnte Wörter lesen. Aber es dauerte viel länger, auch um den Kontext zu verstehen. Und das hat fürs Leben nicht gereicht", so Barkán. 

Durch die Lehre trickste er sich, schrieb heimlich ab. Bei der Führerscheinprüfung rieb er sich die Augen rot. So las ihm der Prüfer die Fragen vor - Barkán bestand ohne Fehler.

"Betroffene entwickeln besondere Strategien, um damit klarzukommen. Analphabetismus hat nichts mit Intelligenz zu tun", sagt VHS-Direktor Jürgen Küfner (54). Man wolle die Öffentlichkeit sensibilisieren und Betroffenen Angebote machen, um zu helfen.

Volkshochschul-Direktor Jürgen Küfner (54) will noch vielen anderen Betroffenen helfen.
Volkshochschul-Direktor Jürgen Küfner (54) will noch vielen anderen Betroffenen helfen.  © Steffen Füssel

Dynamo Dresden unterstützt das "mittendrin"-Projekt im Stadion

Unterstützen mit einer Schirmherrschaft das VHS-Projekt: Dynamo-Präsident Holger Scholze (49, l.) und OB Dirk Hilbert (48, FDP).
Unterstützen mit einer Schirmherrschaft das VHS-Projekt: Dynamo-Präsident Holger Scholze (49, l.) und OB Dirk Hilbert (48, FDP).  © Steffen Füssel

"Ich habe mich immer versteckt. In der Schule durchgemogelt, später in der Altenpflege Protokolle, die ich ausfüllen sollte, an Kollegen gegeben", sagt Mandy Scholz (38).

"2016 habe ich mich geoutet und einen Kurs gemacht. Es hat mein Leben verändert, mein Selbstwertgefühl gesteigert. Ich traue mich heute ins Kino, kann anderen vorlesen, Formulare selbst ausfüllen."

Über Jahre arbeiteten Barkán und Scholz in Lernkursen an ihrem Defizit, wollen jetzt andere Betroffene motivieren. 

Beide sind Dynamo-Fans, besuchen seit vergangenem Jahr auch das "mittendrin"-Projekt im Stadion: Betroffene lernen in der VIP-Lounge und kicken anschließend zusammen auf dem Kunstrasen.

Der Fußball und Dynamo helfen dabei als gemeinsames Hobby und schaffen Gemeinschaft. "Für uns ist die Unterstützung Ehrensache", sagt Dynamo-Präsident Holger Scholze (49).

Fanbeauftragte wollen im Block fürs Projekt werben. Aber auch wer nicht kicken will, erhält Hilfe. Weitere Informationen zum "mittendrin"-Projekt gibt es am VHS-Telefon unter der Nummer 03512544077.

Titelfoto: Steffen Füssel

Mehr zum Thema Nachrichten:


WhatsApp Wir bei WhatsApp: 0160 - 24 24 24 0