80 Prozent der Arbeitnehmer haben Schlafprobleme

Mannheim - Fast jeder empfindet heutzutage ausreichenden Schlaf als notwendig und gesund - doch das war nicht immer so, wie der Mannheimer Historiker Hiram Kümper herausgefunden hat.

Die meisten Menschen schlafen täglich zwischen sehcs und acht Stunden. (Symbolbild)
Die meisten Menschen schlafen täglich zwischen sehcs und acht Stunden. (Symbolbild)  © milkos/123RF

"Im frühen Christentum wird der Schlaf suspekt, weil er den Menschen den Willen und die Kontrolle nimmt", erläutert der Wissenschaftler von der Universität Mannheim. Insbesondere in Klöstern hielt man die Schlaflosigkeit hoch, um Ejakulationen im Schlaf als Zeichen sündiger Gedanken zu vermeiden, wie der Experte erklärt, der sich mit der kulturellen Bewertung von Schlaf und Wachsein über die Jahrhunderte beschäftigt.

Klosteraufzeichnungen zeigten, dass Mönche in aller Herrgottsfrühe aufstanden, aber auch recht früh wieder zu Bett gingen. "Schlaf wurde als das Einfalltor für alles Böse betrachtet und man versuchte deshalb, die Schlafzeit zu verkürzen."

Heute zeigt sich eine völlig konträre Einstellung in der Redewendung "Wer schläft, der sündigt nicht". Derzeit legen sich die meisten Menschen zwischen sechs und acht Stunden lang aufs Ohr. Davon kann individuell abgewichen werden. "Fünf oder neun Stunden sind auch noch ok", sagt Hilmar Leuck, Leiter der Sinsheimer Selbsthilfegruppe Schlaf-Apnoe.

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Laut dem Statistischen Bundesamt wurden in Deutschland im Jahr 2019 rund 101.400 Patienten mit der Diagnose Schlafstörungen stationär behandelt. Dazu gehören Ein- und Durchschlafstörungen, Schlafapnoe (Atemaussetzer), aber auch ein krankhaft gesteigertes Schlafbedürfnis. Nach einer Studie der Krankenkasse DAK aus dem Jahr 2017 haben 80 Prozent der Arbeitnehmer Schlafprobleme.

Schlafstörungen werden auch stationär behandelt

Welchen Stellenwert hat der Schlaf in einer Gesellschaft? Dieser Frage geht ein Mannheimer Wissenschaftler nach.
Welchen Stellenwert hat der Schlaf in einer Gesellschaft? Dieser Frage geht ein Mannheimer Wissenschaftler nach.  © Roland Weihrauch/dpa

In der Reformationszeit galt Schlafen Kümper zufolge als unnötige Zeitverschwendung, die vom Arbeiten abhielt. Im 18. Jahrhundert änderte sich das Menschenbild.

"Es herrschte in der Aufklärung die Vorstellung, dass der Körper wie eine Maschine geölt werden müsse, um seine Lebensenergie zu erhalten, sonst drohte der Tod." Und im Schlaf wurden die Akkus wieder aufgeladen, so dachte man ganz ähnlich wie heute.

Andererseits genossen diejenigen, die ihre Schlafzeiten scheinbar beeinflussen konnten, wie Beethoven oder Goethe, Kultstatus. Die Überwindung des Schlafbedürfnisses gehörte zum Geniebegriff, wie der Professor für Geschichte des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit herausgefunden hat.

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"Gesund ist das allerdings nicht gewesen, schließlich werden im Schlaf Schadstoffe aus dem Gehirn entsorgt", sagt Leuck von der Selbsthilfegruppe. Ständiges Wecken eines schlafenden Menschen sei eine Foltermethode.

In den 1950er Jahren machten Schlafmittel in der westlichen Welt Furore. "Mit Medikamenten glaubte man, jegliche Dysfunktion in den Griff zu bekommen, so auch die Schlaflosigkeit", sagt Kümper. Das habe Medikamentenabhängigkeit erzeugt, die sich in ländlichen Gebieten der USA bis heute gehalten habe. Bezeichnend sei der Song der Rolling Stones "Mother's Little Helper" (Mutters kleine Helfer) über den Missbrauch von Beruhigungspillen aus dem Jahr 1966.

Heute werden in der Regel nur Schlafmittel verschrieben, die wenig abhängig machen, wie Leuck sagt: "Die Zeit, in der Ärzte die Pillen unter die Leute streuten, ist vorbei." Er hat für die Betroffenen gute Ratschläge ganz ohne Chemie: auf eine Siesta verzichten, Mahlzeiten maximal drei Stunden vor dem Zubettgehen einnehmen, Sport nicht unmittelbar vor der Nachtruhe treiben, Smartphone und Arbeit aus den Laken verbannen.

Und die Mahnung an alle Paare: "Das Bett ist auch kein Platz zum Streiten."

Titelfoto: milkos/123RF

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