Autowelt im Wandel: Bei Daimler kommt der Name an der Konzernzentrale weg

Stuttgart - Wie sich die Autowelt wandelt, kann man bei Daimler künftig wohl schon von weitem sehen. An der Konzernzentrale in Stuttgart kommt sogar der Name weg.

Daimler-Chef Ola Källenius (51) will den Konzern effizienter machen.
Daimler-Chef Ola Källenius (51) will den Konzern effizienter machen.  © Christoph Schmidt/dpa

Der Auto- und Lastwagenbauer spaltet sich auf, in einen Auto- hier und einen Lastwagenbauer da, in Mercedes-Benz und Daimler Truck. Und die Daimler AG, das große Ganze, den guten, alten Daimler halt, soll es dann nicht mehr geben.

Den Börsianer freut's, und da die Autos mit dem Stern wie gewohnt aus der Fabrik rollen werden, kann auch dem Mercedes-Fahrer wohl egal sein, wie der Laden heißt. Aber der Gedanke dahinter zeigt, wie die Branche durchgeschüttelt wird, vom technologischen Wandel und von neuen Konkurrenten.

"Die Zeit von großen bürokratischen Konglomeraten ist vorbei", hat Daimler-Truck-Chef Martin Daum gesagt. Wer mithalten will, muss leichter, schneller, beweglicher sein.

Und was ganz oben bei Daimler, Bosch und Porsche beginnt, setzt sich unaufhaltsam fort in die zweite, dritte, x-te Reihe der Zulieferer, vor allem im Autoland Baden-Württemberg, wo die Branche fast einer halben Million Menschen Arbeit gibt und seit Jahrzehnten verlässlich für Wohlstand sorgt.

Weil hier vieles noch sehr am Verbrennungsmotor hängt, bröckelt diese Gewissheit gerade ziemlich. Begonnen hat das lange vor Corona, die Pandemie hat den Druck nun aber noch erhöht.

Wohlstand und sichere Arbeitsplätze durch Autoindustrie

Der Bezirksleiter der IG Metall im Südwesten, Roman Zitzelsberger (54) meint, dass es eine gemeinsame Kraftanstrengung von Unternehmen, Gewerkschaften und der Landespolitik braucht.
Der Bezirksleiter der IG Metall im Südwesten, Roman Zitzelsberger (54) meint, dass es eine gemeinsame Kraftanstrengung von Unternehmen, Gewerkschaften und der Landespolitik braucht.  © Tom Weller/dpa

"Der Wohlstand und viele gut gesicherte Arbeitsplätze in Baden-Württemberg hängen von einer gelingenden Transformation der Automobilindustrie ab", sagt der Bezirksleiter der IG Metall im Südwesten, Roman Zitzelsberger (54) . Es brauche eine gemeinsame Kraftanstrengung von Unternehmen, Gewerkschaften und der Landespolitik.

Doch für die Politik ist die Transformation eine Gratwanderung. Natürlich will man der Branche im Erfinderland des Automobils dabei helfen, nicht nur weiter dabei, sondern vorn zu sein. Die Erfindung neu zu erfinden, wie Daimler-Chef Ola Källenius es ausdrückt. Dynamischer zu sein, wieder Vorsprünge zu erkämpfen, sich nicht selbst abzuhängen, wie Branchenexperte Stefan Reindl vom Institut für Automobilwirtschaft es kürzlich in einem ZDF-Beitrag formuliert hat.

Neue Mitspieler wie Tesla oder Google, die vor ein paar Jahren noch kein Mensch auf dem Zettel hatte, mischen jetzt die Autowelt auf. Wenn man Gerüchten und Hinweisen Glauben schenken mag, könnte bald noch Apple ins Rennen einsteigen. Auch in China erwächst neue Konkurrenz. Und an Geld mangelt es den neuen Playern nicht.

Geld, das Daimler und Co. auch daheim in Baden-Württemberg verdienen müssen, um mithalten zu können bei alternativen Antrieben und dem autonomen Fahren. Und das ist der Haken. Denn das klappt nur, wenn man mit den für viel Geld entwickelten neuen Verbrennungsmotoren noch eine Weile viel Geld verdienen kann.

Und wenn man zugleich spart, wo es geht, mit mehr Effizienz, mit neuen Partnerschaften, aber eben auch mit dem Abbau von Arbeitsplätzen, die man im Elektro-Zeitalter absehbar nicht mehr braucht. Beides kommt, je nachdem, wen man fragt, nicht so gut an im Ländle.

Kampf um Arbeitsplätze und die Autoindustrie in Deutschland

Der Mercedes-Stern vor einem Gebäude. Der Name dahinter soll künftig verschwinden.
Der Mercedes-Stern vor einem Gebäude. Der Name dahinter soll künftig verschwinden.  © Marijan Murat/dpa

Die IG Metall kämpft um die Arbeitsplätze. Umweltorganisationen hingegen kritisieren schon lange, die Autoindustrie in Deutschland lasse sich viel zu viel Zeit mit dem Umstieg auf alternative Antriebe. Andere seien da längst viel weiter.

Die Branche wehrt sich. Man brauche das bisherige Geschäftsmodell, weil das neue einfach noch nicht genug abwerfe, um die notwendigen Investitionen zu decken.

"Wird diesem bisherigen Geschäft nun der Hahn abgedreht, zum Beispiel durch noch schärfere Grenzwerte, die technisch nicht mehr realisierbar sind, fehlt den Unternehmen schlicht das Geld, um Zukunft, Wohlstand und Arbeitsplätze zu sichern", sagt der Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbandes Südwestmetall, Peer-Michael Dick. Das müsse die neue Landesregierung unbedingt verhindern. "Unabdingbar sind wettbewerbsfähige Strukturen auf allen Ebenen."

IG-Metall-Bezirksleiter Zitzelsberger hält die kommenden Jahre für entscheidend. Die künftige Landesregierung stehe in der Verantwortung für "eine ökologisch und sozial verantwortliche Transformation der Industrie". "Ziel muss sein, dass das elektrifizierte und digitalisierte Auto in Baden-Württemberg entwickelt und produziert wird", sagt er. "An allen bestehenden Standorten der Hersteller und Zulieferer braucht es Klarheit über die Produkte von morgen."

Um alle wichtigen Akteure an einen Tisch zu bringen und den Wandel gemeinsam anzugehen, hatte das Land 2017 den "Strategiedialog Automobilwirtschaft" ins Leben gerufen. Vergangenen Herbst war Halbzeit, das auf sieben Jahre angelegte Projekt soll weiterlaufen, egal wer die Wahl am übernächsten Wochenende gewinnt.

In der Regel demonstriert man dort große Einigkeit. Klimaschutz, Digitalisierung und die Stärkung des Mittelstands sollen die großen Themen der zweiten Halbzeit sein. Allerdings müsse der "Strategiedialog" jetzt auch mal über die Dialogphase hinauskommen, mahnt Zitzelsberger.

Tarifverhandlungen verhakt: Und in Zukunft?

Die Konzernzentrale von Daimler in Stuttgart Untertürkheim: Wie wird es in Zukunft weitergehen?
Die Konzernzentrale von Daimler in Stuttgart Untertürkheim: Wie wird es in Zukunft weitergehen?  © Fabian Sommer/dpa

In den gerade laufenden Tarifverhandlungen für die Metall- und Elektroindustrie, zu der die Autobranche zählt, haben sich Arbeitgeber und Gewerkschaft ziemlich verhakt. Nicht an der Beurteilung der Lage und der Notwendigkeit der Transformation scheiden sich die Geister, sondern daran, ob und wie die Unternehmen dem Wandel konkret begegnen und Arbeitsplätze erhalten werden sollen.

Was die Krux ist mit der Zukunftstechnologie, zeigt sich bei Daimler in Stuttgart gerade exemplarisch. Am Konzernsitz ist auch das Mercedes-Benz-Werk Untertürkheim angesiedelt, das für das weltweite Produktionsnetz als Leitwerk in Sachen Antriebstechnologie fungiert. Diese Rolle soll es auch im Elektrozeitalter behalten - da sind sich Konzernführung und Betriebsrat durchaus einig. Nur die Art und Weise, wie man da hinkommt, ist heftig umstritten.

Die Arbeitnehmervertreter wollen, dass für wegfallende Arbeit eine Kompensation in Form anderer Produktionsaufträge geschaffen wird - so wie es einst mit dem Unternehmen vereinbart worden war.

Aber die Lage habe sich geändert, argumentierte Daimler und drohte, dann müsse man den sogenannten E-Campus eben leider ganz woanders ansiedeln. Der Betriebsrat fühlte sich erpresst. So geht das nun seit vielen Wochen. Ein Ende? Vorerst nicht in Sicht.

Titelfoto: Marijan Murat/dpa

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