Klappstuhl-Krach! Ordnungsdienst will 104-Jährigen vertreiben und kassiert Shitstorm

Heidelberg - Der Klappstuhl-Krach in Heidelberg (Baden-Württemberg) hat bundesweit für Kopfschütteln über Bürokratie und Engstirnigkeit gesorgt!

Der Senior darf auf seinem Klappstuhl sitzen bleiben.
Der Senior darf auf seinem Klappstuhl sitzen bleiben.  © Julia Giertz/dpa

Sogar Altersdiskriminierung muss sich die Stadt im Netz vorwerfen lassen. Denn im Mittelpunkt des Streits steht der mit 104 Jahren älteste Bewohner, der seit Jahrzehnten bei schönem Wetter vor seinem Haus in einer ruhigen Altstadtgasse an einem Tischchen sitzt.

Jüngst hatte ihn allerdings der Kommunale Ordnungsdienst (KOD) von seinem Stuhl, der weniger Platz einnimmt als vor den Häusern geparkte Autos, vertreiben wollen.

Die Begründung für die Aufnahme der Personalien des alten Herren und weiteren Genießern des Sommers vor der Haustür: Anwohner hätten sich über die draußen sitzenden Nachbarn beschwert.

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Es solle sich kein "Biergarten-Chaos" in der Stadt etablieren. Aus Sicht der Heidelberger CDU-Fraktion ein völlig aus der Luft gegriffener und überzogener Vergleich.

"Man sollte hier handeln nach dem Motto 'Leben und leben lassen' und nicht immer alles reglementieren", sagte Fraktionschef Jan Gradel.

"Warum sollte etwas stören, das wir im Urlaub in Spanien und Italien toll finden?"

Auch die Grünen im Gemeinderat mahnten mehr "Fingerspitzengefühl" der Stadt an. Der Chef der größten Fraktion, Derek Cofie-Nunoo, sagte, es sei nicht akzeptabel, einem alten Mann das Sitzen vor dem Haus zu untersagen. "Warum sollte etwas stören, das wir im Urlaub in Spanien und Italien toll finden?"

Der Ordnungsdienst solle lieber auf von Rollern und Autos zugestellte Gehwege achten, damit Fußgänger, Rollstuhlfahrer und Eltern mit Kinderwagen nicht auf die Straße ausweichen müssten und dadurch gefährdet werden.

Der KOD hatte hingegen argumentiert, nichts dürfe die Gehwege blockieren, Rettungswege müssten frei bleiben und die Menschen sollten sich nicht an das Sitzen auf Gehwegen gewöhnen.

Eine Online-Petition wurde gestartet

Der Senior selbst äußert sich mittlerweile nicht mehr. Mittlerweile hat die Stadt eine Kehrtwende vollzogen. Der KOD soll nur aktiv werden, wenn Gefahr im Verzug ist, also zum Beispiel, wenn Rettungsfahrzeuge durch die engen Gassen manövrieren müssen. Der alte Mann müsse seinen Platz nicht aufgeben. Auch wenn die Stadt zurückrudert, ist der Ärger noch nicht verraucht.

So schlägt das Thema auch im Internet hohe Wellen. Eine Online-Petition hatten am Freitagnachmittag schon rund 1300 Menschen unterzeichnet, damit der älteste Heidelberger weiter vor seinem Haus sitzen bleiben darf. Auch in den sozialen Medien erhält der alte Herr Solidarität und die Stadt durchweg Kritik.

"Da muss man sich richtig schämen für das Verhalten der Stadt", heißt es da. Ein anderer User ermutigt den 104-Jährigen: "Sitz es aus Kurt, sitz es einfach aus!"

Titelfoto: Julia Giertz/dpa

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