Weniger Angriffe auf Rettungskräfte, aber "Ton ist rauer": "Mir doch egal, ob er verreckt"

Potsdam - Flaschen fliegen auf Einsatzfahrzeuge, Feuerwehrleute und Sanitäter werden bedroht, beschimpft und beleidigt: Übergriffe auf Rettungskräfte sind nach Angaben von Hilfsorganisationen an der Tagesordnung. Regional gibt es allerdings Unterschiede.

Immer wieder werden Rettungskräfte bei ihren Einsätzen angegriffen. (Symbolfoto)
Immer wieder werden Rettungskräfte bei ihren Einsätzen angegriffen. (Symbolfoto)  © Theo Bick/dpa

Die Zahl der gewalttätigen Angriffe auf Rettungskräfte in Brandenburg ist laut Innenministerium im vergangenen Jahr zurückgegangen.

Für den DRK-Landesverband bedeutet dies aber keine Entwarnung: "Wir haben über die letzten Jahre einen Anstieg an Gewalt, vor allem verbale Gewalt wie Beschimpfungen und Beleidigungen, wahrgenommen", sagte Sprecherin Marie-Christin Lux.

Pro Schicht gebe es mindestens einen Fall verbaler Gewalt. "Der Ton ist rauer geworden, die Dankbarkeit hat abgenommen", so Lux.

36-Jähriger lässt die Badewanne überlaufen und will dann Polizisten verprügeln
Brandenburg 36-Jähriger lässt die Badewanne überlaufen und will dann Polizisten verprügeln

Im vergangenen Jahr zählte das Innenministerium 39 Gewalt-Delikte gegen Feuerwehrleute und andere Rettungskräfte. 2018 waren es 54 und im Jahr zuvor 55, wie eine Sonderrecherche "Gewalt gegen Rettungskräfte" im Zeitraum 2016 bis 2020 ergab. Für dieses Jahr liegen noch keine Zahlen vor.

Auch Cindy Schönknecht vom Arbeiter-Samariter-Bund Brandenburg kann von Aggressivität gegenüber Helferinnen und Helfern berichten. "Wieso versperrt ihr den Weg? Ist mir doch egal, ob er verreckt" - solche und ähnliche Aussagen müssten sich die Einsatzkräfte anhören.

Übergriffe eher städtisches Problem - größere Dankbarkeit auf dem Land

Rettungskräfte werden häufig von Angetrunkenen aber auch Angehörigen von Verletzten angepöbelt. (Symbolfoto)
Rettungskräfte werden häufig von Angetrunkenen aber auch Angehörigen von Verletzten angepöbelt. (Symbolfoto)  © Britta Pedersen/dpa-Zentralbild/dpa

Das Problem scheint jedoch regional unterschiedlich stark ausgeprägt: Auf dem Land sei die Dankbarkeit noch größer, berichtete Schönknecht. Übergriffe seien eher ein städtisches Problem.

Notfallsanitäter Frank Erfurth vom DRK-Landesverband weiß aus eigener Erfahrung, wie solche Angriffe ablaufen.

"Wir wurden zu einer Schlägerei vor einer Diskothek gerufen, weil es dort Verletzte gegeben haben soll", erinnerte er sich. Die Rettungskräfte seien zunächst ohne Polizei vor Ort gewesen. "Als wir gerade dabei waren ein verletztes Mädchen zu versorgen, wollten Jugendliche auf uns einschlagen." Sicherheitskräfte hätten sich schützend vor die Rettungsleute stellen müssen.

Streit in Elsterwerda eskaliert: Mann stirbt an seinen Verletzungen
Brandenburg Streit in Elsterwerda eskaliert: Mann stirbt an seinen Verletzungen

Häufig seien es Angetrunkene, die die Helfer anpöbelten. Aber auch Angehörige, denen es nicht schnell genug gehe oder die in den Versorgungsmaßnahmen eine Gefahr für die Verletzten sähen, machten den Lebensrettern die Arbeit schwer.

"Das war früher anders", so Erfurth, der im Jahr 1987 den Rettungsdienst begann. Man sei zufrieden gewesen, dass Hilfe da sei. Das Anspruchsdenken und die Gewaltbereitschaft hätten sich erhöht. Ob der Job ihm dennoch Spaß mache? "Ja! Daher halte ich auch die paar Jahre bis zur Rente durch."

Titelfoto: Theo Bick/dpa

Mehr zum Thema Brandenburg: