Dieser Teenager spricht in YouTube-Videos mit Politikern wie Alice Weidel

Bremen/Berlin - Er ist 15 Jahre alt und hat Politiker wie Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und AfD-Fraktionschefin Alice Weidel in Berlin getroffen.

Leonard Geßner (15) trifft Bundespolitiker für seine Videos.
Leonard Geßner (15) trifft Bundespolitiker für seine Videos.  © Sina Schuldt/dpa

Für seine Youtube-Serie "Die Fragen stelle ich!" befragte der Jugendliche Leonard Geßner aus Bremen prominente Frauen und Männer aus der Politik. 

Nun hat der Schüler das fast 250 Seiten lange Buch "Politik der Generation Z - ein unbequemer Blick in die Zukunft" geschrieben und im Selbstverlag herausgebracht. Wer ist dieser Jugendliche und was treibt ihn an?

"Seit ich zehn bin reden wir morgens beim Frühstückstisch immer über das aktuelle Weltgeschehen", sagt er. Die Idee für eigene Interviews kam ihm vor dem Hintergrund der Bundestagswahl im Jahr 2017. 

"Für mich war es der allererste Wahlkampf, den ich mitverfolgt habe." Angebote für Jugendliche hätten ihm damals gefehlt. So begann er, selbst mit Politikern und Politikerinnen zu sprechen. 

"Das hat ganz gut geklappt bis jetzt", sagt der politikinteressierte 15-Jährige, der mit seiner Mutter und seinem jüngeren Bruder in Bremen wohnt. 

Inzwischen hat er auf dem Videoportal YouTube mehr als 30 Interviews mit bekannten Vertretern verschiedener Parteien veröffentlicht. 

Video mit Alice Weidel ist besonders erfolgreich

Auf seinem YouTube-Kanal hat der 15-Jährige mehr als 30 Videos hochgeladen.
Auf seinem YouTube-Kanal hat der 15-Jährige mehr als 30 Videos hochgeladen.  © Screenshot/YouTube/Politik der Generation Z

"Ich stelle, glaube ich, die Fragen anders, und die Politiker reagieren anders", so Geßner, der sich auf seiner Homepage mit Hemd, Krawatte und Jackett als "Journalist, Autor und Moderator" präsentiert.

Mehrere Stunden pro Tag beschäftigt er sich mit seinen Projekten. "Mir gefällt das. Ich kann da meine Kreativität ausleben." Dass seine Videos mit AfD-Politikern mit Abstand die meisten Aufrufe haben, stört ihn nicht. 

Für ihn sei von Anfang an klar gewesen, dass er auch mit der AfD sprechen wolle. "Ich bin der Überzeugung, dass, wenn man gar nicht mit ihnen spricht, das zu nichts führt." Dann könnten die AfD-Politiker wieder sagen, sie würden ausgeschlossen.

Die Unterschiede bei der Reichweite sind enorm: Während das Interview mit Bundesgesundheitsminister Spahn (CDU) vom April 2019 rund 2400 mal angesehen wurde, zeigt die Statistik bei dem im Oktober 2018 veröffentlichten Gespräch mit der AfD-Politikerin Weidel mehr als 78.000 Zugriffe. 

"Klar ist da das Risiko, dass ich vielleicht vereinnahmt werde", sagt Geßner. "Aber ich stehe zu meiner Meinung und freue mich natürlich über Zuspruch." 

Bild-Chefredakteur war bei Buchvorstellung

Alice Weidel spricht im Bundestag. (Archivbild)
Alice Weidel spricht im Bundestag. (Archivbild)  © Michael Kappeler/dpa

Die Kommentare unter dem Weidel-Interview sind voll des Lobes. Fragen wie "Könntest du dir denn vorstellen, irgendwann Bundeskanzlerin zu werden?", kommen bei den Zuschauern gut an. 

"Weltklasse der junge Journalist" und "dieses interview ist besser als alle interviews der öffentlich-rechtlichen einheitsmedien zusammen" sind Beispiele (Schreibweise im Original). Beim Spahn-Interview findet man solche Lobeshymnen nicht, doch Zuspruch bekommt Geßner auch dafür. 

"Wie immer ein gut geführtes Interview mit interessanten Fragen" und "Respekt, wie du es doch immer wieder schaffst, Politiker mit hohem Bekanntheitsgrad für deine Interviews zu gewinnen!" schreiben User.

Positives Feedback kommt auch vom Chefredakteur der Bild-Zeitung, Julian Reichelt, den Geßner für seine Buchvorstellung in Berlin gewinnen konnte. 

"Das war mir einmal wichtig zu sagen, dass du da wirklich großartige journalistische Arbeit machst", so Reichelt auf der Veranstaltung, bei der laut Geßner zwölf Leute waren.

Eine journalistische Ausbildung hat der Schüler nicht, auch keine Erfahrungen durch etwa ein Praktikum in einer Redaktion. Er behaupte nicht, dass er so viel gelernt habe, wie ausgebildete Journalisten, sagt der Schüler. Aber er versuche sehr auf journalistische Maßstäbe wie den Zwei-Quellen-Check und Überparteilichkeit zu achten.

Konventioneller Auftritt richtet sich nicht an Jugendliche

Leonard Geßner präsentiert sein eigenes Buch "Politik der Generation Z - ein unbequemer Blick in die Zukunft".
Leonard Geßner präsentiert sein eigenes Buch "Politik der Generation Z - ein unbequemer Blick in die Zukunft".  © Sina Schuldt/dpa

Aus Sicht des Politikwissenschaftlers Andreas Klee von der Universität Bremen ist die Gefahr, vom Gesprächspartner vereinnahmt zu werden, für Einzelakteure wie Geßner höher als bei ausgebildeten Journalisten, die Teil einer Redaktion sind. 

"Da gibt es andere Schutzmechanismen", sagt er. Erfahrene Politikerinnen und Politiker seien geübt darin, Gespräche für ihre eigenen Zwecke zu nutzen. "Das ist schon etwas, womit man professionell umgehen muss."

Angst vor rhetorisch versierten Gesprächspartnern hat der 15-Jährige nicht. "Das Risiko gehe ich gerne ein, weil ich mich da auch gerne weiter entwickele und weiterbilde." Es komme vor, dass er sich im Nachhinein ärgere, bei einem Thema nicht näher nachgefragt zu haben. "Da versuche ich dann beim nächsten Mal mehr darauf zu achten."

Seine Kleidung wählt Geßner mit Bedacht. "Seriosität ist mir schon wichtig", sagt er."Ich muss aber auch ganz ehrlich sagen, ich trage sowas auch gerne. Das ist für mich nichts, was ich nur für ein Buch anziehen würde." 

Aus Sicht des Politikwissenschaftlers Klee tritt Geßner in recht konventioneller Art auf - mit Hemd, Jackett, Brille und einem gedruckten Buch. "Ich glaube nicht, dass das etwas ist, was viele Jugendliche begeistert", sagt er. Die meisten Jugendlichen wollten sich von Erwachsenen abgrenzen und eigene Themen setzen.

Neues Format ist bereits geplant

Als Zielgruppe für sein Buch hat der 15-Jährige in der Tat Erwachsene im Blick. Er wolle mit Vorurteilen aufräumen und Fakten schaffen, erklärt Geßner. Es gehe ihm darum, zu erklären, wer die Generation Z sei, was sie beschäftige und vor welchen Herausforderungen Menschen stehen, die zwischen den Jahren 2000 und 2019 geboren sind.

Reisen nach Berlin, technische Ausstattung - Geßners Hobby kostet Geld. Bislang ist er auf die Unterstützung seiner Eltern angewiesen. "Ich versuche, das irgendwann selbst finanzieren zu können", sagt er und setzt auf Werbung, Spenden und Einnahmen durch das Buch. 

Seine Serie auf YouTube will er bald beenden. "Es wird ein neues Format in ein paar Wochen geben", kündigt er an. "Das gibt es dann als Audio, Video und Text, weil ich so viele Menschen wie möglich damit erreichen möchte." 

Ideen für die Zeit nach der Schule hat er auch. "Mein Plan ist, irgendwann in die Politik zu gehen."

Titelfoto: Sina Schuldt/dpa

Mehr zum Thema Bremen:


WhatsApp Wir bei WhatsApp: 0160 - 24 24 24 0