Bei Schnupfnase Kita-Verbot: Breite Kritik an Corona-Vorgaben in NRW

Düsseldorf/NRW - Der Ausschluss von Kitakindern mit geringfügigen Krankheitssymptomen von der Betreuung stößt in Nordrhein-Westfalen auf breite Kritik.

Kinder in einer Kita.
Kinder in einer Kita.  © Monika Skolimowska/dpa

Sowohl Kinderärzte als auch Alleinerziehende, Gewerkschafter und Oppositionspolitiker fordern von der Landesregierung neue, praxistaugliche Corona-Schutzregeln.

Der Verband der Kinder- und Jugendärzte habe zudem das Robert Koch-Institut gebeten, "Krankheitskriterien, die ein Fernbleiben von der Kita auslösen, risikoangepasst und umsetzbar zu präzisieren", berichtete der Sprecher des Landesverbands Nordrhein, Edwin Ackermann, der Deutschen Presse-Agentur in Düsseldorf.

Die jetzige Regelung werde ansonsten "im Herbst zu einem Kollaps der Eltern und unsäglichen Praxisorganisationsproblemen führen", warnte der Kinderarzt aus Tönisvorst. 

"Kinder werden völlig sinnlos laufend aus der Betreuung heraus genommen." Ähnlich äußerte sich die SPD.

In einer "Handreichung für die Kindertagesbetreuung" des NRW-Familienministeriums heißt es: "Kinder dürfen generell nicht betreut werden, wenn sie Krankheitssymptome aufweisen.
Die Art und Ausprägung der Krankheitssymptome sind dabei unerheblich."

Ackermann stellte fest: "Im derzeitigen Praxisalltag erleben wir Kinder- und Jugendärzte teilweise groteske Veranlassungen für Kita-Verbote - zum Beispiel Mückenstiche, laufende Nasen bei bekannter Gräserpollenallergie, Husten bei bekanntem und gut eingestelltem Asthma bronchiale, juckende Hautausschläge durch Schwitzen bei bekannter Neurodermitis." 

Dabei sei den Erzieherinnen kein Vorwurf zu machen, da sie letztlich selbst keinen Spielraum hätten und nicht abschätzen könnten, ob das betreffende Kind nun relevant krank sei oder nicht. Das unterstreicht auch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).

Nach Kritik hatte Familienminister Stamp die Vorgabe kassiert

Nach massivem und öffentlichem Druck von Eltern und Medizinern hatte Familienminister Joachim Stamp (FDP) Ende Juni bereits seine ursprüngliche Vorgabe kassiert, kranke Kinder nur mit einem ärztlichen Attest wieder in die Kita zu lassen. 

Nun reicht es, wenn die Eltern selbst schriftlich versichern, dass die Kinder seit 48 Stunden symptomfrei sind.

Das helfe den Eltern aber kaum und belaste die Praxen trotzdem über Gebühr, stellte Ackermann fest.

"Ein Elternteil muss jetzt wegen der laufenden Nase der Arbeit fern bleiben, benötigt dafür einen "Arbeitsunfähigkeitsschein Kind" und muss deshalb eine Arztpraxis aufsuchen." Im Ergebnis bedeute das: «Ein banaler Schnupfen führt zu einem mehrtägigen Kita-Verbot und das betreffende Kind erlebt keine konstante, sondern eine ständig unterbrochene Betreuung in der Kita.»

Besonders belastend sei die Situation für Alleinerziehende, kritisierte Nicola Stroop, Vorstand beim Landesverband allein erziehender Mütter und Väter. "Das ist ein massiver Eingriff und lässt die Eltern damit alleine, eine individuelle Lösung zu finden - sei es durch Urlaub, Minusstunden oder private Betreuungssettings." So werde das Corona-Problem individualisiert.

Wieder einmal greife die Politik mit ihren Vorgaben einseitig in die Betreuungsinfrastruktur ein, ohne Ausgleich für erwerbstätige Eltern zu schaffen, kritisierte Stroop.

Kurzfristig benötigten Eltern, die in solchen Situationen gezwungen seien, wegen der Kinderbetreuung zuhause zu bleiben, finanzielle Unterstützung und langfristig "einen Ausgleich für ihre Chancenverluste auf dem Arbeitsmarkt".

Titelfoto: Monika Skolimowska/dpa

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