Hessen: Immer mehr Rechtsextreme wollen aus der Szene aussteigen

Von Isabell Scheuplein

Wiesbaden - Das hessische Aussteigerprogramm für Rechtsextremisten "Ikarus" registriert in den vergangenen Jahren eine steigende Nachfrage.

Anhänger der rechten Szene stehen auf dem Gelände des Rechtsrock-Konzertes. In Hessen bietet das Programm "Ikarus" Aussteigern aus der Szene Hilfe an. In den vergangenen Jahren steigt die Nachfrage.
Anhänger der rechten Szene stehen auf dem Gelände des Rechtsrock-Konzertes. In Hessen bietet das Programm "Ikarus" Aussteigern aus der Szene Hilfe an. In den vergangenen Jahren steigt die Nachfrage.  © arifoto UG/dpa-Zentralbild/dpa

Seit der Gründung im Jahr 2003 seien rund 80 Männer und Frauen bis zum Ausstieg betreut worden, sagte die Leiterin des Programms, Marion Hohmann, der Deutschen Presse-Agentur (dpa).

Dies könne Jahre dauern, manchmal aber auch nur Monate. Grund für den Anstieg sei die höhere Bekanntheit des Programms - unter anderem bei den Institutionen, die mit dem potenziellen Klientel zu tun hätten, wie Bewährungs- und Jugendgerichtshilfen und innerhalb der Polizei.

"Im Schnitt beraten wir parallel bis zu 20 Aussteiger und Aussteigerinnen", sagte die Kriminalbeamtin Hohmann.

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Die Ausstiegswilligen seien meist zwischen 20 und 35 Jahre alt, derzeit steige der Altersschnitt.

Auch über 60-Jährige seien im Programm. Hauptsächlich handele es sich um Männer mit meist geringem Bildungsstand, viele seien arbeitslos. Doch auch Studenten und Hochschulabsolventen sind dabei.

Viele Teilnehmer kämen aus zerrütteten Familien, der Vater war nicht anwesend oder gewalttätig. Auch Suchtprobleme begegneten den Beamten häufig.

Teilnahme an "Ikarus" muss freiwillig sein

Der Einstieg in die Szene erfolge nicht aus ideologischen Gründen, eher auf der Suche nach Geborgenheit, Anerkennung, Wertschätzung oder Schutz.

Voraussetzung für die Teilnahme an dem bei der hessischen Polizei angesiedelten Programm ist die Zustimmung zu einem Regelwerk, darunter der Abbruch von Kontakten in die Szene sowie der Abschied von szenetypischer Kleidung und Tattoos - zu deren Änderung oder Entfernung es auch finanzielle Hilfe geben kann.

"Gegenleistung kann dann zum Beispiel Mitarbeit bei Holocaust-Gedenkstätten sein", sagte Hohmann.

Ehemalige Kameraden oder Straftaten müsse niemand benennen. Die Teilnahme sei freiwillig: "Wir machen keine Gehirnwäsche, wenn jemand nicht will oder nicht in einer Situation ist, die er verändern möchte, dann werden wir auch nichts bewirken."

Titelfoto: arifoto UG/dpa-Zentralbild/dpa

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