Schule, Job, Behörden: Bayern will kein digitales Zurück auf "Vor-Corona-Niveau"

München - Die Corona-Krise hat der Digitalisierung in vielen Bereichen aus der Not heraus einen enormen Schub verpasst. Nun hat Bayerns Digitalministerin Judith Gerlach (CSU) eindringlich dazu aufgerufen, diesen Schub zu nutzen und weiter Tempo zu machen. 

Bayerns Digitalministerin Judith Gerlach (CSU) will den Corona-Schub weiter nutzen. (Archivbild)
Bayerns Digitalministerin Judith Gerlach (CSU) will den Corona-Schub weiter nutzen. (Archivbild)  © Peter Kneffel/dpa

"Wir müssen an den Entwicklungen dranbleiben und digitale Technologien weiter ausbauen", sagte Gerlach der Deutschen Presse-Agentur in München. Als Beispiel nannte die Ministerin die Schulen und die Verwaltung. "Es darf jetzt kein Zurück zum Vor-Krisen-Zustand geben."

Die vergangenen Wochen seien herausfordernd gewesen. "Aber das hat uns natürlich auch Rückenwind gegeben: Digitalisierung ist jetzt nicht nur in aller Munde, sondern wird auch im Alltag breiter genutzt – im Schulalltag, im Berufsalltag, privat." 

Es gebe einen unglaublich positiven Effekt auf die Akzeptanz neuer Technologien: "Ob die Oma, die mit dem Enkel skypte, oder der Familienvater, der vom Homeoffice aus arbeitete, oder die Schulplattform mebis, die plötzlich viel mehr genutzt wurde - vorher war das eher Beiwerk und jetzt war es plötzlich unglaublich wichtig von heute auf morgen", sagte Gerlach. 

Viele Menschen begegneten digitalen Möglichkeiten nun offener als zuvor, es seien auch Ängste und Vorbehalte überwunden worden.

Gerlach betonte aber: "Wir dürfen uns auch nicht täuschen: Nur weil wir jetzt mehr Homeoffice haben in Behörden oder Unternehmen, bedeutet das noch lange nicht, dass wir jetzt plötzlich visionär aufgestellt wären im Hinblick auf Digitalisierung." 

Sie verwies auch darauf, dass beim Breitband- und insbesondere beim Mobilfunkausbau noch Luft nach oben sei. "Das ist aber kein Problem der staatlichen Förderprogramme, sondern oft kommen zum Beispiel Unternehmen vor Ort beim Netzausbau gar nicht mehr hinterher."

Digitale Lehrangebote künftig als Ergänzung zum Unterricht

Neue Wege: Zusammen mit per Videokonferenz zugeschalteten Studierenden untersucht eine Dozentin eine Pflanze. (Archivbild)
Neue Wege: Zusammen mit per Videokonferenz zugeschalteten Studierenden untersucht eine Dozentin eine Pflanze. (Archivbild)  © Friso Gentsch/dpa

Zur Digitalisierung in der Schule sagte Gerlach: "Man kann nicht erwarten, dass analoger Unterricht von heute auf morgen digital abgebildet werden kann, das funktioniert natürlich nicht." 

Und Bayern habe noch Glück gehabt, dass man auf der Plattform mebis aufsetzen und darüber Arbeitsmaterialien austauschen konnte. "Microsoft Teams und Leihgeräte für Schüler wurden kurzfristig eingesetzt – das wäre unter normalen Umständen nicht so schnell gekommen", sagte Gerlach. "Darauf wollen wir nun aufbauen."

"Digitale Lehrangebote sollten künftig verstärkt als Ergänzung zum Unterricht genutzt werden, auch, um die Kinder und Jugendlichen auf die digitale Arbeitswelt vorzubereiten", erklärte Gerlach. 

Bei mebis dürfe es aber nicht nur darum gehen, ein Arbeitsblatt in ein pdf umzuwandeln und den Kindern zu schicken, "sondern es sollten tatsächlich auch digitale Module genutzt und in den Unterricht integriert werden". 

Dafür sollten Lehrer noch besser und breiter in dem Bereich ausgebildet werden. Und: Die Mittel aus dem Digitalpakt Schule müssten von den Kommunen tatsächlich abgerufen werden, etwa um die Schulen in Bayern mit digitalen Klassenzimmern auszustatten.

"Das App-Format wird die Zukunft sein."

Videokonferenzen wurden auch in der bayerischen Politik sehr schnell zum Standard. (Archivbild)
Videokonferenzen wurden auch in der bayerischen Politik sehr schnell zum Standard. (Archivbild)  © Peter Kneffel/dpa

Nachholbedarf sieht Gerlach insbesondere in der Verwaltung. "Bei der Digitalisierung der Verwaltung haben wir noch viel zu tun – das hat man jetzt auch während Corona gemerkt." 

Auf einmal hätten viel mehr Menschen digitale Verwaltung in Anspruch nehmen wollen, die Nutzungszahlen seien hier um 30 Prozent angestiegen. "Und ich glaube, je mehr Angebote wir machen, desto mehr wird das auch genutzt."

Sie verwies darauf, dass bis Jahresende mehr als 50 der wichtigsten Verwaltungsdienstleistungen online gestellt werden sollen. "Und parallel arbeiten wir weiter an einer Bayern-App." Sie betonte: "Es muss sich merklich was tun bei der digitalen Verwaltung, damit die Menschen auch Fortschritte sehen. Ich kann eine Reise mit dem Handy buchen, Schuhe online kaufen – ich kann bislang aber nicht per Handy mit dem Staat kommunizieren." Das könne man sich auf Dauer nicht erlauben. "Ich bin mir sicher: Das App-Format wird die Zukunft sein."

"Und auch für Behörden ist eine digitale Verwaltung ungeheuer wichtig", meinte Gerlach. "Deshalb konzipieren wir in Bayern für ganz Deutschland ein Unternehmskonto mit einem sicheren Authentifizierungsverfahren – dem ELSTER-Verfahren." Dieses Verfahren ist schon heute bei Steuererklärungen üblich. Das werde einen großen Mehrwert für die Unternehmen bedeuten, erklärte die Ministerin.

Titelfoto: Friso Gentsch/dpa

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