Hier zählt jeder Cent: Was wird an der Butter- und Käse-Börse entschieden?

Kempten - Wenn Clemens Rück das letzte Wort sprechen muss, geht es um viel Geld. "Eigentlich nur um fünf oder zehn Cent", sagt der 55-Jährige. "Aber das ist in der Menge verdammt viel."

Clemens Rück, Geschäftsführer der Süddeutschen Butter- und Käse-Börse, steht in seinem Büro neben einer künstlichen Kuh mit einer Börsen-Mütze aus den 1920er Jahren in seiner Hand.
Clemens Rück, Geschäftsführer der Süddeutschen Butter- und Käse-Börse, steht in seinem Büro neben einer künstlichen Kuh mit einer Börsen-Mütze aus den 1920er Jahren in seiner Hand.  © Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Clemens Rück entscheidet als Geschäftsführer der Süddeutschen Butter- und Käse-Börse mit, wenn es um die Preise von Millionen Tonnen Butter, Käse sowie Milch- und Molkepulver geht.

Rücks Wort hat dabei besonderes Gewicht: Seine Stimme zählt, wenn sich Käufer und Verkäufer in der Notierungskommission nicht auf einen Marktpreis von Milchprodukten in Deutschland einigen können.

Trotz bis zu 1000 Umsatz- und Preismeldungen pro Woche als Grundlage war das im Jahr 2020 laut Rück immerhin fünfmal der Fall.

Die Entscheidung der Börse hat direkte Auswirkungen - auch wenn sie eigentlich nur rückwirkend Preise beurteilt.

Denn die Verträge der Produzenten von Milchprodukten mit Händlern sind oft direkt an die Werte der Kemptener Börse gekoppelt: Entscheidet sich Rück beim Preis für Milchpulver also für ein paar Cents mehr, können Produzenten damit möglicherweise mehr Geld verdienen.

Es geht um große Mengen: 31,7 Millionen Tonnen Milch verarbeiteten deutsche Unternehmen nach Angaben des Milchindustrieverbands im vergangenen Jahr, 27 Milliarden Euro wurden dabei umgesetzt.

Kritik an den Preisnotierungen der Börse gebe es angesichts dieser Summen eigentlich immer, sagt Rück, der früher selbst in einer Molkerei gearbeitet hat. "Da braucht man dickes Fell und Sachverstand."

Butter- und Käsebörse feiert ihr 100-jähriges Bestehen

An der Süddeutschen Butter- und Käse-Börse werden die Preise von Millionen Tonnen Butter, Käse sowie Milch- und Molkepulver entschieden. (Symbolbild)
An der Süddeutschen Butter- und Käse-Börse werden die Preise von Millionen Tonnen Butter, Käse sowie Milch- und Molkepulver entschieden. (Symbolbild)  © Lukas Schulze/dpa

Doch das System hat sich bewährt. Dieses Jahr feiert die Süddeutsche Butter- und Käsebörse ihr 100-jähriges Bestehen.

1921 hatte der damalige Kemptener Oberbürgermeister Otto Merkt die Einrichtung ins Leben gerufen. Denn bis dahin wussten nur die Händler, wie viel Butter und Käse wert sind, und verdienten damit sehr gut - teilweise auf Kosten der Hersteller.

Am grundlegenden System der Preisermittlung hat sich seitdem nichts geändert: Eine Kommission mit einer gleichen Zahl von Käufern und Verkäufern einigt sich mehrheitlich auf eine Notierung.

Lange sei das unter großem Trubel im Börsensaal geschehen, sagt Rück. "Das war eine hochheilige Veranstaltung, Mittwoch war Börsentag." Währenddessen hätten die Beteiligten oft noch Geschäfte gemacht.

Doch die Zahl der milchverarbeitender Betriebe sank, und der Zuständigkeitsbereich der Börse wurde immer größer. Seit 2011 ermittelt die Kemptener Börse die bundesweiten Preise für alle Milchprodukte - außer der Käsesorten Edamer und Gouda, deren Notierung in Hannover erfolgt. Die Notierungskommission diskutiert nun nicht mehr im Börsensaal, sondern in Telefonkonferenzen.

Dass die Süddeutsche Butter- und Käse-Börse immer noch so heißt, ist laut ihrem Geschäftsführer ein Relikt der Vergangenheit.

Schließlich ist die Einrichtung weder nur für Süddeutschland zuständig, noch wird dort mit Butter und Käse gehandelt - auch wenn laut Rück immer wieder entsprechende Anfragen kommen: "Ich habe dafür schon vorformulierte Antworten auf Deutsch und Englisch."

Handel und Verarbeiter sitzen in Deutschland an einem Tisch

Clemens Rück, Geschäftsführer der Süddeutschen Butter- und Käse-Börse, steht in seinem Büro vor einem alten Werbeplakat.
Clemens Rück, Geschäftsführer der Süddeutschen Butter- und Käse-Börse, steht in seinem Büro vor einem alten Werbeplakat.  © Karl-Josef Hildenbrand/dpa

An Bedeutung verloren hat die Butter- und Käse-Börse für die Milch-Industrie aber nicht.

"Die Börse Kempten macht einen guten und notwendigen Job", sagt der Geschäftsführer des Milchindustrie-Verbands, Eckhard Heuser.

In Deutschland säßen Handel und Verarbeiter dadurch an einem Tisch, in anderen Ländern werde das "frei Schnauze gemacht".

Auswirkungen auf den Milcherzeugerpreis, der bei Bauern immer wieder Proteste auslöst, haben die Notierungen an der Kemptener Börse aber kaum, sagt der Sprecher des Bundesverbands Deutscher Milchviehhalter, Hans Foldenauer.

"Der Abgabepreis der Molkereien kann sich komplett von dem unterscheiden, was die Bauern bekommen."

Er verfolge zwar die Notierungen der Börse, um das Marktgeschehen bei der milchverarbeitenden Industrie im Auge zu behalten, sagt Foldenauer. In Zeiten der Digitalisierung sei aber "zumindest zu hinterfragen, ob es für die Notierungen noch eine solche Institution braucht". Zumal es mit der Milchmarkt-Beobachtungsstelle nun auch auf EU-Ebene eine Einrichtung gebe.

Börsen-Geschäftsführer Rück hat an einem Fortbestehen der Börse dennoch keinen Zweifel. Die Einrichtung sei ein "kleines Rädchen am Markt", dessen Fehlen aber schnell bemerkt würde.

Die Grundsätze seien dabei in 100 Jahren immer gleich geblieben, sagt Rück: "Neutralität, Klarheit, Wahrheit".

Titelfoto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa

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