Krieg, Hunger, Pest: Diese Krisen haben Bayern geprägt

München - Die Corona-Pandemie krempelt das Leben in Bayern derzeit um. Das Land steckt in der schwersten Krise der Nachkriegszeit. Doch in den Jahrhunderten seiner Geschichte hat Bayern viele Krisen gesehen. Manche wurden zu Legenden, andere zu Traumata und wieder andere schoben wichtige und auf die lange Sicht positive Entwicklungen an.

Ein Blick zurück auf eine - unvollständige - Auswahl mit vier Experten der bayerischen Geschichte.

Aufstand im Spanischen Erbfolgekrieg: Von der Mordweihnacht zur Legende

Die Statue der Legendenfigur Schmied von Kochel erinnert am der Münchner Lindwurmstraße an die "Sendlinger Mordweihnacht", die dort im Jahr 1705 ihr Ende nahm.
Die Statue der Legendenfigur Schmied von Kochel erinnert am der Münchner Lindwurmstraße an die "Sendlinger Mordweihnacht", die dort im Jahr 1705 ihr Ende nahm.  © Christof Rührmair/dpa

Jörg Zedler vom Lehrstuhl für Bayerische Landesgeschichte an der Universität Regensburg erklärt: 

"Im Spanischen Erbfolgekrieg werden große Teile Bayerns von Österreich besetzt. Die Bevölkerung wird ausgepresst, die Unruhen schwellen 1705 immer mehr an, bis sie zur organisierten Revolte werden."

"Ausgangs- und Schwerpunkt liegen vor allem beidseits des Inns, von wo im Dezember einige Tausend Mann auf München vorrücken. Erst jetzt werden die Oberländer, vor allem die Tölzer, von den Aufständischen aus dem Unterland kontaktiert. Eigentlich sollen sich die Gruppen vereinigen, aber wegen der persönlichen Eitelkeit preschen die Oberländer vor und greifen München alleine an." 

"Die Sendlinger Bauernschlacht selbst ist unglaublich schlecht vorbereitet und ein absehbares Desaster. Es gibt kein Überraschungsmoment, die Bewaffnung ist miserabel, die Bauern sind bei den Kämpfen gegen die kaiserlichen Truppen in der Nacht zum 25. Dezember chancenlos. Am Ende kommt es zu einem Massaker mit 1100 Toten, obwohl die Aufständischen schon kapituliert hatten. Immerhin werden 700 Gefangene gemacht – anders als in der Schlacht bei Aidenbach zwei Wochen später, als nur noch Tote zu beklagen sind, 3000 insgesamt. Das ist das weit größere Gemetzel."

"Dass heute vor allem die Sendlinger Mordweihnacht im kollektiven Bewusstsein verankert ist, liegt vor allem am 19. Jahrhundert, in dem die Oberländer zum Prototyp des patriotischen Bayern mutieren: lederbehost, vom Alpenrand, mit Hut. "

Die Absetzung Ludwigs II.: Schulden statt Märchen

Ein Kreuz mit der Aufschrift "Ludwig II - König von Bayern" steht an der Votivkapelle im Starnberger See. Unweit der Kapelle wurde der Märchenkönig am 13.6.1886 ertrunken aufgefunden.
Ein Kreuz mit der Aufschrift "Ludwig II - König von Bayern" steht an der Votivkapelle im Starnberger See. Unweit der Kapelle wurde der Märchenkönig am 13.6.1886 ertrunken aufgefunden.  © Matthias Balk/dpa

Katharina Weigand, Abteilung Didaktik der Geschichte und Public History an der Ludwig-Maximilians-Universität München erklärt: 

"Das war kein Putsch. Er war regierungsunfähig. Wenn man die Monarchie als Staatsform im Blick hat, und da steht der Monarch kurz davor, gepfändet zu werden, dann ist das schon eine ziemliche Katastrophe. Bei Ludwig II. stand sie 1886 bevor. Er war privat pleite, und die Schulden wären noch mehr geworden."

"Ein gepfändeter König, das ist, als würde die Queen in einen Supermarkt einbrechen. Im bürgerlichen Zeitalter kann man das als absolute Katastrophe sehen. Das Land war gespalten. Auf dem Land haben die Bauten von Ludwig II. für Arbeit gesorgt. In München hat sich der König aber nicht blicken lassen, man konnte ihn nicht sehen. Er hat den Landtag nicht mehr eröffnet. Das alles war ein massiver Schaden für die Monarchie."

"Den Prinzregenten Luitpold, seinen Onkel, einzusetzen, war die einzige staatsrechtlich saubere Lösung. Er hat seinen Job unendlich ernstgenommen. Dabei war er nicht wirklich darauf vorbereitet. Dass er in Ludwigs Tod verwickelt gewesen sein soll, halte ich für krassen Unfug. Man muss sich fragen: Cui bono? Niemandem. Erst, als der König tot war, hat man die Affäre "Königskatastrophe" genannt."

"Es gab größere Katastrophen in Bayern, die Gesamtbevölkerung hat viel mehr unter den Verheerungen in napoleonischer Zeit gelitten, der 30-jährige Krieg war noch schlimmer. Aber es ist ein in Bayern singulärer Fall: Führt dauerndes Schuldenmachen zu Regierungsunfähigkeit? Das hat das Ansehen der Monarchie schwer beschädigt."

Die Pest: Tod und Modernisierung

Die Knochen aus einem Doppelgrab von zwei vermutlichen Opfern der Pest werden ausgestellt. Die zahlreichen Pestwellen in Mittelalter und Neuzeit gehören zu den großen Krisen der bayerischen Geschichte.
Die Knochen aus einem Doppelgrab von zwei vermutlichen Opfern der Pest werden ausgestellt. Die zahlreichen Pestwellen in Mittelalter und Neuzeit gehören zu den großen Krisen der bayerischen Geschichte.  © Fabian Strauch/dpa

Marion Maria Ruisinger, Direktorin am Deutschen Medizinhistorischen Museum erklärt: 

"In der großen Pestwelle im 14. Jahrhundert ist ein Drittel der europäischen Bevölkerung gestorben. Manche Orte blieben von ihr aber verschont – etwa die damalige Metropole Nürnberg. Die Pest kam aber immer wieder in Wellen."

"Die schlimmste Welle erlebte Nürnberg während des 30-jährigen Krieges. Befestigte Städte waren wegen der Landflucht überfüllt, es gab Versorgungsprobleme. Bei der Pestepidemie 1632/33 sprechen wir von 15.661 Toten (für Nürnberg, d. Red.). Man hat sich an Instanzen wie die Kirche gewandt, man hat Ärzte gefragt und versucht, sich zu schützen durch vorbeugende Maßnahmen, durch Medikamente."

"Man wusste nicht genau, wie man sich ansteckt, glaubte aber, es sei wichtig, die Luft zu reinigen, den Warenverkehr zu regulieren, Pestkranke nicht reinzulassen. Sie waren isoliert in Pesthäusern, Leichen wurden auf Pestfriedhöfen begraben, nach dem Vorbild Venedigs hat man ein Beratungsgremium eingesetzt."

"Für zwei bis fünf Jahre gab es nach der Pest einen Wirtschaftseinbruch. 1713 war die letzte Epidemie in Bayern. Betroffen hat sie vor allem den Südosten, etwa das Berchtesgadener Land und Regensburg. Ohne die Pest hätte es keine so schnelle frühe Entwicklung eines öffentlichen Gesundheitswesens gegeben. Sie hat wohl auch den Boden bereitet für die Reformation."

Die Hungerkrise: Tödliches Wetter

In der Hungerkrise von 1770 bis 1772 sorgte langanhaltendes schlechtes Wetter für Missernten bei Getreide und Nahrungsmangel.
In der Hungerkrise von 1770 bis 1772 sorgte langanhaltendes schlechtes Wetter für Missernten bei Getreide und Nahrungsmangel.  © Armin Weigel/dpa

Rainhard Riepertinger, stellvertretender Direktor im Haus der bayerischen Geschichte erklärt: 

"Die Hungerkrise von 1770 bis 1772 entstand durch eine Schlechtwetterperiode mit sehr nassen, kalten Sommern und langen Wintern. Die Getreideernten in vielen Ländern von den Alpen bis Skandinavien waren schlecht. Die Preise stiegen zwischen 300 und 1000 Prozent. Ein Großteil der Bevölkerung konnte sich das nicht mehr leisten und es kam zu Beschaffungskriminalität für Nahrungsmittel. Vor Bäckereien kämpften die Menschen teilweise ums Brot."

"Viele stiegen auf weniger nahrhafte Ersatznahrung um, doch dadurch litt ihr Immunsystem.

Die meisten der rund 40.000 Toten in der Krise im Kurfürstentum Bayern sind nicht wirklich verhungert sondern an Krankheiten gestorben, die in der Folge aufgetreten sind. Auch weil die Menschen auf der Suche nach Brot weiter herumgekommen sind."

"Die Regierung versuchte gegenzusteuern, doch es war schwierig, an genügend Getreide zu kommen. Teilweise wurde es teuer aus Italien eingeführt, so dass die Verschuldung des Staatshaushalts um rund 15 Prozent stieg. Außerdem versuchte man, den Export zu unterbinden."

"Eine Folge der Krise waren große Auswanderungsströme, vor allem in Richtung Ungarn, das nicht von den Missernten betroffen war. Viele Menschen gingen auch in die Städte, gerade in München hofften sie noch etwas Getreide zu bekommen."

"Erst 1773 werden die Ernten wieder besser und die Krise normalisiert sich langsam. Langfristig hatte die Krise aber auch positive Auswirkungen: Man beschäftigte sich wissenschaftlich mehr mit der Landwirtschaft und intensivierte unter anderem den bis dahin noch in den Kinderschuhen steckenden Kartoffelanbau."

Titelfoto: Christof Rührmair/dpa, Matthias Balk/dpa, Fabian Strauch/dpa, Armin Weigel/dpa

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