Mit Spitzhacken in den Wald gezogen: Ärger um illegale Mountainbike-Strecken

Nürnberg - Abseits der breiten Wanderwege gleicht der Nürnberger Reichswald einem Hindernis-Parkour. Zwischen den Bäumen und auf schmalen Pfaden stehen an vielen Stellen bis zu zweit Meter hohe Sprungschanzen, einige davon befestigt mit Brettern und Baumstämmen. 

Hans-Joachim Ulrich, Förster bei den Bayerischen Staatsforsten, sieht sich eine von Mountainbikern selbst errichtete Sprungschanze im Nürnberger Reichswald an.
Hans-Joachim Ulrich, Förster bei den Bayerischen Staatsforsten, sieht sich eine von Mountainbikern selbst errichtete Sprungschanze im Nürnberger Reichswald an.  © Daniel Karmann/dpa

An den Hängen des Schmausenbucks in der Nähe des Tiergartens buddelt und baut die Mountainbike-Szene schon seit Jahren herausfordernde Abfahrten. 

Doch in der Corona-Zeit konnten Anwohner vermehrt junge Leute beobachten, die mit Spitzhacken und Schaufeln in den Wald zogen. Deshalb rollen jetzt die Abrissbagger.

"Das sind Zustände, da können wir nicht länger zusehen", sagt Forstbetriebsleiter Johannes Wurm. Wegen der Schäden für Wald und Natur. Und wegen der Unfälle, zu denen Rettungsdienst und Bergwacht seinen Angaben nach regelmäßig ausrücken. 

Der verstärkte Baueifer in der Corona-Zeit macht sich auch anderswo bemerkbar. In vielen Gebieten gibt es nach Angaben der bayerischen Staatsforsten inzwischen Klagen über illegal errichtete Mountainbike-Strecken.

Mit einem geländegängigen Rad über idyllische Wege durch Wald und Berge rauschen - dafür begeistern sich immer mehr Menschen. 

Gleichzeitig nehmen in vielen bergigen Regionen in Deutschland die Konflikte zu, besonders nahe der Ballungsräume. 

Gegner stellen Nagelfallen auf, um Mountainbiker zu verletzten

Hans-Joachim Ulrich, Förster bei den Bayerischen Staatsforsten, und Nora Beyer von der Nürnberger DIMB (Deutsche Initiative Mountainbike), unterhalten sich an einer selbst ausgearbeiteten Steilkurve im Nürnberger Reichswald.
Hans-Joachim Ulrich, Förster bei den Bayerischen Staatsforsten, und Nora Beyer von der Nürnberger DIMB (Deutsche Initiative Mountainbike), unterhalten sich an einer selbst ausgearbeiteten Steilkurve im Nürnberger Reichswald.  © Daniel Karmann/dpa

"Die Corona-Pandemie ist wie ein Inkubator", sagt Nicolas Gareis von der Mountainbike-Sparte des Deutschen Alpenvereins (DAV) in München

Denn, wo viele verschiedene Menschen aufeinanderträfen, sei Ärger vorprogrammiert. Mitunter eskaliert dann das Ganze.

Im Landkreis Kitzingen verletzte sich im Frühjahr ein Mountainbiker, als er über einen mit Nägeln gespickten Ast stürzte. Nahe Burscheid in Nordrhein-Westfalen stellten Unbekannte auf Mountainbike-Strecken Nagelfallen auf, die nach Angaben der Polizei zum Glück niemanden verletzten. 

Im Rotwandgebiet in den Alpen schlug und schubste ein Mountainbiker kürzlich einen Naturschutzbeauftragten, als der ihn auf ein Radfahrverbot aufmerksam machte (TAG24 berichtete).

"Gerade in den letzten Monaten haben sich die Beschwerden gehäuft", sagt Thorsten Schär von der Alpenregion Tegernsee Schliersee, die sich um den Tourismus im Rotwandgebiet kümmert. Naturschützern, Förstern und Almbauern sei die steigende Zahl von Mountainbikern im Landkreis Miesbach ein Dorn im Auge. 

"Es werden immer mehr Wege befahren, die nicht so geeignet sind oder nicht befahren werden dürfen", sagt Schär und liefert gleich den Grund mit: "Es gibt noch kein wirklich gutes Angebot für Mountainbiker. Uns ist klar geworden, da müssen wir was tun."

Ein Problem, das Heiko Mittelstädt von der Deutschen Initiative Mountainbike (DIMB) vielerorts in Bayern sieht, nicht nur in den Alpen, auch in den Mittelgebirgen. 

Wo dürfen Mountainbiker fahren? Regelung je nach Bundesland unterschiedlich

Nora Beyer von der Nürnberger DIMB (Deutsche Initiative Mountainbike), fährt auf einem Trail im Nürnberger Reichswald.
Nora Beyer von der Nürnberger DIMB (Deutsche Initiative Mountainbike), fährt auf einem Trail im Nürnberger Reichswald.  © Daniel Karmann/dpa

"Man hat sich um das Thema überhaupt nicht gekümmert", sagt er. Baden-Württemberg sei da zum Beispiel deutlich weiter. In Stuttgart, Heidelberg, Offenburg, Freiburg und vielen anderen Gemeinden gebe es ausgewiesene Strecken, die Vereine oder Behörden pflegten.

Erschwerend dazu kommt das Wegerecht im Wald, das nach DAV-Angaben in jedem Bundesland anders ist: In Baden-Württemberg dürfen Mountainbikes danach nicht auf Wegen fahren, die schmäler als zwei Meter sind. "In Bayern ist Mountainbiken auf geeigneten Wegen erlaubt", sagt DAV-Experte Gareis. Doch was heißt geeignet?

Um das herauszufinden, setzen sich Politik, Tourismusorganisatoren, Land- und Forstwirtschaft und Freizeitsportler im Landkreis Miesbach an einen runden Tisch. Gemeinsam sollen sie nach und nach ein Wegenetz für Mountainbikes erarbeiten. 

Ähnliches versucht der DAV in einem dreijährigen Modellprojekt rund um Bad Tölz in Oberbayern und im Allgäu, wo bestehende Wege explizit für Mountainbiker ausgewiesen werden sollen. "Um Einschränkungen rechtfertigen zu können, braucht es attraktive Alternativen", sagt Gareis.

Auch die Staatsforsten in Nürnberg wissen: einfach plattmachen kann nicht die Lösung sein. Gemeinsam mit der Mountainbike-Szene und der Stadt sucht Johannes Wurm nach Lösungen. 

Auf dem Schmausenbuck soll ein Bike-Park entstehen, den die Radsportler mitplanen können. "Die großen Sprünge im Wald zeigen, dass der Bedarf definitiv dafür da ist", meint Nora Beyer von der Nürnberger DIMB. 

Außerdem sollen viele der bestehenden Abfahrten erhalten bleiben - mit einer Einschränkung: "Da wird es nur natürliche Hindernisse geben", betont Wurm

Titelfoto: Daniel Karmann/dpa

Mehr zum Thema Bayern:


WhatsApp Wir bei WhatsApp: 0160 - 24 24 24 0