Personalmangel in Kliniken: Corona-Impfpflicht könnte Problem verschärfen

München/Düsseldorf - Pflegepersonal wird händeringend gesucht. Nun kommt die Impfpflicht im Gesundheitswesen - verschärft sie das Problem? Die Kliniken sind besorgt.

Die Corona-Pandemie hat den Personalmangel in der Pflege verschärft.
Die Corona-Pandemie hat den Personalmangel in der Pflege verschärft.  © Robert Michael/dpa-Zentralbild/dpa

Die Corona-Pandemie hat den Personalmangel in der Pflege verschärft - und die Krankenhäuser in Bayern fürchten eine schlecht umgesetzte Impfpflicht.

Die Sorge ist, dass Bund, Länder und örtliche Gesundheitsämter die ab 15. März geltende Impfpflicht im Gesundheitswesen nicht einheitlich umsetzen. Das sagte Roland Engehausen, der Geschäftsführer der Bayerischen Krankenhausgesellschaft (BKG), der Deutschen Presse-Agentur. Denn das könnte den Wettbewerb der Kliniken um das händeringend gesuchte Personal noch anheizen.

Wie sehr die Corona-Pandemie den Personalmangel in der Pflege verschärft hat, legen Daten des Jobportals Stepstone nahe. Dort war die Zahl der Stellenanzeigen für Pflegeberufe im Dezember 2021 um 85 Prozent höher als vor Beginn der Pandemie im Januar 2020.

Fass mit Phosphor explodiert: Lkw-Fahrer schwer verletzt
Bayern Fass mit Phosphor explodiert: Lkw-Fahrer schwer verletzt

Zum Vergleich: Die Jobausschreibungen insgesamt haben auf dem Portal im selben Zeitraum um 40 Prozent zugelegt. Absolute Zahlen nannte das Düsseldorfer Unternehmen nicht.

Auch die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) und der Deutsche Berufsverband für Pflegeberufe (DBfK) in Berlin gehen davon aus, dass die Pandemie die Personalsituation verschärft hat. Exakte Daten gibt es aber nicht.

Corona-Intensivpatienten nehmen stark ab: "Weit weg von einer Entspannungsbotschaft"

Roland Engehausen, Geschäftsführer der bayerischen Krankenhausgesellschaft.
Roland Engehausen, Geschäftsführer der bayerischen Krankenhausgesellschaft.  © e. V./dpa

"Was nicht passieren darf, ist eine unterschiedliche Umsetzung von Einrichtung zu Einrichtung und von Gesundheitsamt zu Gesundheitsamt", sagt BKG-Geschäftsführer Engehausen. "Wenn in einer Region ein nicht geimpfter Beschäftigter ohne klar nachvollziehbare Gründe weiter arbeiten darf, und in einer anderen nicht, wäre das nicht gut."

Die Zahl der Corona-Intensivpatienten in Bayerns Krankenhäusern ist seit Anfang Dezember zwar stark gesunken, aber von einer Rückkehr zur Normalität kann nach Engehausens Worten keine Rede sein. "Wir sind weit weg von einer Entspannungsbotschaft."

"Bei den Aufnahmen auf den Normalstationen steigen die Zahlen bislang noch nicht, aber sie sinken auch nicht mehr. Da kann man ziemlich sicher sein, dass das der Wendepunkt ist und wir ab jetzt mit steigenden Hospitalisierungen rechnen müssen."

Tragödie in Bayern: Frau tot in einem See gefunden
Bayern Tragödie in Bayern: Frau tot in einem See gefunden

Was die Gesundheitspolitik betrifft, sind die Kliniken ebenso besorgt, dass die Berliner Koalition vom Mut zur Einführung einer allgemeinen Impfpflicht wieder verlassen wird:

"Unsere Befürchtung ist, dass die allgemeine Impfpflicht zerredet wird, die einrichtungsbezogene Impfpflicht unklar geregelt wird, und wir wieder den Fehler machen, im Herbst nicht auf eine neue Virus-Variante vorbereitet zu sein, die nach den Erfahrungen der letzten beiden Jahre so sicher kommen dürfte wie das Amen in der Kirche", sagte Engehausen.

"Great resignation": Unzufriedene Arbeitnehmer wechseln während Pandemie weltweit

Die Bayerische Krankenhausgesellschaft spricht sich für eine allgemeine Impfpflicht aus.
Die Bayerische Krankenhausgesellschaft spricht sich für eine allgemeine Impfpflicht aus.  © Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/dpa

Denn sollte es bei der Impfpflicht ausschließlich im Gesundheitswesen bleiben, wäre das für Impfunwillige ein natürlicher Anreiz zum Branchenwechsel.

Weltweit beflügelt die Pandemie die Bereitschaft unzufriedener Arbeitnehmer, sich neue Herausforderungen zu suchen. Im englischen Sprachraum gibt es dafür den Begriff der "great resignation". Nicht Resignation ist gemeint, sondern Kündigung von Seiten der Arbeitnehmer.

Portale wie Stepstone beobachten das auch in Deutschland. Im Januar lag die Anzahl der Jobsuchen demnach um mehr als die Hälfte höher als im Tagesdurchschnitt des vergangenen Jahres.

"Wir erleben am Arbeitsmarkt gerade eine Zeitenwende", sagt Stepstone-Chef Sebastian Dettmers. "Die Herausforderung heißt also ab sofort nicht mehr Arbeitslosigkeit, sondern Arbeiterlosigkeit." Gerade im Pflegebereich sei das schon Realität.

Unter Impfgegnern machen online Stellengesuche ungeimpfter Pflegekräfte die Runde, wobei zumindest einige dieser Anzeigen auch von Querdenkern lancierte Fälschungen sein könnten.

"Die Kliniken dürfen nicht als Versuchskaninchen für eine allgemeine Impfpflicht dienen"

Viele Krankenpfleger wollen aufgrund der Impfpflicht die Branche wechseln.
Viele Krankenpfleger wollen aufgrund der Impfpflicht die Branche wechseln.  © Ole Spata/dpa

Wahrscheinlich authentisch sind Stellengesuche ungeimpfter Pflegekräfte auf Ebay Kleinanzeigen, da die Betreffenden ihre Annoncen dort mit Kontaktdaten und häufig auch mit Foto aufgeben. Am Freitag waren dort gut 500 Annoncen von Krankenpflegerinnen und -pflegern aus ganz Deutschland zu finden, 35 mit dem zusätzlichen Suchbegriff "ungeimpft".

BKG-Geschäftsführer Engehausen fürchtet Weiterungen, sollten die Behörden die Impfpflicht im Gesundheitswesen nicht konsequent einheitlich umsetzen.

"Wenn die einrichtungsbezogene Impfpflicht nicht klar staatlich geregelt und flächendeckend verbindlich umgesetzt wird, könnte eine schwammige Umsetzung als Begründung dienen, die allgemeine Impfpflicht doch nicht zu machen", sagte Engehausen.

"Das wäre ein doppeltes Desaster. Die Kliniken dürfen nicht als Versuchskaninchen für eine allgemeine Impfpflicht dienen." Sollte sich diese verzögern, "wäre auch bei der einrichtungsbezogenen Impfpflicht eine feste Karenzzeit sinnvoll." Noch ungeimpfte Beschäftigte sollten die Wahlmöglichkeit einer Impfung mit dem Proteinimpfstoff Novavax erhalten.

"Die aktuelle Debatte zeigt, wie dünn die Personaldecke in der Pflege ist", sagt Christel Bienstein, die Präsidentin des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe. Der DBfK fordert von der Bundesregierung eine bedarfsgerechte Analyse des Personalbedarfs und Maßnahmen zur Sofortgewinnung zusätzlicher Pflegekräfte ebenso wie zu deren langfristiger Bindung.

Die Krankenpflege als solche sei attraktiv, wirbt BKG-Geschäftsführer Engehausen. "Nahezu kein anderer Beruf hat solche Zukunftsperspektiven, und so kontinuierlich steigende Gehälter."

Titelfoto: Robert Michael/dpa-Zentralbild/dpa

Mehr zum Thema Bayern: