Immer noch verstrahlte Wildschweine in Bayern nach Tschernobyl

Augsburg - Obwohl Wild eigentlich als Delikatesse gilt, werden in Bayern jährlich Unmengen an Fleisch entsorgt. Denn viele Wildschweine im Freistaat sind teils erheblich verstrahlt - selbst 35 Jahre nach dem Super-GAU von Tschernobyl.

In der Nacht auf den 26. April 1986 verloren Ingenieure die Kontrolle über ihre Meiler im Atomkraftwerk Tschernobyl - mit schlimmen Folgen. (Archivbild)
In der Nacht auf den 26. April 1986 verloren Ingenieure die Kontrolle über ihre Meiler im Atomkraftwerk Tschernobyl - mit schlimmen Folgen. (Archivbild)  © epa Tass/Tass/dpa

Manchmal ist die Strahlung sogar für das Messgerät zu viel. "Das Messgerät kann Werte bis zu 9999 Becquerel pro Kilogramm anzeigen", sagt Jagdwirt Jörg Richter, der für seine Abschlussarbeit die Belastung von Schwarzwild im Landkreis Augsburg nach der schlimmen Katastrophe untersucht hat.

Dann aber ist einfach Schluss.

Doch bei der hohen Strahlung ist das auch schon egal - das Fleisch des Wildschweins ist dann absolut ungenießbar. 35 Jahre ist der Super-GAU jetzt her.

In der Nacht auf den 26. April 1986 verloren sowjetische Ingenieure die Kontrolle über ihre Meiler im Atomkraftwerk Tschernobyl. Ein Reaktor explodierte, radioaktive Stoffe wurden in die Atmosphäre geschleudert. Eine schädliche Wolke zog über Europa hinweg - erst Richtung Schweden, dann nach Österreich und im Freistaat Bayern.

"Entscheidend war der 30. April vormittags", erzählt Richter. Dunkle Wolken zogen über Landstriche in Schwaben, über den Bayerischen Wald und auch den Süden Oberbayerns. "Es regnete, aber wie in Bayern üblich nur lokal."

Das Wetter von damals prägt die Landschaft noch heute: In Meitingen zum Beispiel, einem Markt im nördlichen Landkreis Augsburg, sei es trocken geblieben, berichtet der 53-Jährige. "Strahlung ist dort kaum mehr ein Thema."

Doch nur wenige Kilometer weiter südlich regnete es - und die Messgeräte schlagen noch immer aus.

Strafen drohen! Nahrungsmittel mit höheren Werte dürfen nicht verkauft werden

Obwohl Wild eigentlich als Delikatesse gilt, werden in Bayern jedes Jahr Unmengen an Fleisch entsorgt. (Symbolbild)
Obwohl Wild eigentlich als Delikatesse gilt, werden in Bayern jedes Jahr Unmengen an Fleisch entsorgt. (Symbolbild)  © Lino Mirgeler/dpa

Denn mit dem Regen drangen damals radioaktive Stoffe in den Boden. Die meisten sind längst kein Problem mehr, nur Caesium 137 hält sich hartnäckig. Der Stoff hat eine Halbwertzeit von 30 Jahren, gut die Hälfte davon ist also erst zerfallen.

"Caesium 137 kann man sich vorstellen wie ein Salz", erklärt Jagdwirt Richter. Im Waldboden setzt es sich an organische Stoffe in den oberen zehn bis fünfzehn Zentimetern des Bodens.

Über ihre Wurzeln nehmen Bäume Mineralien wie Calcium und eben auch Caesium auf, im Herbst fallen die belasteten Blätter wieder auf den Boden und zersetzen sich - ein ewiger Kreislauf, wodurch der Stoff im Boden bleibt.

Anders ist es auf den Feldern, wo Caesium 137 einfach ausgespült und mehrfach untergepflügt wurde. Die radioaktive Konzentration in Getreide, Gemüse, Salat oder Milch selbst aus belasteten Regionen sei nur noch äußerst gering, heißt es aus dem Landesamt für Umwelt (LfU).

Für Pilze und Fleisch von Wildschweinen, die den belasteten Waldboden nach Nahrung durchwühlen, weisen Stichproben der Behörde aber noch immer Spitzenwerte auf: Weißer Rasling aus dem Landkreis Garmisch-Partenkirchen - 5100 Becquerel, Semmel-Stoppelpilz aus dem Landkreis Miesbach - 1300 Becquerel oder Wildschwein aus dem Landkreis Ostallgäu - 1400 Becquerel. Der Grenzwert liegt bei 600 Becquerel.

Nahrungsmittel mit höheren Werte dürfen nicht verkauft werden, sonst drohen Strafen.

Messungen laufen weiter - auch Jahrzehnte nach der Katastrophe von Tschernobyl

Die Strahlung der Wildschweine schwankt je nach Jahr und Jahreszeit - entscheidend ist die Nahrung. (Symbolbild)
Die Strahlung der Wildschweine schwankt je nach Jahr und Jahreszeit - entscheidend ist die Nahrung. (Symbolbild)  © Lino Mirgeler/dpa

"Jedes Wildschwein wird überprüft", versichert Richter vom Bayerischen Jagdverband, der 124 Messstationen betreibt. "Auch wenn ich als Jäger einem Freund Wildbret schenke, muss ich das vorher überprüfen lassen." Ein halbes Kilo Muskelfleisch wird dafür zu Gulasch verarbeitet.

Die vollautomatische Messung mit einer Art Geigerzähler, einem Gerät von der Größe einer Kaffeemaschine, dauert nicht einmal zehn Minuten.

In einem guten Jahr sind nach Schätzungen des Experten nur etwa 10 bis 15 Prozent der erlegten Wildschweine aus den betroffenen Gegenden so verstrahlt, dass sie entsorgt werden müssen. Es können aber auch bis zu 60, 70 Prozent sein, sagt Richter. "Das sind zwei von drei Wildschweinen. Es tut einem in der Seele weh, eigentlich so gutes Fleisch entsorgen zu müssen."

Die Strahlung der Wildschweine schwankt je nach Jahr und Jahreszeit. Entscheidend ist die Nahrung, wie die Untersuchungen des Jagdwirts zeigen. Je weniger die Tiere im belasteten Waldboden nach Nahrung wühlen, desto weniger sind sie verstrahlt.

Wenn im Herbst also viele Eicheln, Bucheckern und Kastanien abfallen und im Sommer Mais und Getreide, "ist der Boden im Wald auch nicht mehr so interessant". Das wasserlösliche Caesium 137, das sich bei den Wildschweinen in den Zellen einlagert, wird wieder ausgeschwemmt. Doch es werde wohl noch 70 bis 80 Jahre dauern, bis sich die Belastung bei den Wildschweinen zumindest halbiert, schätzt Richter. Auch wenn der radioaktive Stoff langsam zerfällt, nehmen die Tiere noch mehr als genug davon auf. Das Landesamt für Umwelt wagt erst gar keine Prognose.

"Eine Aussage darüber, wann die Aktivität nicht mehr messbar sein wird, ist nicht möglich", erklärt eine Sprecherin. Also laufen die Messungen weiter - auch Jahrzehnte nach der Katastrophe von Tschernobyl.

Titelfoto: Lino Mirgeler/dpa

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