"Holen das Dreifache aus einer Gans raus": Profit gegen Tierwohl beim Festbraten

München - "Gänse sind Saisongeflügel", sagt Annika Nottensteiner, Geschäftsführerin beim Landesverband der Bayerischen Geflügelwirtschaft. "Die Küken schlüpfen im Frühjahr, im Herbst sind die Tiere dann schlachtreif." Viele kommen zur Kirchweih oder am Martinstag in den Bratofen, die meisten an Weihnachten.

Heimische Weidegänse kosten viel mehr als aus Polen oder Ungarn importierte Tiere.
Heimische Weidegänse kosten viel mehr als aus Polen oder Ungarn importierte Tiere.  © Philipp Schulze/dpa

Aber manche haben Glück: Das älteste der 2500 Brutpaare auf dem Hof der Familie Lugeder im Landkreis Altötting ist jetzt schon zwölf Jahre alt.

Die Brutpaare haben dieses Jahr zwischen 25.000 und 30.000 Eier ausgebrütet, sagt Wolfgang Lugeder. Der Hof in Pleiskirchen ist dem Verband zufolge der einzige größere Gänsemäster in Bayern. Daneben gibt es noch viele kleine, die einige Dutzend oder Hundert Gänse laufen haben.

"Eine Gans zu halten ist nicht schwer, sie ist ein Weidetier", sagt Nottensteiner. "Und wenn man Weidefläche übrig hat und die Vermarktung hinkriegt ..."

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Nach ein paar Wochen im warmen Aufzuchtstall und im Freilaufstall kommen die jungen Gänse auf die Weide, wo sie den Rest des Jahres Tag und Nacht verbringen - fast. Lugeder hat eine eigene Schlachterei. Die ersten Tiere landeten schon im Juli dort, weitere 3000 jetzt zum Martinstag am 11. November. Zum Martinstag zogen die Bauern im Mittelalter traditionell einen Schlussstrich unter das Wirtschaftsjahr, zahlten ihre Mägde und Knechte aus und entrichteten den Pachtzins an die Obrigkeit - zu dem auch Gänse zählten.

Die Deutschen verspeisen im Durchschnitt annähernd 400 Gramm Gänsefleisch pro Jahr. Aber "der Markt wird aus dem Ausland bedient", sagt Nottensteiner.

Die meisten Gänse, die hierzulande verspeist werden, kommen aus Polen und Ungarn. Denn die sind viel billiger. In Supermärkten sei eine tiefgekühlte Gans schon für 12,50 Euro zu haben, eine heimische koste an die 50 Euro. Warum?

Selten frei lebend: Gänse aus Polen und Ungarn sind viel billiger

Heimische Gänse haben in der Regel ein besseres Leben, als Artgenossen im Ausland.
Heimische Gänse haben in der Regel ein besseres Leben, als Artgenossen im Ausland.  © Philipp Schulze/dpa

Gänse lebend zu rupfen, um die weichen Daunen und Federn zu bekommen, ist in Deutschland verboten. Ebenso wie ihnen Mais zwangsweise in den Hals zu stopfen und ihre Leber anschwellen zu lassen - als foie gras wird diese dann von Feinschmeckern geschätzt.

"In anderen EU-Ländern sieht es anders aus", sagt Nottensteiner. "Die holen das Dreifache aus einer Gans raus."

Obendrein lebten die Gänse in diesen Ländern selten frei auf Weiden: "Zu 95 Prozent sind sie eingesperrt", sagt Lugeder. "Und sie leben nicht so lang", denn "es geht vor allem um die Federn und die Leber". Die Gans werde schließlich für 2,50 Euro je Kilo verkauft.

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"Bei uns kostet eine Gans 13 Euro je Kilo" - fast zwei Euro mehr als vor einem Jahr. Der Mais und der Weizen für die Zufütterung sei viel teurer geworden, die Energiepreise gestiegen - "das ist der Wahnsinn!"

Er habe dieses Jahr weniger Tiere gemästet. Aber die Nachfrage sei hoch.

Wegen der Vogelgrippe sei auch das Angebot aus Ungarn und Polen geringer. Die sei, anders als üblich, heuer auch über den Sommer hinweg in Europa aufgetreten, sagt Andrea Grimm von der Bayerischen Landesanstalt für Landwirtschaft.

Regionale Gänse meist schon Wochen vorbestellt

Dem bayerischen Agrarministerium zufolge wurden bei der letzten Landwirtschaftszählung im Freistaat 84.756 landwirtschaftliche Betriebe ermittelt. Zwei Drittel davon halten Vieh, ein Viertel hält Hühner - aber nur 2380 halten Gänse, Enten oder Truthühner. Viele dieser Bauernhöfe hielten Gänse aber nur nebenbei und verkauften sie dann an Stammkunden oder auf regionalen Wochenmärkten, sagte Nottensteiner. "Oft werden die Bestellungen schon Wochen vorher entgegengenommen."

Lugeder verkauft seine Gänse und auch Enten an die regionale Gastronomie und im Großhandel. Auch auf dem Münchner Viktualienmarkt und in einigen Restaurants und Gastwirtschaften in der Landeshauptstadt stehen sie auf der Speisekarte.

Und an die 600 Gänse seien auch schon für private Kunden reserviert, sagt er.

Titelfoto: Philipp Schulze/dpa

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