"Zu Lasten der Patienten": Krankenhäuser auf dem Land stoßen an Grenzen

München/Rothenburg ob der Tauber – Rund zwei Jahre ist es her, dass Rainer Hoffmann vom mittelfränkischen Rothenburg ob der Tauber aus mit anderen eine deutschlandweite Online-Petition mit dem Titel "Stoppt das Krankenhaussterben im ländlichen Raum" gestartet hat.

Ein Arzt untersucht in Schutzkleidung in einem isoliertem Intensivbett-Zimmer einen positiv getesteten Corona-Patienten in Gauting.
Ein Arzt untersucht in Schutzkleidung in einem isoliertem Intensivbett-Zimmer einen positiv getesteten Corona-Patienten in Gauting.  © Peter Kneffel/dpa

Wenn er heute Bilanz zieht, klingt er ernüchtert: "Insbesondere die Krankenhäuser, die sich ganz massiv für Covid-19-Patienten eingesetzt haben, schauen jetzt in die Röhre."

Hoffmann fürchtet, dass vor allem Krankenhäuser in kommunaler Trägerschaft noch größere finanzielle Probleme bekommen als sie ohnehin schon hatten. Bei vielen Städten und Gemeinden blieben Steuereinnahmen aus.

Deswegen sei absehbar, dass die Kommunen bei den Zuschüssen an defizitäre Krankenhäuser zu sparen versuchen. Das werde vor allem Land-Krankenhäuser treffen.

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Nach Daten der Bayerischen Krankenhausgesellschaft (BKG) ist der Anteil kommunaler Träger in Bayern mit knapp 58 Prozent so hoch wie nirgends sonst in Deutschland. Bei einer Umfrage der BKG gaben am Jahresanfang rund 60 Prozent der bayerischen Kliniken an, dass sie für 2020 einen Verlust erwarten. Die Corona-Krise könnte die Lage weiter verschärft haben, heißt es von der BKG.

Ausgangspunkt der Landkrankenhaus-Initiative waren Sorgen um das 165-Betten-Haus in Rothenburg ob der Tauber. Aber der Initiativen-Sprecher Hoffmann betont, es gehe um ein bundesweites Anliegen: "Wir brauchen ein anderes Vergütungssystem."

Die seit knapp 20 Jahren geltende Bezahlung nach Fallpauschalen bestrafe Krankenhäuser, die die Grundversorgung abdeckten.

Deutsche Krankenhausgesellschaft fordert grundlegende Reform des Fallpauschalen-Systems

Eine Patienten-Transportliege steht in einem Krankenhaus auf dem Gang. (Symbolbild)
Eine Patienten-Transportliege steht in einem Krankenhaus auf dem Gang. (Symbolbild)  © Peter Kneffel/dpa

Eine grundlegende Reform des Fallpauschalen-Systems fordern inzwischen auch die Deutsche und die Bayerische Krankenhausgesellschaft. Auch von Gewerkschaften und Krankenkassen kommen entsprechende Forderungen.

Die Chefin des Bayerischen Landesverbands der Betriebskrankenkassen, Sigrid König, sieht vor allem in Ballungszentren "ein völlig unkoordiniertes Nebeneinander und Über-Leistungsangebot", das durch das Fallpauschalen-System gefördert werde.

Die Kassenverbands-Chefin fordert aber auch eine andere Krankenhausplanung. Und sie betont: "Es geht nicht darum, Standorte aus Kostengründen zu verringern."

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Vielmehr müsse Schluss damit sein, dass Krankenhäuser wirtschaftliche Vorteile haben, wenn sie möglichst viele Eingriffe vornehmen. "Es ist zu Lasten der Patienten, wenn aus ökonomischen Gründen operiert wird", kritisiert König.

Den Vorwurf, bei Operationen würden Geldfragen eine Rolle spielen, haben viele Ärzteverbände lange zurückgewiesen. Der Vize-Präsident der Bayerischen Landesärztekammer, Andreas Botzlar, räumt inzwischen aber ein: "Da ist etwas dran."

Wenn Klinikverwaltungen Ärztinnen und Ärzten regelmäßig vorrechnen, welche Eingriffe wie viel Geld bringen, "dann haben Sie das irgendwann so im Hinterkopf, dass Sie es nicht mehr rausbringen", berichtet Botzlar.

Dichte Versorgung mit Krankenhäusern ist Schlüsselvorteil gegen Corona

Auch der Ärztekammer-Vize wünscht sich deshalb eine neue Krankenhausfinanzierung und neue Wege in der Planung: "Wir müssen schauen, wo wir wirklich einen Bedarf haben." Die Zahl der Klinikbetten sollte unterm Strich aber nicht sinken, warnt Botzlar.

Die im europäischen Vergleich dichte Versorgung in Deutschland sei in der Corona-Krise ein Vorteil, ist der Kammer-Vize sicher: "Das ist ein Schlüssel dafür, dass wir bisher besser wegkommen als andere."

Der Mit-Initiator der bundesweiten Krankenhaus-Petition, Rainer Hoffmann, hat sich gemeinsam mit anderen auch an Bayerns Ministerpräsidenten Markus Söder (CSU) gewandt. In einer Antwort verweist die Staatskanzlei darauf, Bayern stelle hohe Förderbeträge bereit und sie betont: "Der Freistaat bleibt damit ein verlässlicher Finanzierungspartner für die Krankenhäuser."

Hoffmann und seine Mitstreiter sind mit dieser Antwort nicht zufrieden. Sie bleiben bei ihrer Warnung. "Die flächendeckende Versorgung im Flächenstaat Bayern steht auf dem Spiel", haben sie Söder geantwortet.

Titelfoto: Peter Kneffel/dpa

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