"Cold Cases": Hunderte alte Fälle warten noch auf Aufklärung

Hannover – Im Kampf gegen quälende Ungewissheit versuchen Ermittler, sogenannte Cold Cases auch Jahre nach der Tat noch aufzuklären - allein in Niedersachsen sind nach jüngsten Zahlen des Landeskriminalamtes (LKA) 373 solcher Fälle erfasst.

Beamte graben auf dem Grundstück eines früheren Friedhofgärtners nach Beweisstücken. (Archivbild)
Beamte graben auf dem Grundstück eines früheren Friedhofgärtners nach Beweisstücken. (Archivbild)  © Polizei Lüneburg/dpa

Ein Großteil davon sind ungeklärte Tötungsdelikte. Laut dem LKA gehören auch 47 Vermisstenfälle dazu, bei denen auf einen Verbrechenshintergrund geschlossen wird.

Die Ermittlung eines Tatverdächtigen für einen mehr als 25 Jahre zurückliegenden Mord an einem Fernfahrer in Hannover-Misburg gilt als Erfolgsbeispiel aus dem vergangenen Jahr.

Ein damals 57-jähriger Mann wurde im Februar 1995 auf einem Speditionsgelände vor Antritt der Fahrt erschossen. 25 Jahre später veröffentlichten die Polizei Hannover und die Staatsanwaltschaft ein Video und einen Zeugenaufruf. Anfang September gab es dann die Erfolgsmeldung. Ein Tatverdächtiger sei ermittelt, der Mord vermutlich aufgeklärt.

Die Ergebnisse deuten den Ermittlern zufolge darauf hin, dass der Fernfahrer auf dem Betriebsgelände einen Dieb ertappte und von ihm getötet wurde.

Tatverdächtig sei ein mittlerweile 56 Jahre alter Türke, der 1995 wegen eines Doppelmordes in Braunschweig verurteilt wurde. 2018 wurde der Mann nach seiner Haft in die Türkei abgeschoben und mit einer Wiedereinreisesperre belegt.

Einrichtung von "Cold Case Einheiten"

Ein Beamter der Spurensicherung sichert ein Beweisstück an einem Tatort. (Symbolbild)
Ein Beamter der Spurensicherung sichert ein Beweisstück an einem Tatort. (Symbolbild)  © Frank Rumpenhorst/dpa

Allerdings reichten die gewonnenen Erkenntnisse nicht für eine Anklageerhebung aus, hieß es damals.

Die Ermittlungen ruhen derzeit, sagte eine Sprecherin der Staatsanwaltschaft in Hannover im Dezember. Die Erkenntnisse werden aber als Erfolg gewertet, weil für die Familie des Opfers eine lange Ungewissheit zu Ende gehe.

Solche Durchbrüche führen regelmäßig zu Schlagzeilen und motivieren die Ermittler, immer wieder in die alten Akten abzutauchen.

Für ein einheitliches Vorgehen dabei wurde 2019 in Braunschweig, Göttingen, Hannover und Lüneburg zentrale "Cold Case Einheiten" mit jeweils sechs bis acht Ermittlern eingerichtet. Beim LKA wurde zudem in der Zentralstelle Gewalt eine Ansprechstelle für die Cold Cases installiert.

Die akribische Aufarbeitung der alten Fälle führte dazu, dass sich dem LKA zufolge derzeit 13 anlassbezogene Ermittlungsgruppen mit konkreten Ermittlungen befassen. Oft seien neue forensische Untersuchungsmethoden oder veränderte zwischenmenschliche Beziehungen Auslöser für das Aufrollen dieser Fälle.

Die Erfassung beinhaltet auch die vollständige Digitalisierung und Archivierung der Ermittlungsakte. Dadurch wird wiederum eine Konservierung der alten Papierakten und fallübergreifende Recherche ermöglicht. So wollen die Ermittler Tatzusammenhänge oder auch Serientäter besser erkennen.

Mitte Dezember richteten sich Ermittler aus Cuxhaven mit einem Fernsehbeitrag an die Öffentlichkeit, um zwei Frauenmorde aus den Jahren 1992 und 1993 doch noch aufzuklären.

Titelfoto: Frank Rumpenhorst/dpa

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