Schwerbehinderter joggt durch jede Straße seiner Heimatstadt: Das ist der Grund

Stade - Mario Krömer (44) kennt ausnahmslos alle Straßen seiner Heimatstadt Stade und seiner Geburtsstadt Buxtehude: Durch jede ist er mindestens einmal gejoggt.

Mario Krömer (44) ist bereits sein halbes Leben wegen einer chronischen Krankheit schwerbehindert. Mit seinem Laufprojekt "Every Single Street" will er anderen Mut machen.
Mario Krömer (44) ist bereits sein halbes Leben wegen einer chronischen Krankheit schwerbehindert. Mit seinem Laufprojekt "Every Single Street" will er anderen Mut machen.  © Sina Schuldt/dpa

"Every Single Street" nennt sich sein Laufprojekt, das er 2018 startete. Auch in anderen Städten weltweit gibt es Anhänger dieser Challenge. Doch für Krömer sind die Läufe etwas Besonderes: Der 44-Jährige will anderen Menschen Mut machen.

Er war 21, als er die Diagnose Colitis ulcerosa bekam. Neben Morbus Crohn ist das die häufigste chronisch-entzündliche Darmerkrankung (CED). Betroffene leiden während eines Schubs neben häufigem Durchfall an krampfartigen Schmerzen und einer totalen Erschöpfung.

"Mein Energielevel ist dann gefühlt bei zehn Prozent", sagt Krömer. Er nennt Colitis ulcerosa eine "unsichtbare Krankheit". Niemand sieht ihm an, dass er ihretwegen schwerbehindert ist. "Man wirkt nach außen häufig gesund, ist es aber nicht. Eine chronische Erkrankung ist ein ständiger Begleiter."

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Die Schübe setzten Krömer in der Vergangenheit teilweise für bis zu zwei Jahre außer Gefecht. Seine Ausbildung als Erzieher musste er abbrechen. Nachdem er mehrere Jahre im Einzelhandel gearbeitet hatte, lebt er inzwischen vom Bürgergeld. "Kaum ein Unternehmen will Schwerbehinderte wegen des besonderen Kündigungsschutzes einstellen", sagt er.

Doch verbittert ist der Niedersachse deshalb nicht. Im Gegenteil. Er führe ein zufriedenes Leben, sagt er. Beigetragen dazu hat der Sport: Mit 35 Jahren fing er mit dem Laufen an. Wenn er keinen Schub hat, bemerkt er seine Krankheit kaum. Er suchte sich Ziele, nahm an Laufveranstaltungen teil. "Ich stehe total darauf, Bestzeiten zu knacken", sagt er.

Mario Krömer möchte auf die Krankheit Colitis ulcerosa aufmerksam machen

Der 44-Jährige zeigt einen Straßenplan seiner Heimatstadt Stade. Er ist durch jede öffentliche Straße gejoggt.
Der 44-Jährige zeigt einen Straßenplan seiner Heimatstadt Stade. Er ist durch jede öffentliche Straße gejoggt.  © Sina Schuldt/dpa

Schließlich hörte Krömer von dem Projekt "Every Single Street". Im Internet sah er, dass Ultra-Runner Rickey Gates in San Francisco jede einzelne Straße der Stadt gelaufen war. Das wollte er auch machen in seiner Heimatstadt Stade. Er nahm sich tägliche Routen von 10 bis 35 Kilometern vor.

"Ich habe mir auf einem faltbaren Zettel die Streckenführung notiert. Mit dem in der Hand bin ich durch die Straßen gelaufen", berichtet Krömer. Ein Jahr brauchte er, bis er Stade abhaken konnte - bis auf eine Straße in einem Industriegebiet. Sie war mit Schranke und Pförtner für ihn gesperrt. Erst als er beim Geschäftsführer der ansässigen Firma anrief, bekam er grünes Licht.

Im Herbst 2021 fing er an, in einem Blog und in den sozialen Medien über seine Läufe und seine Krankheit zu schreiben. "300.000 Menschen bundesweit haben Colitis ulcerosa. Das ist echt eine Menge, aber kaum einer kennt die Krankheit." Das möchte er mit seinen Projekten ändern.

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Sein nächstes hat Mario Krömer schon ins Auge gefasst: Sylt. Da hat er Freunde und ist auch schon Runden gelaufen. "Vielleicht fange ich im Oktober an - oder früher", sagt der 43-Jährige. "Ich will zeigen, dass einen auch eine chronische Erkrankung nicht davon abhalten sollte, das Beste aus seiner Zeit zu machen."

Titelfoto: Sina Schuldt/dpa

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