Besonders betroffen: Wie es Obdachlosen in der Corona-Krise ergeht

Bochum/NRW – Wohnungslose sind von der Corona-Pandemie besonders betroffen. Das Hilfesystem bricht zunehmend weg, gleichzeitig müssen die oft immungeschwächten Menschen eine Ansteckung besonders fürchten. Zu Besuch in einer Unterkunft für Obdachlose in Bochum.

Gogo sitzt mit seiner Freundin Elli an seiner Schlafstelle unter einer Eisenbahnbrücke in Bochum, die sie sich mit Fundstücken wohnlich gestaltet haben.
Gogo sitzt mit seiner Freundin Elli an seiner Schlafstelle unter einer Eisenbahnbrücke in Bochum, die sie sich mit Fundstücken wohnlich gestaltet haben.  © Bernd Thissen/dpa

Gogo ist gekommen, um sich durch das geöffnete Fenster der Wohnungslosenhilfe der Diakonie in Bochum ein Lunchpaket abzuholen. 

"Gibt es vielleicht auch Socken und Unterhosen?", fragt er, grüne Wollmütze, zerfurchtes Gesicht, schlaksige Gestalt. 

Seit zwei Jahren lebe er auf der Straße, sagt der 59-Jährige, sein Quartier ist unter einem Brückenbogen. Aus den Tabakresten weggeworfener Kippenstummel, die er den Vormittag über aufgeklaubt hat, dreht er sich nun eine Zigarette.

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Seit die Menschen aufgerufen sind, zuhause zu bleiben, um die rasante Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen, ist es für Wohnungslose wie Gogo deutlich beschwerlicher geworden. "Bei uns geht gar nichts mehr", sagt seine Freundin Elli. Sie meint das Betteln. 

"Die Leute machen einen noch größeren Bogen um uns", sagt sie. Und Gogo ergänzt: "Es ist gar keiner mehr da, den man fragen kann." Selbst Flaschensammeln sei mühsamer: "Ist einfach keiner mehr unterwegs, der was wegwirft."

Notschlafstelle wurde zur Groß-WG

Peter Lahrius steht in der Tür zu seinem Zimmer im Fliednerhaus, der Wohnungslosenhilfe der Diakonie.
Peter Lahrius steht in der Tür zu seinem Zimmer im Fliednerhaus, der Wohnungslosenhilfe der Diakonie.  © Bernd Thissen/dpa

Menschen wie Gogo, deren Lebensmittelpunkt die Straße ist, trifft die Corona-Pandemie mehrfach, warnen Sozialverbände und die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe: Sie können nicht einfach zuhause bleiben, weil genau dieser Rückzugsraum fehlt. 

Gleichzeitig bricht das gewohnte Hilfesystem an vielen Orten zusammen: Tafeln, Essensausgaben, Beratungsstellen und ambulante Sucht- und Therapieangebote schließen oder haben nur eingeschränkt geöffnet, berichtet etwa Christiane Caldow, Leiterin der Wohnungslosenhilfe der Diakonie Ruhr.

"Wir sind hier die letzte Bastion", sagt sie und meint damit das Fliednerhaus. Normalerweise ist der Neubau in direkter Nachbarschaft zum Bochumer Ruhrstadion eine Notschlafstelle. Jetzt ist die Einrichtung zur 24-Stunden-Festung für jene Bochumer geworden, die kein zuhause haben. 

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"Wir definieren uns jetzt als Groß-WG - mit allen Risiken, die das bringt. Aber eine andere Lösung sehe ich nicht", sagt Caldow. 33 Menschen jung wie alt, darunter fünf Frauen, sind jetzt zur Zwangsgemeinschaft auf unbestimmte Zeit geworden. 

Um etwas mehr Abstand wahren zu können, schlafen zwei statt wie sonst drei Menschen in einem Raum. Außerdem darf kein Besuch kommen und niemand darf ohne Abmeldung und triftigen Grund einfach gehen. Und wie überall gilt: Abstand halten.

Gemeinschaftsgeist, aber auch Angst

Mediziner Hans-Gerd Schmitz misst in seiner Sprechstunde im Fliednerhaus der Diakonie bei Thorsten Böhme mit einem kontaktlosen Fieberthermometer die Temperatur.
Mediziner Hans-Gerd Schmitz misst in seiner Sprechstunde im Fliednerhaus der Diakonie bei Thorsten Böhme mit einem kontaktlosen Fieberthermometer die Temperatur.  © Bernd Thissen/dpa

"Wir hatten erwartet, auf viel mehr Ignoranz zu stoßen, aber wir erleben einen ganz, ganz großen Gemeinschaftsgeist", sagt Caldow. Dass sich alle weitgehend an die Regeln halten, liege auch an der alles überlagernden Angst: Eine Ansteckung mit dem Coronavirus. 

"Das wäre für uns alle hier eine Riesenkatastrophe, dann würde hier ja zugemacht", sagt der Wohnungslose Peter Lahrius, 69 Jahre alt. Er sei krank, habe große Angst allein zu sein. Er wisse dann nicht wohin.

"Wenn sich einer von den Menschen hier infiziert, haben wir ganz schnell die gleiche Situation wie in Seniorenresidenzen. Das kann zur Katastrophe mit vielen Toten werden", sagt Hans-Gerd Schmitz. Der Arzt im Ruhestand bietet ehrenamtlich seine Dienste in einer Sprechstunde an und ist jetzt besonders gefragt. 

Viele Wohnungslose gehören zur Risikogruppe, die fürchten muss, eine Covid-19-Erkrankung nicht zu überleben. Suchtkrankheiten, die Härten der Straße oder psychische Probleme machen sie besonders wehrlos, sagt Schmitz.

Laut Wohnungslosenstatistik des Landes waren bei der letzten Stichtagserhebung im Sommer 2018 über 44.000 Menschen ohne eigene Wohnung in Notunterkünften untergebracht. 

In vielen Städten gibt es Gabenzäune

Björn Boueke ordnet an einem sogenannten Gabenzaun die Sachspenden, die Bürger für Wohnungslose an den Zaun eines Bolzplatzes gehängt haben.
Björn Boueke ordnet an einem sogenannten Gabenzaun die Sachspenden, die Bürger für Wohnungslose an den Zaun eines Bolzplatzes gehängt haben.  © Bernd Thissen/dpa

So manche Appelle an die Solidarität derer, denen es besser geht, scheinen in der Krise bislang zu wirken: In vielen Städten entstehen sogenannte Gabenzäune, an die Menschen Tüten mit Hygieneartikeln oder anderen Spenden aufhängen. 

Auch vor dem Fliednerhaus in Bochum steht ein Spendenschrank, der sich schnell mit Nützlichem wie Gesellschaftsspielen oder Tabak gefüllt habe, berichtet Peter Lahrius.

Und vor kurzem, erinnert er sich, sei plötzlich ein Lieferwagen vorgefahren: Ein Hotelbetrieb, der schließen musste, spendete kurzerhand die halbe Speisekammer. 

"Da durften wir auch alle nochmal nachnehmen", sagt Lahrius und lacht. "Ich glaube, die Menschen begreifen, dass wir diese Zeit nur gemeinsam durchstehen", sagt er.

Alle Informationen zur aktuellen Corona-Lage in NRW findet Ihr in unserem Liveticker.

Titelfoto: Bernd Thissen/dpa

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