Kein Sex, kein Geld: Prostituierte fürchten um ihre Existenz

Bielefeld/NRW – Die Maßnahmen gegen das Coronavirus bedrohen auch die Existenzen zahlreicher Sexarbeiterinnen in NRW. "MadameKali" aus Bielefeld berichtet über ihre Erfahrungen.

Prostituierte dürfen wegen der Corona-Krise aktuell nicht arbeiten (Symbolbild).
Prostituierte dürfen wegen der Corona-Krise aktuell nicht arbeiten (Symbolbild).  © 123RF/ lightfieldstudios

"Ich bin nicht nur Sexarbeiterin, sondern auch Musikerin und mir bricht gerade mein ganzes Einkommen weg", sagt "MadameKali". "Ich komme noch ein paar Wochen über die Runden, aber danach weiß ich nicht, wie es weitergeht." 

Die Prostituierte aus Bielefeld darf seit rund zwei Wochen nicht arbeiten. Eine der Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus ist, dass auch Bordelle geschlossen bleiben müssen.

Rund 90 Prozent ihrer Kolleginnen seien wie sie selbstständig. "Die meisten Huren wollen flexibel sein und sich ihre Arbeit selbst einteilen", so "MadameKali", die ihren richtigen Namen nicht in diesem Text lesen möchte. Als Kleinunternehmerin sei es schwierig, Geld zurückzulegen.

So sieht es auch der Berufsverband für erotische und sexuelle Dienstleistungen. "Wir verstehen das aktuelle Verbot der Prostitution und finden es auch richtig. Aber einige Frauen leben nur von der Hand in den Mund, die konnten keine Rücklagen bilden", sagt Johanna Weber vom Vorstand. 

"Das fällt ihnen jetzt in den Rücken. Das sind oft Frauen, die wenn sie keine Sexarbeit machen würden, ein Sozialfall wären." Diesen Frauen würden zudem nicht die bisherigen Sofort-Hilfsmaßnahmen der Regierung zugutekommen.

Suche nach Übernachtungsmöglichkeiten

In NRW gibt es über 9000 Prostituierte (Symbolbild).
In NRW gibt es über 9000 Prostituierte (Symbolbild).  © 123RF/ yanlev

Wie das Statistische Bundesamt im vergangenen November berichtet hatte, waren in Nordrhein-Westfalen Ende 2018 rund 9300 Prostituierte nach dem Prostituiertenschutzgesetz offiziell angemeldet. Außerdem gab es demnach 209 gemeldete Prostitutionsgewerbe in NRW.

Die Folgen der Corona-Maßnahmen stellen indes auch die Beratungsstellen für Sexarbeiterinnen vor Herausforderungen. "Es sind zur Zeit wahnsinnig viele Frauen, die zu uns kommen", sagt die Leiterin der Beratungsstelle "Madonna" in Bochum, Heike Köttner. 

Am härtesten seien die Frauen betroffen, die keine eigene Wohnung haben. Oftmals sind die Sexarbeiterinnen aus Bulgarien oder Rumänien und können wegen der geschlossenen Grenzen nicht zurück in ihre Heimatländer. "Einige werden von Kolleginnen oder Freiern mitgenommen und dürfen dort wohnen", so Köttner. "Das geht aber immer nur kurz und führt schnell zu Konflikten."

Auch beim Berufsverband der Sexarbeiterinnen würden sich Kolleginnen melden, die nun keine Wohnung haben. Eine erste Maßnahme zur Lösung des Problems sei nun jedoch erfolgt. 

"Das Familienministerium hat bundesweit einen Erlass herausgebracht, nachdem das Verbot zur Übernachtung in Bordellen vorläufig außer Kraft gesetzt wird", sagt Vorstandsmitglied Weber. "Das ist eine sehr große Erleichterung." Genutzt wird diese Möglichkeit beispielsweise auch im Kölner Bordell "Pascha". Laut Angaben des Erotik-Nachtclubs übernachten dort derzeit rund 15 Frauen aus dem europäischen Ausland.

Finanzielle Sorgen und Online-Alternativen

Einige Prostituierte bieten derzeit Online-Leistungen an (Symbolbild).
Einige Prostituierte bieten derzeit Online-Leistungen an (Symbolbild).  © 123rf/ nito500

Zahlreiche Sexarbeiterinnen sind zudem Versorger der Familie im Ausland. "Uns wird häufig gesagt, dass die Familie in der Heimat nun zusammenbricht", so Heike Köttner von der Bochumer Beratungsstelle. Sie wünsche sich, dass es finanzielle Hilfen für die Frauen gibt. Unabhängig von ihrer Herkunft.

"MadameKali" aus Bielefeld kennt ebenfalls Kolleginnen, die nun wohnungslos sind. "Es gibt Leute, die private Spendensammlungen organisieren", so die Domina. 

Viele ihrer Kolleginnen würden auch versuchen, im Internet Dienste anzubieten. Doch bei ihrer Arbeit als "tantrische Domina" sei das nicht möglich, so "MadameKali". "Es ist eine Arbeit direkt mit meinen Händen, das geht nicht wirklich online."

Alle aktuellen Infos zum Coronavirus in NRW findet Ihr in unserem Liveticker.

Titelfoto: 123RF/ lightfieldstudios

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