Studenten besetzen Nordsee-Insel, sie kamen per Fischkutter

Hamburg - Vor 70 Jahren gelang zwei Studenten ein heute kaum zu glaubender Coup.

Die beiden Studenten Rene Leudesdorff (r) und Georg von Hatzfeld hissen im Dezember 1951 auf der Nordseeinsel Helgoland die Europafahne.
Die beiden Studenten Rene Leudesdorff (r) und Georg von Hatzfeld hissen im Dezember 1951 auf der Nordseeinsel Helgoland die Europafahne.  © picture alliance / dpa

Am 20. Dezember 1950 fährt der Kutter "Paula" bei stürmischem Wetter nach Helgoland in der Nordsee.

An Bord sind zwei Heidelberger Studenten, Georg von Hatzfeld (21) und René Leudesdorff (22). Sie wollen mit einem spektakulären, friedlichen Protest ein Zeichen setzen.

An einem alten Leitungsrohr hissen sie eine Europa-, eine Deutschland- und eine Helgolandflagge.

Denn seit 1945 ist die verwüstete Insel unbewohnt, die Briten nutzen sie als Übungsgelände für Bombenabwürfe.

Fotos der Aktion der Studenten sorgen für große Aufmerksamkeit und bringen Bewegung in die umstrittene Helgoland-Frage. Schließlich geben die Briten die Insel zum Wiederaufbau frei.

Die Aktion vor 70 Jahren hat für die fern der Heimat lebenden Helgoländer damals eine große Bedeutung.

So schmiedeten die Helgoland-Besetzer ihren mutigen Plan

Der Felsen "Lange Anna" ist das Wahrzeichen der Nordseeinsel Helgoland. (Archivbild)
Der Felsen "Lange Anna" ist das Wahrzeichen der Nordseeinsel Helgoland. (Archivbild)  © Daniel Reinhardt/dpa

Viele erfahren aus der Zeitung davon. "Sie waren natürlich glücklich, dass wieder Aufmerksamkeit auf Helgoland gelenkt worden ist", erinnert sich der heute 80-jährige Olaf Goemann, dessen Familie die Insel einst verlassen musste, auf Sylt unterkam und erst 1958 zurückkehren konnte.

Die beiden "Besetzer" Leudesdorff (1928-2012) und Hatzfeld (1929-2000) lernten sich bei einer Diskussionsrunde in der Heidelberger Studierendenvertretung über die Wiederbewaffnung Deutschlands kennen.

So erzählt es der frühere Pfarrer Leudesdorff wenige Monate vor seinem Tod der Deutschen Presse-Agentur. "In einer Pause winkte Hatzfeld mir zu, ob wir mal draußen sprechen könnten", berichtet er in dem Interview.

Schnell sei die Idee entstanden, nach Helgoland zu fahren. "Wir sind in ein Lokal begangen, haben für 15 Pfennig eine Cola gekauft und einen Plan gemacht."

Größte nichtnukleare Explosion aller Zeiten erschüttert Helgoland

Eine gewaltige Explosionswolke steigt auf, nachdem britische Truppen am 18. April 1947 mit 6700 Tonnen Munition einen Teil der Nordseeinsel Helgoland gesprengt haben.
Eine gewaltige Explosionswolke steigt auf, nachdem britische Truppen am 18. April 1947 mit 6700 Tonnen Munition einen Teil der Nordseeinsel Helgoland gesprengt haben.  © dpa/lno

Ihr Ziel: "Wir wollten auf Helgoland auf den Widerspruch aufmerksam machen, dass man auf der einen Seite Deutschland gewinnen wollte für die westliche Allianz gegenüber dem Osten", erklärt Leudesdorff damals.

"Auf der anderen Seite wurde im Frieden aber immer noch deutsches Gebiet bombardiert fünf Jahre nach einem Waffenstillstand."

Zugleich habe man für ein friedliches Europa demonstrieren wollen. "Es war eine politische und zugleich eine symbolische Handlung."

Rückblende: Im Zweiten Weltkrieg wollten die Nationalsozialisten mit dem Projekt "Hummerschere" durch Aufspülungen und Betonbauten einen riesigen Marinehafen als Flottenstützpunkt errichten, der im Notfall einen Großteil der Reichskriegsflotte aufnehmen sollte.

Bombenangriffe während des Krieges machten die Insel unbewohnbar.

Am 18. April 1947 wollten die Briten mit 6700 Tonnen Munition alle militärischen Anlagen sprengen. Bei diesem "Big Bang" entstand an der Südspitze der Insel ein riesiger Krater. Es war die größte nichtnukleare Explosion aller Zeiten.

Stundeten verbrachten Zeit auf Helgoland in altem Flakturm

René Leudesdorff (l) und Georg von Hatzfeld stießen am 22. Dezember 1950 im Flakbunker auf der Insel Helgoland mit jeweils einer Flasche Wein an.
René Leudesdorff (l) und Georg von Hatzfeld stießen am 22. Dezember 1950 im Flakbunker auf der Insel Helgoland mit jeweils einer Flasche Wein an.  © picture alliance / dpa

Bei der "Besetzung" 1950 fahren die mitgereisten beiden Journalisten gleich wieder zurück, um den Artikel zu veröffentlichen.

Die Studenten bleiben auf der Insel. Das einzige Gebäude, das noch stand, sei der alte Flakturm gewesen, berichtet Historiker Martin Krieger von der Universität Kiel.

Dort hätten sich die jungen Männer eingerichtet. "Das muss ziemlich windig, kalt und ungemütlich gewesen sein."

"Danach kommt es wiederholt zu Überfahrten", berichtet der Historiker Jan Rüger.

Am 27. Dezember sei eine größere Gruppe Helgoländer zu den Studenten gestoßen, zwei Tage später dann der Historiker und Journalist Hubertus Prinz zu Löwenstein.

"Er wusste, wie man aus dieser symbolischen Besetzung der Studenten ein größeres internationales Ereignis machen kann", sagt der Professor am Birkbeck College der Universität London.

Historiker rät, Helgoland-Besetzung nicht zu überschätzen

René Leudesdorff schrieb über die Ereignisse das Buch "Wir befreiten Helgoland". (Archivbild)
René Leudesdorff schrieb über die Ereignisse das Buch "Wir befreiten Helgoland". (Archivbild)  © picture alliance / dpa

Anfang Januar seien die Studenten von der Insel abgeholt worden.

"Wir befreiten Helgoland" heißt das Buch, das Leudesdorff später über die Ereignisse schreibt.

Sie hätten den entscheidenden Anstoß dafür gegeben, dass die Insel freigegeben wurde.

Professor Krieger aber betont: "Man darf diese ganze Aktion nicht überschätzen."

Die Studenten hätten seiner Meinung nach nicht - wie es oft heißt - Helgoland allein befreit.

"Auch wenn ich weiß, dass das viele anders sehen." Es sei nur ein Mosaikstein auf dem Weg zur Wiederfreigabe gewesen.

Auch wichtige deutsche Politiker und die gut vernetzten Helgoländer hätten sich intensiv engagiert.

"Am Ende ist die Royal Air Force dann eingeknickt."

Titelfoto: Montage: Daniel Reinhardt/dpa, picture alliance / dpa

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