Steinmeier vor Holocaust-Gedenkstätte: Vergangenheit darf nicht geleugnet werden

Gardelegen - Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (64) warnt davor, einen Schlussstrich unter die Aufarbeitung der NS-Geschichte zu ziehen und in alte Verdrängung zurückzufallen. 

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seine Ehefrau Elke Büdenbender auf dem Militärischen Ehrenfriedhof in der Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe in Gardelegen.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seine Ehefrau Elke Büdenbender auf dem Militärischen Ehrenfriedhof in der Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe in Gardelegen.  © Ronny Hartmann/dpa-Zentralbild/dpa

"Nicht die Erinnerung an die Vergangenheit ist eine Last. Zur Last wird sie, wenn wir sie leugnen. Deshalb ist es so wichtig, dass wir Orte wie diesen haben, Orte des Erinnerns", sagte Steinmeier am Dienstag in der Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe Gardelegen. Dort wurde ein neues Dokumentations- und Besucherzentrum eröffnet (TAG24 berichtete). 

An der Feierstunde in kleinem Kreis nahmen Hinterbliebene der Opfer, Vertreter des Diplomatischen Korps sowie Landes- und lokale Politiker teil. 

Die Gedenkstätte erinnert an ein Massaker an KZ-Häftlingen am 13. April 1945. Die Menschen, die aus verschiedenen geräumten Konzentrationslagern auf Todesmärsche geschickt worden waren, wurden in die Scheune getrieben und diese dann angezündet. Es fielen Schüsse und es wurden Handgranaten gezündet; 1016 Menschen starben.

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Es war eine der letzten Gräueltaten der Nazis. Beteiligt waren nicht nur Angehörige von SS und Wehrmacht, sondern auch des örtlichen Volkssturms, also ältere und jugendliche Männer aus der Umgebung.

Besucher stehen vor den Resten der Feldscheune in der Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe bei Garlegen.
Besucher stehen vor den Resten der Feldscheune in der Gedenkstätte Feldscheune Isenschnibbe bei Garlegen.  © Ronny Hartmann/dpa-Zentralbild/dpa

"Nur aus der Geschichte können wir lernen."

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (M.) und seine Ehefrau Elke Büdenbender (M.l.) stehen mit Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) und Gardelegens Bürgermeisterin Mandy Schumacher (SPD) vor dem Eingang der Gedenkstätte.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (M.) und seine Ehefrau Elke Büdenbender (M.l.) stehen mit Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) und Gardelegens Bürgermeisterin Mandy Schumacher (SPD) vor dem Eingang der Gedenkstätte.  © Ronny Hartmann/dpa-Zentralbild/dpa

"Gardelegen steht für viele kleine Städte in Deutschland, in denen Verbrechen geschehen sind", sagte der Bundespräsident. "Es steht für die Verbrechen, die Deutsche in den letzten Wochen und Tagen des Krieges, der längst verloren war, begangen haben. Sie mordeten bis zur letzten Minute - überall in Deutschland, mitten in Deutschland." 

Die Deutschen seien zutiefst dankbar für die Hand der Versöhnung, die ihnen später von den Nachbarn, aber auch von den Nachfahren der Opfer gereicht wurde. "Wir sind uns unserer Verantwortung bewusst, und wir wollen ihr gerecht werden!", unterstrich Steinmeier.

"Wir leben in einer Zeit, in der unsere Demokratie, in der unser Rechtsstaat nicht unangefochten ist. In der autoritäres, sogar völkisches Denken neue Verführungskraft entwickelt, in der neue Verschwörungsmythen gedeihen, in der die Taten von Hanau und Halle, in der die NSU-Morde und andere rechtsextremistische Anschläge möglich waren." 

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Weiter betonte das Staatsoberhaupt: "Unsere Verantwortung heute, unsere Verantwortung ist es, jede Form von Antisemismus, Rassenhass bekämpfen, einzutreten für die Demokratie und die Würde einen jeden Einzelnen."

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) bezeichnete das Gedenken als "letzten Tribut, den man den Opfern und Hinterbliebenen zollen kann". Erinnerung schütze vor Wiederholungen. "Wohin Hass, Intoleranz und Rassismus führen, hat uns die Geschichte des nationalsozialistischen Deutschlands gezeigt. Dieser Geschichte müssen wir uns stellen", sagte Haseloff. "Nur aus der Geschichte können wir lernen."

Steinmeier betonte, es sei wichtig, Wissen kreativ zu vermitteln, neue historisch fundierte und emotional berührende Formen der Vermittlung zu finden. Neue Technologien eröffneten da neue Wege, wie in Gardelegen.

"Wenn ich mir als Bundespräsident heute noch etwas wünschen darf, dann das: Dass möglichst viele Schülerinnen und Schüler mindestens einmal in ihrer Schulzeit eine Gedenkstätte wie die Ihre besuchen, damit sie (...) wissen, was geschehen ist."

Titelfoto: Ronny Hartmann/dpa-Zentralbild/dpa

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