Kommt die Räumung? Waldbesetzer kämpfen gegen Weiterbau der A14

Von Jennifer Weese

Seehausen/Schwerin - Hoch oben in den Bäumen im Losser Forst leben seit mehren Monaten Waldbesetzer. Sie wollen den Weiterbau der Autobahn 14 verhindern. Die Politik pocht auf Räumung, scheiterte aber in erster Instanz vor Gericht. Ein neues Urteil wird mit Spannung erwartet.

Im Losser Forst leben seit einigen Monaten Waldbesetzer.
Im Losser Forst leben seit einigen Monaten Waldbesetzer.  © Florian Voigt/dpa

Im Camp der Waldbesetzer ist es ganz still, die Vögel zwitschern, der Wind streicht ganz sanft über die Transparente, die Aufschriften wie "Verkehrswende Jetzt!" tragen. Um kurz nach neun schlafen noch die meisten im Wald bei Losse in der Altmark (Sachsen-Anhalt). Seit April protestieren sie in wechselnder Zusammensetzung gegen den Weiterbau der Autobahn 14, die künftig Magdeburg und Schwerin verbinden soll.

Als die Bewohner bemerken, dass sie nicht mehr unter sich sind, raschelt und knarzt es in einem der Baumhäuser. Gegen ihren Protest gibt es viel Gegenwind - und sogar Gewalt.

Insgesamt sind an diesem Morgen zwischen 10 und 20 Menschen in dem Wald. Nach und nach kommen immer mehr vor allem jüngere Leute aus ihren Häusern und unter ihren Planen hervor. Manche von ihnen studieren, andere arbeiten von Zeit zu Zeit aus dem "Wald-Office". Viele kommen den Angaben zufolge nur an Wochenenden und manche reisen von Waldbesetzung zu Waldbesetzung.

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Unterstützung erhalten sie in Form von Kleidung, Schlafsäcken oder Lebensmitteln. Ein Unterstützer aus der Umgebung versorgt sie regelmäßig mit Wasser.

Auf den ersten Blick erinnert das Camp an die Proteste im Hambacher Forst oder im Danneröder Wald.

Eigentümer klagte kurz nach Start der Besetzung

"Streuner" (l.) und "Bee" setzen sich mit ihrem Protest fürs Klima und gegen die A14 ein.
"Streuner" (l.) und "Bee" setzen sich mit ihrem Protest fürs Klima und gegen die A14 ein.  © Florian Voigt/dpa

Dennoch hinken solche Vergleiche nicht nur aufgrund der Zahl der Besetzer. Auch die Voraussetzungen sind bei den bundesweit bekannten Wäldern ganz andere: Beides sind Mischwälder, die als besonders schützenswert gelten. Der Losser Forst hingegen ist eine Monokultur, wovon sich auch der Name "Moni bleibt" ableitet.

Die Protestierenden setzen sich fürs Klima und gegen die A14 ein. "Mehr Straßen führen zu mehr Verkehr. Ich persönlich bin der Meinung, dass wir alles andere als mehr Verkehr brauchen", sagt ein Besetzer, der sich "Streuner" nennt. Auch eine mögliche Ansiedlung des Online-Versandhändlers Amazon wird als Gefahr empfunden.

Die aktuellen Bauarbeiten werden durch die Protestaktionen allerdings nicht behindert; ein Baurecht besteht für den betreffenden Abschnitt ohnehin noch nicht. Zuletzt hatte im März ein Umweltverband gegen den Bauabschnitt von Osterburg bis Seehausen-Nord Klage eingereicht.

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So friedlich, wie die Szene im Wald auf den ersten Blick an diesem Morgen scheint, ist es jedoch nicht. Schließlich campieren die Menschen in einem Privatwald. Der Eigentümer hatte kurz nach dem Start der Besetzung geklagt.

Auch der Landrat des Kreises Stendal, Patrick Puhlmann (38, SPD), wandte sich gegen die Aktion. Er forderte die Besetzer mehrere Male dazu auf, den Wald zu verlassen und betonte, dass aus seiner Sicht die Besetzung nicht das richtige Mittel für einen solchen Protest sei.

Maskierter im Ku-Klux-Klan-Kostüm schoss auf Teilnehmer einer Protestveranstaltung

Am Bahnhof in Seehausen sind Teilnehmer einer Protestveranstaltung von einem Unbekannten mit Ku-Klux-Klan-Haube attackiert worden.
Am Bahnhof in Seehausen sind Teilnehmer einer Protestveranstaltung von einem Unbekannten mit Ku-Klux-Klan-Haube attackiert worden.  © Florian Voigt/dpa

Das Verwaltungsgericht in Magdeburg sah das jedoch anders und entschied vergangene Woche, dass das Camp der Versammlungsfreiheit unterliegt. Dagegen hat der Landkreis vor dem Oberverwaltungsgericht Sachsen-Anhalt Beschwerde eingelegt. Die Entscheidung wird mit Spannung erwartet. Wann sie fällt, ist noch unklar.

Auch in der Bevölkerung sind nicht alle über die Aktivisten und die immer neuen Problemen und Klagen gegen die A14 glücklich. Gegen die Autobahngegner im Wald, aber auch vor allem die am Bahnhof Seehausen ist es in der Vergangenheit sogar verstärkt zu Pöbeleien und Angriffen gekommen - darunter auch Brandstiftung, Sachbeschädigung und Körperverletzung.

Wobei die Gruppen am Bahnhof und im Wald zwar im Kern das gleiche Anliegen teilen und durchaus miteinander sympathisieren, aber nicht unbedingt zusammengehören.

Zuletzt hatte ein Unbekannter, der eine Kutte und eine Haube getragen haben soll, die an den rechtsextremistischen Ku-Klux-Klan aus den USA erinnert, am Bahnhof in Seehausen mit einer Softair-Waffe auf Teilnehmer einer Protestveranstaltung geschossen.

Dabei waren ein Zwölfjähriger und der 20 Jahre alte Sprecher der Grünen Jugend Altmark, Zoltán Schäfer, leicht verletzt worden.

"Wir gehen fast nicht mehr alleine in die Dörfer"

Die Aktivisten haben Angst vor weiteren Angriffen.
Die Aktivisten haben Angst vor weiteren Angriffen.  © Florian Voigt/dpa

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (67, CDU) verurteilte die Attacke als einen "Angriff auf unseren Rechtsstaat". Die Schutzmaßnahmen am Seehäuser Bahnhof wurden daraufhin nach Angaben der Polizei verstärkt; auch eine Ermittlungsgruppe mit dem Namen "Moni" wurde demnach eingerichtet.

Der angegriffene Zoltán Schäfer ist nach wie vor schockiert. "Das macht schon auch Angst", sagte er der Deutschen Presse-Agentur. "Wir befinden uns in einer Gewaltspirale."

Auch den Besetzern im wenige Kilometer vom Bahnhof entfernten Wald bereiten diese Angriffe Sorgen. "Wir gehen fast nicht mehr alleine in die Dörfer", sagt eine Aktivistin, die sich "Bee" nennt. Man werde trotzdem nicht aufgeben. "Solange sie uns nicht ernsthaft verletzen und wir noch irgendwie Notwehr betreiben können, kriegen wir das schon irgendwie hin."

Sollte das Oberverwaltungsgericht gegen die Besetzer entscheiden, wollen die Protestierenden die Räumung so lange wie möglich hinauszögern. Aber selbst wenn geräumt wird, ist die Frage, wie lange der Wald leer bleibt. Es ist gut möglich, dass das Ganze dann von vorne anfängt.

Erst in frühestens zwei Jahren würden die Abholzungen starten - für die Autobahngegner also genug Zeit zurückzukehren.

Titelfoto: Florian Voigt/dpa

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