"Liebe ist stärker als der Hass": Halle gedenkt der Terror-Opfer

Halle (Saale) - Um kurz nach 12 Uhr tönt das hebräische Friedenslied aus dem Glockenspiel im Roten Turm von Halle - genau ein Jahr, nachdem ein Terrorist die ersten Schüsse auf die Synagoge der Stadt abfeuerte (TAG24 berichtete). "Hevenu Shalom alechem" lautet der Text: Wir wollen Frieden für alle. 

Max Privorozki, Bernd Wiegand, Reiner Haseloff, Josef Schuster, sowie Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seine Ehefrau Elke Büdenbender leifen von der Synagoge zum Kiez-Döner durch das Paulusviertel.
Max Privorozki, Bernd Wiegand, Reiner Haseloff, Josef Schuster, sowie Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und seine Ehefrau Elke Büdenbender leifen von der Synagoge zum Kiez-Döner durch das Paulusviertel.  © Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa

Hunderte Menschen haben sich am Freitag auf dem Marktplatz vor dem Wahrzeichen der Stadt versammelt, um an die Opfer des rechtsextremen und antisemitischen Anschlags zu erinnern, der das ganze Land erschütterte.

Das Gedenken auf dem Marktplatz weckt Erinnerungen an die Szenen in den Tagen nach dem Gewaltakt. Schon damals erklang hier das hebräische Lied, wie damals wollen die Menschen hier ein Zeichen setzen - dass sie den Hass und die Gewalt, die der Attentäter nach Halle brachte, nicht in ihrer Stadt haben wollen. 

An der Marktkirche hängt ein Transparent mit dem Versprechen: "Unsere Liebe ist stärker als der Hass". Daneben brennen Kerzen, liegen Rosen und ein Engel aus Porzellan. "Nur für Euch, Jana und Kevin" steht handgeschrieben auf einer Karte im Gedenken an die beiden Todesopfer des Anschlags.

Am 9. Oktober 2019 hatte ein Terrorist mit selbst gebauten Waffen das Feuer auf die Synagoge in Halle eröffnet. Er scheiterte an der stabilen Tür.

Offenbar wahllos erschoss der Terrorist schließlich die 40 Jahre alte Jana L., die gerade an der Synagoge vorbeikam, und später den 20 Jahre alten Kevin S. in einem Dönerladen. Auf seiner Flucht verletzte er weitere Menschen, bevor ihn die Polizei festnehmen konnte.

"Heute ist der Tag für Kevin und Jana"

Kränze zum Gedenken an die Opfer des Anschlages vor einem Jahr stehen vor der Synagoge.
Kränze zum Gedenken an die Opfer des Anschlages vor einem Jahr stehen vor der Synagoge.  © Hendrik Schmidt/dpa-Zentralbild/dpa

Am Freitag sollte es in Halle aber ausdrücklich nicht um den Attentäter gehen, sondern um die Menschen, die er getötet, verletzt oder für immer traumatisiert hat. 

"Heute ist der Tag für Kevin und Jana", sagt Ismet Tekin. Er war damals in dem Dönerladen angestellt. Sein Bruder war vor Ort, als der Terrorist in das Geschäft stürmte und um sich schoss, Ismet Tekin kam kurz nach dem Attentat in den verwüsteten Laden. Heute betreibt er das Geschäft. "Seit einem Jahr fühl ich mich gleich", sagt er. Das vergangene Jahr sei "nicht leicht" für ihn und seinen Bruder gewesen. Nur mit Hilfe seiner Familie und seines Glaubens schöpfe Tekin jeden Tag neue Kraft.

Schon unter der Woche hatten die Menschen in Halle an den Anschlag erinnert. Aktivisten hatten Gedenk-Graffitis an Stromkästen in der Stadt gesprüht, Überlebende beteten, sangen und demonstrierten, die Jüdische Studierendenunion übergab Tekin gut 29.000 Euro, die die Union für den seit dem Anschlag auch ökonomisch gebeutelten Imbiss gesammelt hatten.

Am Freitag enthüllt Tekin gemeinsam mit seinem Bruder und dem Opferbeauftragten der Bundesregierung, Edgar Franke, vor dem Imbiss eine Gedenkplakette, die an den Anschlag und die Toten erinnert. Eine solche Plakette hängt nun auch vor der Synagoge - dort enthüllt von einem Überlebenden aus dem Gotteshaus mit dem Präsidenten des Zentralrats der Juden, Josef Schuster, und dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Halle, Max Privorozki. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier legt an beiden Tatorten Kränze nieder.

Frank-Walter Steinmeier warnt vor antisemitischen Verschwörungstheorien

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (64) sprach in der zentralen Gedenkveranstaltung in der Ulrichskirche.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (64) sprach in der zentralen Gedenkveranstaltung in der Ulrichskirche.  © Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa

Auf einer zentralen Gedenkfeier am Abend ruft das Staatsoberhaupt dazu auf, Haltung gegen Antisemitismus und Menschenfeindlichkeit zu zeigen. Antisemitismus sei ein Seismograph für den Zustand der Demokratie. Je offener er sich äußere, desto stärker seien Werte, Toleranz und Achtung der Menschenwürde angefochten. 

"Deshalb muss es uns alarmieren, wenn Kritiker der Corona-Maßnahmen alte antisemitische Verschwörungstheorien neu aufleben lassen und sie millionenfach verbreiten", sagt Steinmeier.

Der Landesverband der Migrantenorganisationen hat schon am Morgen eine Menschenkette aus Kreidefiguren initiiert, auf über fünf Kilometern zieht sich die bunte Kette durch die Stadt, Schüler und Passanten malen fleißig mit. 

Sprüche wie "Die Würde des Menschen gilt für alle auf unserer Erde" wie auch das Wort "Solidarität" in verschiedenen Sprachen sind neben den Kreidezeichnungen zu lesen. Auf mehreren Diskussionsveranstaltungen sprechen Überlebende, Politiker und Angehörige der jüdischen Gemeinde über Antisemitismus.

Der Schock sitzt nach einem Jahr noch tief in Halle und die Bekundungen, die Opfer nie zu vergessen, sind allgegenwärtig. Dennoch müsse das Leben weiter gehen, sagt eine Frau nach dem Gedenken auf dem Marktplatz. Und das tut es in Halle auch. An den Orten des Gedenkens herrscht in der Saalestadt an diesem Freitag andächtiges Schweigen. 

Von einem Stillstand der ganzen Stadt, wie er am 9. Oktober vor einem Jahr zu beobachten war, ist am ersten Jahrestag aber keine Spur. Und als es am Nachmittag zu regnen beginnt, ist auch von der bunten Kreidemenschenkette bald kaum noch etwas zu sehen.

Titelfoto: Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa

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