Milliarden-Investitionen nähren Hoffnung auf goldene Zeiten im Osten

Magdeburg - Für Carsten Schneider (46, SPD), den Ostbeauftragten der Bundesregierung, ist die Entscheidung des US-Chipkonzerns Intel für Magdeburg schlicht eine Sensation.

Der Chiphersteller Intel will in Magdeburg für 17 Milliarden Euro zwei Halbleiterfabriken bauen.
Der Chiphersteller Intel will in Magdeburg für 17 Milliarden Euro zwei Halbleiterfabriken bauen.  © Ralf Hirschberger/dpa

"Das ist ein Signal für ganz Ostdeutschland, das nicht zu überbewerten ist", sagte Schneider am Donnerstag im Deutschlandfunk. Das werde "die wirtschaftsgeografische Landkarte Deutschlands verändern".

Tatsächlich verbucht Ostdeutschland eine Rieseninvestition nach der anderen. Kommende Woche will Tesla aus der neuen Gigafabrik in Grünheide bei Berlin das erste Elektroauto ausliefern.

Ebenfalls in diesem Jahr will BASF in Schwarzheide die Herstellung von Batteriematerial starten. In Thüringen baut der chinesische CATL-Konzern für bis zu 1,8 Milliarden Euro eine Batteriefabrik, die noch 2022 loslegen könnte. Seit Mitte 2021 produziert in Dresden bereits das Bosch-Halbleiterwerk - eine der modernsten Chipfabriken der Welt. Plötzlich also goldene Zeiten für den Osten?

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Gerade die neuen Pläne von Intel wirken tatsächlich gigantisch. Der US-Konzern will in einer ersten Ausbaustufe zwei direkt benachbarte Halbleiterwerke in Magdeburg bauen, um dort ab 2027 Prozessoren und Grafikchips herzustellen. Das Unternehmen will zunächst rund 17 Milliarden Euro investieren. Laut Intel sollen etwa 3000 High-Tech-Arbeitsplätze sowie Zehntausende zusätzliche Stellen bei Zulieferern entstehen.

Das könnte Sogwirkung für weitere Investoren entwickeln, vermutet das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). "Es wird dieses Land komplett umgestalten", erwartet Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (68, CDU).

Der chinesische Hersteller CATL (Contemporary Amperex Technology Ltd.) will in seine Fabrik in Ichtershausen bis zu 1,8 Milliarden Euro investieren.
Der chinesische Hersteller CATL (Contemporary Amperex Technology Ltd.) will in seine Fabrik in Ichtershausen bis zu 1,8 Milliarden Euro investieren.  © Martin Schutt/dpa-Zentralbild/dpa

"Akteure müssen die Chance auch wahrnehmen"

Die erste europäische Fabrik in Grünheide, die auf 500.000 Fahrzeuge jährlich ausgelegt ist, ist eine wichtige Säule der Zukunftsstrategie von Tesla.
Die erste europäische Fabrik in Grünheide, die auf 500.000 Fahrzeuge jährlich ausgelegt ist, ist eine wichtige Säule der Zukunftsstrategie von Tesla.  © Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/ZB

Allerdings teilen nicht alle Experten die Euphorie. Ja, es gebe ein Potenzial, dass andere Investoren nachzögen, sagt Industrieexperte Martin Gornig vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin. "Aber das wird nicht von alleine kommen. Es ist eine Chance für die Region, aber die Akteure müssen die Chance auch wahrnehmen."

Joachim Ragnitz vom Ifo-Institut in Dresden findet die Intel-Entscheidung zwar "für Magdeburg super". Aber: "Ich sehe das nicht, dass das so eine Art Zeitenwende für den Osten ist."

Es gebe bei Industrieansiedlungen keine Erfolgsgarantie, sagt DIW-Experte Gornig. Aber einige Umstände scheinen für die jetzt angekündigten oder begonnenen Projekte in Ostdeutschland zu sprechen.

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So kam Tesla-Chef Elon Musk (50) mit seiner "Gigafactory" nach Grünheide, weil dort 300 Hektar vorhanden waren, aber auch wegen des Angebots von Ökostrom in Brandenburg. Für Intel spielte die zentrale Lage Magdeburgs eine Rolle und 450 Hektar Fläche. Dresden punktet unter anderem mit Forschung und Bildung an der Technischen Universität.

Für die Erfolgsaussichten gerade der Batterie- und Halbleiterfabriken spricht aber noch ein weiterer Punkt: Beide Branchen definiert die Europäische Union als strategisch wichtig, um die Energiewende voranzubringen und angesichts wackliger Lieferketten international unabhängiger zu werden. Und für beides stehen große Fördertöpfe bereit.

Ein neues, goldenes Kapitel für Ostdeutschland?

Knackpunkt könnte hingegen werden, die vielen neuen Stellen tatsächlich gut zu besetzen. "Wir haben große Probleme im Osten mit einem massiven Fachkräftemangel", sagt Ifo-Experte Ragnitz. "Kurzfristig bis zu 3000 Leute, die kriegt man auf dem Arbeitsmarkt im Osten kaum." Das gehe eigentlich nur über Zuwanderung.

Für viele Regionen in Ostdeutschland wäre das eine Trendumkehr nach langen Jahren mit Abwanderung und Überalterung. Punkten können sie damit, dass zumindest im Vergleich mit Stuttgart oder München Mieten und Immobilien noch bezahlbar sind.

In Magdeburg hofft man auch auf Pendler aus Leipzig, Braunschweig und Berlin. Zudem will man alle Register ziehen, um Fachkräfte zu rekrutieren. Bei den Hochschulen sollen die Schwerpunkte der Lehrstühle überprüft, technische Studiengänge gezielt beworben werden. Immerhin hat Magdeburg eine lange Industriegeschichte.

Titelfoto: Montage Ralf Hirschberger/dpa ; Martin Schutt/dpa-Zentralbild/dpa ; Patrick Pleul/dpa-Zentralbild/ZB

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