Überlebende warnen in Halle-Prozess vor Antisemitismus in Deutschland

Magdeburg - Viele der Menschen, die den Anschlag in Halle überlebten, stammen von Holocaust-Überlebenden ab. Vor Gericht warnen sie vor einem latenten Antisemitismus in Deutschland: Auch der Anschlag habe gezeigt, dass das Problem hierzulande oft kleingeredet werde.

Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Halle Max Privorozki.
Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Halle Max Privorozki.  © Ronny Hartmann/dpa-Zentralbild/dpa

Im Prozess um den rechtsterroristischen Anschlag vor Halle haben mehrere Überlebende aus der Synagoge Deutschland aufgerufen, den Antisemitismus im Land ernst zu nehmen. Viele in Deutschland würden sagen, Judenhass sei ein Problem, das durch Geflüchtete aus dem Nahen Osten nach Deutschland importiert worden sei. 

"Aber das Problem betrifft nicht nur den Nahen Osten, das betrifft auch unsere Bundesrepublik", sagte der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Halle, Max Privorozki, am Dienstag vor Gericht. Er bezweifelte etwa, dass der Angeklagte seinen Antisemitismus ohne Einfluss der Eltern entwickelt habe und die nichts davon wussten.

Eine werdende Rabbinerin aus Berlin beklagte zudem, dass viele Deutsche sehr wenig über das Judentum wüssten. "Für die meisten Deutschen, sogar hier im Gerichtssaal, scheint das jüdische Leben etwas zu sein, das ausgestorben ist", sagte die 29-Jährige. 

Auch die öffentliche Debatte über den Anschlag und die Berichterstattung hätten gezeigt, dass die Deutschen das Problem in ihrer Gesellschaft nicht wahrhaben wollten. Symptomatisch dafür sei die große Aufmerksamkeit, die der Tür der Synagoge gegeben worden sei.

Deutsche Öffentlichkeit habe nach "tollem Deutschen, der die Juden gerettet hat" gesucht

Jüdische Überlebende des Halle-Attentats warnen vor Antisemitismus in Deutschland. (Symbolbild)
Jüdische Überlebende des Halle-Attentats warnen vor Antisemitismus in Deutschland. (Symbolbild)  © Robert Michael/ZB/dpa

"Es war nicht die Tür, die uns gerettet hat", sagte die 29-Jährige. Sie verwies etwa auf Splittergranaten, die der Attentäter über die Mauer vor der Synagoge warf. Die hätten die Besucher der Synagoge trotz der Tür töten können. 

Die deutsche Öffentlichkeit aber habe nach einem "tollen Deutschen, der die Juden gerettet hat", gesucht. Den habe es aber nicht gegeben, deshalb sei diese Erzählung falsch.

Seit Juli läuft vor dem Oberlandesgericht Naumburg der Prozess um den Anschlag. Aus Platzgründen findet das Verfahren in den Räumen des Landgerichts Magdeburg statt. 

Der Angeklagte, der 28-jährige Sachsen-Anhalter Stephan Balliet, gestand zu Prozessbeginn, am 9. Oktober 2019 schwer bewaffnet versucht zu haben, die Synagoge von Halle zu stürmen und ein Massaker anzurichten. Darin feierten gerade 52 Menschen den höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur. 

Der Attentäter scheiterte jedoch an der Tür, erschoss daraufhin eine Passantin, die zufällig an der Synagoge vorbei kam, und später einen jungen Mann in einem Dönerimbiss.

Respektloser Umgang der Polizei mit Überlebenden

Viele Überlebende aus der Synagoge hatten im Verlauf des Prozesses kritisiert, dass die Polizei nach dem Anschlag unsensibel und respektlos mit den Gläubigen umgegangen sei. Viele davon stammen von Überlebenden des Holocaust ab, so auch eine Berliner Rabbinerin, die am Dienstag aussagte. Alle ihre vier Großeltern hätten die Shoah überlebt, die grausamen Erfahrungen ihrer Großeltern habe sie schon von Kindesbeinen geprägt und sich als Trauma durch die ganze Familiengeschichte gezogen.

"Auch wenn die Shoah vorbei ist, sind es die Folgen nicht", sagte die Frau. "Es sind nicht nur historische Fakten, es ist nach wie vor Teil meines Lebens." Viele Deutsche wüssten nicht, dass dieses Schicksal des intergenerationellen Traumas in Deutschland kein Einzelfall sei. "Es geht vielen Menschen in diesem Land genau so", sagte die 30-Jährige. "Deutschland muss die Tatsachen anerkennen, auch wenn es nur noch wenige Überlebende gibt, dass auch die Enkel und Urenkel mit diesem Trauma zu tun haben."

Die 30-Jährige sah jedoch nicht nur Negatives in Deutschlands Umgang mit dem Attentat. So bemühe sich das Land etwa um eine gründliche juristische Aufarbeitung. "Meine Oma hatte nie die Gelegenheit, vor einem deutschen oder internationalen Gericht auszusagen", sagte die Geistliche. Sie sei sehr froh, ihre Geschichte dort vortragen zu können. 

Die 30-Jährige war erst einige Monate vor dem Anschlag mit ihrem Mann, ebenfalls einem Rabbi, der vorige Woche im Prozess ausgesagt hatte, nach Berlin gekommen, um das Judentum in Deutschland zu beleben. Gemeinsam mit rund 20 jungen Juden aus Berlin war das Rabbi-Ehepaar zu Jom Kippur nach Halle, wo die Gemeinde vor allem aus älteren Gläubigen besteht gereist, um genau das zu tun.

Auch Gemeinde-Vorsitzender Privorozki berichtete vor Gericht von positiven Erfahrungen nach dem Anschlag. So hätten ihn die Solidaritätsbekundungen der Hallenser unmittelbar nach dem Anschlag aber auch noch viele Wochen danach sehr berührt und überzeugt, dass die Mehrheit der Menschen in Deutschland Antisemitismus und Hass klar ablehne. "Das ist der größte Unterschied zwischen dem Jahr 1938, als unsere Synagoge auch angegriffen wurde, und 2019", sagte Privorozki. 

Mit dem Eindruck dieser Solidarität fühle er sich nach dem 9. Oktober 2019 in Deutschland mehr zu Hause als davor.

Titelfoto: Ronny Hartmann/dpa-Zentralbild/dpa

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