Einzigartiges Textarchiv: Uni Halle beherbergt 150.000 Kinder-Geschichten

Halle (Saale) - Manche Kinder schreiben in ihrer Freizeit Geschichten. Ein Archiv mit Tausenden solcher Texte befindet sich an der Universität Halle. Sie stammen aus vielen Ländern und ganz unterschiedlichen Epochen.

Sogar Texte chinesischer Kinder sind dabei. Im Archiv des Institutes gibt es eine Sammlung von Kindertexten aus gut einhundert Jahren, die systematisch untersucht werden
Sogar Texte chinesischer Kinder sind dabei. Im Archiv des Institutes gibt es eine Sammlung von Kindertexten aus gut einhundert Jahren, die systematisch untersucht werden  © Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa

Die Welt der Kinder vor über hundert Jahren? Die Universität in Halle beherbergt ein einmaliges Kindertextarchiv, das Antworten darauf gibt. "Wir haben rund 150.000 Texte aus 50 Ländern", sagt der Leiter und Professor für Grundschuldidaktik Deutsch und Ästhetische Bildung, Michael Ritter. "Die ältesten Kindertexte wurden um 1900 mit der aufkommenden Reformpädagogik geschrieben."

"Ich kenne keine andere Institution, die derartige Texte in diesem Umfang sammelt, so bleibt es wohl das einzige und damit das größte Kindertextarchiv der Welt", sagt Ritter. "Wir haben sogar chinesische Kindererzählungen, die in den 90er Jahren im Rahmen eines Projektes der Universität Hamburg entstanden."

Jetzt soll der Fundus wissenschaftlich aufgearbeitet und im Netz zugänglich gemacht werden. 

"Der Plan ist, in den nächsten Jahren die Werke zu digitalisieren", sagt Ritter. "Die Idee, Kindertexte zu bewahren, hatte meine Vorgängerin Professorin Eva Maria Kohl. Sie legte das Archiv 1999 an." Jährlich kommen 4000 bis 5000 Texte hinzu.

Bei den Themen hat sich über die Jahrzehnte der Schwerpunkt kaum verändert. Es dominieren Beziehungen zu Freunden, Eltern, Familie und Schule. Allerdings haben sich die Sprache und der Zeitbezug verändert.

Was Kinder schreiben: Vom Nationalsozialismus bis zu YouTubern

Michael Ritter, Professor für Grundschuldidaktik an der Martin-Luther-Universität Halle/Wittenberg, im Archiv des Instituts.
Michael Ritter, Professor für Grundschuldidaktik an der Martin-Luther-Universität Halle/Wittenberg, im Archiv des Instituts.  © Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa

Im Archiv gibt es auch Texte zum Thema Kinder und Soldaten aus der Zeit des Nationalsozialismus. 

Hier waren die Schüler einem Schreibaufruf der damaligen heimischen Zeitung gefolgt. Es gibt auch Aufzeichnungen von Kindern aus dem ehemaligen Konzentrationslager Theresienstadt in Gedichtform. "Ein Häuflein Schmutz in schmutzigen Wänden, die an den Stacheldrähten enden", heißt es in einem Gedicht.

"In den letzten Jahren erzählten Kinder auch Geschichten aus Videospielen nach. Wir hatten ebenso Texte über Youtuber. Das ist für die Schüler die digitale Realität", sagt die Geschäftsführerin des Friedrich-Bödecker-Kreises Sachsen-Anhalt, Sandra Heuchel. Der Verein widmet sich der Lese- und Literaturförderung von Schülern.

"Es gibt auch reine Fantasiegeschichten, aber natürlich lassen sich Kinder immer von irgendetwas inspirieren, was sie im Alltag erlebt haben", sagt Heuchel. Sie schätzt, dass sich landesweit rund 3000 Schüler mit dem Schreiben in ihrer Freizeit beschäftigen. 

Allein beim jährlichen Schreibwettbewerb des Bödecker-Kreises, gibt es rund 2000 Einsendungen.

Titelfoto: Jan Woitas/dpa-Zentralbild/dpa

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