Absage gefordert: Der verzweifelte Kampf um Sachsens Weihnachtsmärkte

Dresden - Glühwein trinken - und im Krankenhaus geht's drunter und drüber? Angesichts der Infektionslage geht das nicht, findet Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (46, CDU) und fordert deshalb eine generelle Absage von Weihnachtsmärkten. Kommunen und Verbände sind dagegen, Händler geschockt.

Markus Harich (56) an seinem Glühweinstand. Eine Absage wäre eine Katastrophe, sagt er.
Markus Harich (56) an seinem Glühweinstand. Eine Absage wäre eine Katastrophe, sagt er.  © Holm Helis

"Das ist eine Katastrophe. Finden die Märkte nicht statt, werden 50 Prozent der Händler das nicht überleben", sagt Markus Harich (56), der Glühweinstände auf Striezelmarkt und Leipziger Weihnachtsmarkt betreibt. Alle Händler hätten Waren bestellt und von Hilfen bei Ausfall sei bisher nicht die Rede.

Davon spricht auch Sachsens MP Kretschmer bisher nicht, von einer Absage der Märkte aber sehr wohl.

"Man kann sich doch nicht vorstellen, dass man auf dem Weihnachtsmarkt steht, Glühwein trinkt und in den Krankenhäusern ist alles am Ende und man kämpft um die letzten Ressourcen", sagte er am gestrigen Donnerstag bei RTL.

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Er sprach sich für "ein klares Signal von Bund und Ländern" an Bürgermeister, Landkreise und Marktbetreiber aus.

Ein dickes Kontra kommt vom Sächsischen Städte- und Gemeindetag. "Wir tragen den Vorstoß der Staatsregierung nicht mit", so SSG-Präsident Mischa Woitscheck (55) auf TAG24-Anfrage.

Dresden und Chemnitz wollen an Märkten festhalten, Leipzig will in den nächsten Tagen entscheiden

Sachsens Regierungs-Chef Michael Kretschmer (46, CDU) hat sich jetzt klar gegen die Durchführung von Weihnachtsmärkten ausgesprochen.
Sachsens Regierungs-Chef Michael Kretschmer (46, CDU) hat sich jetzt klar gegen die Durchführung von Weihnachtsmärkten ausgesprochen.  © DPA/Robert Michael

Schon am Mittwoch waren die Bürgermeister von zwölf Städten, darunter Annaberg und Torgau, mit der Forderung an die Öffentlichkeit getreten, die Regelungen bis Ende Dezember zu verlängern, um so die Weihnachtsmärkte zu sichern.

Indes sagen immer mehr Städte und Gemeinden ihre Weihnachtsmärkte ab, Meerane, Frankenberg oder Lichtenstein zum Beispiel.

Die Festung Königstein hält dagegen noch an dem am ersten Adventswochenende beginnenden Markt fest. Leipzig will in den nächsten Tagen entscheiden, so eine Sprecherin.

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Keine klare Entscheidung, aber ein klares Statement kommt aus Dresden und Chemnitz. Dort gehen die Aufbauarbeiten für die Märkte weiter.

"Fakt ist, dass die Corona-Schutz-Verordnung eine Absage derzeit nicht rechtfertigt", heißt es in einer gemeinsamen Erklärung der Oberbürgermeister Dirk Hilbert (50, FDP - Dresden) und Sven Schulze (50, SPD - Chemnitz).

Und im Falle einer Absage müsste über Entschädigungen gesprochen werden, da der entstehende wirtschaftliche Schaden in der Branche sonst jahrelang nachwirken würde.

Weihnachten in Dresden ohne Striezelmarkt? Derzeit gehen die Aufbauarbeiten weiter. Ob der Markt stattfinden kann, ist jedoch noch offen.
Weihnachten in Dresden ohne Striezelmarkt? Derzeit gehen die Aufbauarbeiten weiter. Ob der Markt stattfinden kann, ist jedoch noch offen.  © imago/Robert Michael

Kommentar: Absagen - oder nicht?

TAG24-Redakteur Thomas Staudt kommentiert das Weihnachtsmarkt-Hin-Und-Her.
TAG24-Redakteur Thomas Staudt kommentiert das Weihnachtsmarkt-Hin-Und-Her.  © Holm Helis

Erneut prescht Sachsens Regierungs-Chef Michael Kretschmer vor. Beim Thema Weihnachtsmärkte hat er sich nun für eine generelle Absage ausgesprochen.

Ein Blick auf die Inzidenzen und die Bettenbelegungen in den Kliniken in Sachsen geben Kretschmer recht. Sie toppen derzeit alles, was wir bisher in der Corona-Pandemie erlebt haben.

Aber die Entscheidung für oder gegen eine Durchführung der Weihnachtsmärkte ist keine moralische Frage. Die Frage ist nicht, ob es denkbar ist, dass am Glühweinstand glückselig einer nach dem anderen gekippt wird, während ein paar Tausend Meter weiter Ärzte und Schwestern am Rande des Nervenzusammenbruchs arbeiten.

Die Frage lautet: Trägt die Absage der Märkte dazu bei, das Infektionsgeschehen einzudämmen und damit auch die Kliniken zu entlasten?

In der momentanen Pandemielage hilft selbstverständlich jede Kontaktvermeidung. Wer nicht zum Weihnachtsmarkt fährt, sitzt nicht im Bus, in der Straßenbahn oder im Zug - und kaut natürlich auch nicht am Bratwurststand. Aber alle, die dort an der frischen Luft stehen, verstopfen weder Einkaufszentren noch Restaurants und sie feiern auch nicht im kleineren oder größeren Freundeskreis zu Hause - egal, ob das gerade erlaubt ist oder nicht.

Was besser ist, muss letztlich die sächsische Staatsregierung anhand der Fakten abwägen - und dann eine Entscheidung treffen. Das ist umso dringlicher, da die Regierung wochenlang versichert hat, dass die Weihnachtsmärkte stattfinden können.

Titelfoto: Montage: imago/Robert Michael, Holm Helis

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