Bleiben die Regale bald leer? Teurer Sprit, Getreide und Dünger treiben die Inflation weiter voran

Dresden - Obwohl Deutschland noch keinen Energie-Boykott verhängt hat, schraubt sich die Preisspirale für Öl und Gas immer weiter nach oben. So verteuerte sich Sprit um 25,8 Prozent, Heizöl um 52,6 Prozent, Erdgas um 35,7 Prozent und Strom um 13 Prozent. Die Energiekrise könnte eine wirtschaftliche Kettenreaktion auslösen.

Versorgungsengpässe, Inflation, Wirtschaftskrise: Die Deutschen sorgen sich angesichts des Ukraine-Kriegs um ihre (finanzielle) Zukunft.
Versorgungsengpässe, Inflation, Wirtschaftskrise: Die Deutschen sorgen sich angesichts des Ukraine-Kriegs um ihre (finanzielle) Zukunft.  © Bildmontage: imago images/Westend61, imago images/photothek/Ute Grabowsky

"Russland liefert vor allem Energierohstoffe – Gas, Öl, Kohle. Da wir das kurzfristig nicht substituieren können, muss man mit weiter hohen oder gar noch steigenden Preisen rechnen", konstatiert Joachim Ragnitz (61), stellvertretender Leiter des Wirtschaftsforschungsinstituts ifo in Dresden.

Besonders deutlich bekommen wir das momentan an den Tankstellen zu spüren. Weit über zwei Euro werden inzwischen für Benzin und Diesel aufgerufen. Dass dieser inzwischen teurer ist als Benzin, liege vor allem an der gestiegenen Heizölnachfrage aufgrund der Versorgungsängste der Verbraucher, erklärt der ADAC.

Allerdings: Seit der Vorwoche hat sich Rohöl der Nordseesorte Brent um über 20 US-Dollar verteuert – den registrierten explosionsartigen Anstieg der Kraftstoffpreise rechtfertigt dies nach Ansicht des ADAC jedoch nicht.

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Damit hat sich der Benzinpreis vom Rohölpreis und Dollar-Kurs entkoppelt. Bis zu 200 US-Dollar (aktuell: 122 US-Dollar) pro Barrel Rohöl und drei Euro für Sprit halten Experten für möglich.

Ifo-Experte Prof. Dr. Joachim Ragnitz (61).
Ifo-Experte Prof. Dr. Joachim Ragnitz (61).  © Thomas Türpe

Die hohen Energiepreise gefährden zahlreiche Industriebetriebe

Fast jeden Tag gibt es an den deutschen Tankstellen neue Schockpreise.
Fast jeden Tag gibt es an den deutschen Tankstellen neue Schockpreise.  © Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbild/dpa

Alarm schlagen deshalb nicht nur Pendler, sondern auch die Verbände der Logistikwirtschaft. Sie warnen: "In einem Hilferuf an die Politik fordern die Verbände eine unverzügliche staatliche Intervention. Andernfalls kann die Logistikwirtschaft die Versorgungssicherheit nicht aufrechterhalten."

Darüber hinaus würden die hohen Energiepreise auch alle anderen Güter treffen, sagt ifo-Experte Joachim Ragnitz, "da Energie ein wichtiges Vorleistungsprodukt ist".

So besteht die Gefahr, dass sich Industriebetriebe die Produktion in Deutschland nicht mehr leisten können. Stillstand oder Abwanderung von Arbeitsplätzen wäre die Folge.

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Auch bei der Lebensmittelproduktion wird es wohl zu Verwerfungen kommen. "Russland und die Ukraine sind weltweit wichtige Getreideexporteure. Die Ukraine kann ihre wichtigen Exporthäfen nicht nutzen und Russland fällt aufgrund von Wirtschaftssanktionen aus", sagt Manfred Uhlemann (63), Geschäftsführer des Sächsischen Landesbauernverbands.

"Kurzfristig ist die Getreideversorgung durch unsere eigene Ernte aus dem Vorjahr noch gesichert. Mittelfristig wird es aber zu Versorgungsengpässen kommen. Insbesondere dann, wenn unsere nächste Ernte schlecht ausfällt", mahnt er.

Aus der Ukraine wird in diesem Jahr wohl kein Getreide kommen. Zwar liefert der Staat nur wenig davon in die EU, aber weil es weltweit gehandelt wird, ist auch Deutschland indirekt von einer Verknappung betroffen.
Aus der Ukraine wird in diesem Jahr wohl kein Getreide kommen. Zwar liefert der Staat nur wenig davon in die EU, aber weil es weltweit gehandelt wird, ist auch Deutschland indirekt von einer Verknappung betroffen.  © imago images/Countrypixel
Manfred Uhlemann (63), Hauptgeschäftsführer Sächsischer Landesbauernverband.
Manfred Uhlemann (63), Hauptgeschäftsführer Sächsischer Landesbauernverband.  © Eric Münch

Der Ukraine-Krieg trifft auch die Landwirtschaft

Russland hat die Ausfuhr von Düngemitteln gestoppt. Sachsens Bauern bangen nun um ihre Ernte.
Russland hat die Ausfuhr von Düngemitteln gestoppt. Sachsens Bauern bangen nun um ihre Ernte.  © BildmonTage: Monika Skolimowska/dpa-Zentralbild/dpa, imago images/Ulrich Roth

Zudem seien beide Kriegsparteien "noch viel wichtigere Exporteure von Düngemitteln. Der im Frühjahr für das Pflanzenwachstum dringend benötigte Dünger ist kaum verfügbar und die Preise sind explodiert."

So müssten Sachsens Land- und Tierwirte mit stark verteuerten Betriebsmitteln wirtschaften, vor allem bei "Energie, Saatgut, Düngemittel, Pflanzenschutzmittel, Futtermittel, aber auch Ersatzteilen für die Technik und neue Technik selbst, sofern überhaupt verfügbar". Schließlich seien sie gezwungen, die höheren Kosten auch auf die Produkte umzulegen.

All das treibt auch die Inflation wieder nach oben. Lag die Teuerungsrate im Januar bei 4,9 Prozent, sprang sie im Februar auf 5,1.

Ragnitz: "Die Inflationsrate (wird) in diesem Jahr wohl noch deutlich ansteigen." Experten rechnen mit über 7 Prozent.

Wenn die Logistikbranche die Lieferungen wegen der hohen Spritpreise einstellen muss, drohen leere Regale in den Supermärkten.
Wenn die Logistikbranche die Lieferungen wegen der hohen Spritpreise einstellen muss, drohen leere Regale in den Supermärkten.  © imago images/Sabine Gudath

Entlastungsmaßnahmen: So hilft der Staat

Die Regierung hat bereits Maßnahmen zur Entlastung beschlossen.
Die Regierung hat bereits Maßnahmen zur Entlastung beschlossen.  © pogonici

"Man sollte (..) darüber nachdenken, die Verbraucher zu entlasten", sagt ifo-Experte Joachim Ragnitz, "und zwar nicht nur die sozial Schwachen".

Denn der Energiepreisanstieg treffe fast alle. "Eine Reduktion der Mehrwertsteuer auf Gas und Kraftstoffe bietet sich da an; der Staat hat damit entgegen verbreiteter Meinung keine Mindereinnahmen", sagt er. Denn das Geld werde woanders ausgegeben.

Sachsens Energieminister Wolfram Günther (48, Grüne) hält hingegen wenig von schnellen Einzellösungen. "Man kann nicht einen einzelnen Punkt herausgreifen und sagen, jetzt haben wir das Problem gelöst." Man müsse alles vorurteilsfrei prüfen und abwägen. Im Raum stehen zum Beispiel Mehrwertsteuersenkungen oder die staatliche Deckelung von Energiepreisen.

Beschlossene Entlastungsmaßnahmen sind bisher:

• einmaliger Heizkostenzuschuss für Wohngeld-, Ausbildungshilfe- und Bafög-Empfänger

• Wegfall der EEG-Umlage von 3,7 ct/kWh zum 1. Juli

• Erhöhung Arbeitnehmerpauschbetrag auf 1200 Euro

• Anhebung Grundfreibetrag auf 10.347 Euro

• Erhöhung Pendlerpauschale auf 38 ct/km (ab 21. Kilometer)

• Sofortzuschlag von 20 Euro/Monat ab 1. Juli für von Armut betroffene Kinder

• Verlängerung der Sonderregelungen beim Kurzarbeitergeld bis zum 30. Juni 2022.

Titelfoto: imago images/photothek/Bildmontage: Ute Grabowsky, Sebastian Kahnert/dpa-Zentralbild/dpa

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