Ein Jahr Pandemie in Sachsen: Corona-Zeugnis für die Staatsregierung

Dresden - In einem Online-Bürgerdialog stand Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (45, CDU) am Montag Rede und Antwort zum Thema "Ein Jahr Corona-Pandemie - was lernen wir in Europa daraus?" Eine Steilvorlage für eine viel näherliegende Frage: Wie haben sich die sächsische Staatsregierung und der MP eigentlich bisher in der Krise geschlagen? Das TAG24-Corona-Zeugnis mit Kopfnoten in fünf wichtigen Corona-Kategorien.

In der Corona-Pandemie ist in Sachsen bisher nicht alles optimal gelaufen, aber vieles gut. TAG24 vergibt als Gesamtnote eine 3. Ministerpräsident Michael Kretschmer (45, CDU) hat also allen Grund zu vorsichtigem Optimismus.
In der Corona-Pandemie ist in Sachsen bisher nicht alles optimal gelaufen, aber vieles gut. TAG24 vergibt als Gesamtnote eine 3. Ministerpräsident Michael Kretschmer (45, CDU) hat also allen Grund zu vorsichtigem Optimismus.  © dpa/Sebastian Kahnert

Lockdown: Nach dem ersten Bundes-Lockdown 2020 versprüht Kretschmer viel Optimismus. Man habe die Pandemie gut gemeistert, heißt es quer durch die Staatsregierung. Im Sommer rücken größere Events in den Bereich des Möglichen. Sachsens 30. lässt der MP (unter Auflagen) sogar im Stadion feiern.

Das böse Erwachen für den MP im Dezember: Kretschmer besucht mehrere Krankenhäuser, sieht die Not und wird zum großen Warner. Keine Appelle mehr an die Eigenverantwortung, stattdessen straffere Zügel. Den superkrassen Lockdown scheut er, auch als um Weihnachten die Inzidenzzahlen explodieren. Unterm Strich eine ... gerade noch 'ne 3.

Schule: Mit den Schulschließungen im Dezember 2020 nimmt der MP die Entwicklung der dritten Welle quasi vorweg. Schulen gelten bis dato nicht als Hotspots, müssen aber schließen. Anders ist das in der dritten Welle. Trotzdem dürfen schon am 18. Januar alle Abschlussklassen zurück in den (Wechsel-)Unterricht. LernSax hakt, die Lehrer stöhnen, die Schüler sowieso. Konsequent ist das Vorgehen im Vogtland. Mit den inzidenzunabhängigen Schulöffnungen sind Kretschmer und Christian Piwarz (45, CDU, Kultus) im April auf Kurs.

Allerdings werden die Warnrufe aus Sachsen in der Diskussion um die Bundes-Notbremse nicht gehört. Lässt man die Versäumnisse bei der Digitalisierung der Schulen der vergangenen Jahre weg, ergibt sich eine 1-2.

Hier schnitt Kretschmer nur ausreichend ab

Grenzkontrollen: viel zu zögerlich und inkonsequent - nur eine Vier.
Grenzkontrollen: viel zu zögerlich und inkonsequent - nur eine Vier.  © imago images/Haertelpress

Grenzen: Im Herbst ruft Tschechien den Corona-Notstand aus. Als die Läden dort zu sind, kaufen die tschechischen Nachbarn einfach in Dresden ein. Grenzschließungen? Fehlanzeige. Arbeitskräfte aus dem Nachbarland fehlen, heißt es von Wirtschaftsvertretern. Aber die sächsische Corona-Karte färbt sich vom Süden her (Grenze zu Tschechien) in immer tieferem Rot.

Noch heute ist das Erzgebirge bundesweiter Corona-Brennpunkt. Im zweiten Lockdown reagiert Kretschmer mit temporären Grenzkontrollen, Einreisebeschränkungen und Tests konsequenter. Aber wieder bleiben die Grenzen und damit ein Einfallstor für das Virus offen.

Richtig gut: die Absprachen mit Tschechien. Eine gemischte Gemengelage zwar, aber ein viel zu zögerliches Eingreifen. Das ist eine klare 4.

Sachsen ermöglichte früh einer weiteren Gruppe die Impfungen

Impfen: Nach Anfangsschwierigkeiten (Serummangel) laufen die Impfzentren wie gut geölte Maschinen. Inzwischen ist mehr als jeder Vierte in Sachsen zumindest einmal geimpft - eine sehr gute Drei.
Impfen: Nach Anfangsschwierigkeiten (Serummangel) laufen die Impfzentren wie gut geölte Maschinen. Inzwischen ist mehr als jeder Vierte in Sachsen zumindest einmal geimpft - eine sehr gute Drei.  © DPA/Robert Michael

Impfen: Die Impfpolitik ist vielleicht der Bereich, in dem der Ministerpräsident und Gesundheitsministerin Petra Köpping (62, SPD) den geringsten Gestaltungsspielraum hatten. Dennoch: Mitte Dezember sind die Impfzentren, wie vom Bund gefordert, startklar.

Aber bis heute ist kaum ausreichend Impfstoff vorhanden. Trotzdem laufen die Impfungen in vielen anderen Bundesländern reibungsloser.

Sachsen legt viel Wert auf die frühzeitige Impfung gefährdeter Gruppen. Und das ist gut so. Das zentrale Impfportal öffnet spät. Aber die frühe Öffnung der Priorisierungsgruppe 3 in Sachsen vor wenigen Wochen eröffnet weiten Bevölkerungsgruppen eine Impfperspektive. Das ist - in Anbetracht der Umstände - eine sehr gute 3.

Lockdown: Im vergangenen Jahr zu lasch, erst spät zog Sachsen die Zügel an - gerade noch ne 3.
Lockdown: Im vergangenen Jahr zu lasch, erst spät zog Sachsen die Zügel an - gerade noch ne 3.  © dpa/Sebastian Willnow

Dialog: Kretschmer kann reden, und er tut es auch, gerade in der Corona-Pandemie. Ganz ohne Scheuklappen und mit Berührungsängsten nur da, wo es die Hygieneregeln erfordern. Er hört zu, bis es wehtut, vertritt aber auch klar seine Meinung. Unter vier Augen und vor großem Publikum. Er redet mit den "Kleinen", wie dem Dresdner Wirt Mario Zichner, und unzähligen "Großen".

Und sogar mit Kati Witt (55), die eigentlich nichts zu sagen hat, aber dafür eine große Reichweite. Auf den erhobenen Zeigefinger der Abgeordneten, die bei den Corona-Schutz-Verordnungen mitreden wollen, reagieren er und sein Kabinett etwas verzögert. Das macht eine 1-.

Titelfoto: Montage: dpa/Sebastian Kahnert, dpa/Sebastian Willnow

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